Veranstaltung mit den drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz | REUTERS
Analyse

CDU-Vorsitz Ab in die Mitte

Stand: 01.12.2021 21:52 Uhr

Für Unentschlossene in der CDU war der Auftritt der drei Vorsitz-Kandidaten keine Hilfe: Es wurden eher Gemeinsamkeiten als Differenzen sichtbar. Erstaunlich war aber die Regie - und wer zu Wort kam und wer nicht.

Eine Analyse von Corinna Emundts, tagesschau.de

Die erste Stunde des digitalen Gesprächswettbewerbs der drei Kandidaten ist schon fast vorbei, als die erste zarte Uneinigkeit gegen 18.58 Uhr zwischen ihnen ausgetragen wird: da geht es um den Bildungsföderalismus, den Norbert Röttgen soeben kritisiert hatte und eine klare Haltung dazu in der CDU fordert. Das lockt dann endlich mal seinen Kontrahenten Friedrich Merz aus der Reserve: "Also mit Verlaub, ich glaube nicht, dass wir den Bildungsföderalismus überwinden" - das brauche eine Zweidrittelmehrheit und koste zuviel Kraft.

Corinna Emundts tagesschau.de

Auch beim Thema Klimaschutz setzen die beiden Politiker, die sich seit Merkels Rückzug vom Parteivorsitz bereits zum zweiten Mal (Röttgen) oder gar zum dritten Mal (Merz) um den CDU-Vorsitz bewerben, unterschiedliche Akzente - allerdings auch nur in Nuancen, mehr nicht. Röttgen will, dass die CDU die "kompetenteste Klimaschutzpartei" wird, die Marktwirtschaft, Technologie, soziale Akzeptanz und außenpolitische Kompetenz verbinde.

Merz will das auch, nur nicht ganz so grün angestrichen und internationaler angelegt, weil man national nicht soviel erreichen, dafür potentiell enttäuschen könne. Helge Braun, der Dritte in der Runde und als noch amtierender Kanzleramtschef vor wenigen Wochen spät als Überraschungskandidat in den Wettbewerb eingestiegen, will das auch - mit Schwerpunkt auf der Wasserstofftechnologie.

Moderner werden - nur wie?

Ansonsten erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer an diesem Abend viel Gemeinsamkeit nicht nur bei europa- und außenpolitischen Fragen. Alle drei Bewerber sprechen von einer "Zäsur" nach der Ära Merkel. Sie eint geradezu die Botschaft, die CDU müsse moderner werden und Antworten auf die Themen der Zeit finden. Alle drei betonen den Teamgeist, der nun in die neue Parteispitze einziehen sollte, alle verneinen die Frage nach einer Doppelspitze: das passe nicht zur Partei.

Braun und Röttgen wollen Dialoge und Diskussionen zwischen den Flügeln der Partei fördern. Auch Merz hat da nichts dagegen, akzentuiert allerdings etwas mehr, was er als Vorsitzender zu tun gedenke: etwa auch Wahlkreise aufsuchen, um Frauen zu Kandidaturen zu überreden, auch um den Preis, dort dann einzelne Männer zu ärgern.

Christliches Menschenbild, jeder der drei Kandidaten hat hier eine kluge Antwort, die Christen, Andersgläubige und Nichtgläubige gleichermaßen adressiert. Bis zum Schluss halten Braun, Merz und Röttgen die Linie, die Mitte der Partei ansprechen zu wollen, nicht ihre Ränder.

Auffällig ist, wer zu Wort kommt

Auffällig ist die Regie dieser CDU-Veranstaltung im "Townhall-Format" mit ausgewähltem Publikum: Die Repräsentanz der Fragenden steht in diesen anderthalb Stunden geradezu im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Repräsentanz in der Partei: Viele jüngere Frauen kommen zu Wort und Bürger mit Migrationshintergrund. Alle legen sie eigentlich den Finger in die Wunden der Partei, die nicht mehr bei der Wählergruppe der Unter-30-Jährigen und Frauen punktet.

Eher ältere Herren kamen erst spät dran. Aber kein älterer Unternehmer, der über die Wirtschaftspolitik Merkels lästert und endlich mehr Freiheit für die Wirtschaft fordert - wie etwa die medial mächtige innerparteiliche Unterstützergruppe rund um den Wirtschaftsrat, die stets treu für Friedrich Merz trommelt. Niemand unter den Fragenden, der auch nur ansatzweise fände, dass die CDU konservativer oder deutschnationaler werden müsse - wie es vor der Bundestagswahl etwa Hans-Georg Maaßen getan hatte.

Die Metamorphose des Friedrich Merz

Überraschend an diesem Abend erscheint die Metamorphose des Friedrich Merz, der sich für seine Verhältnisse geradezu "feminisiert" hat und einmal sogar von "Wählerinnen und Wählern" spricht. Ebenso für die Frauenquote, wenn nichts anderes helfe.

Röttgen wird am kritischsten mit der Partei: Aufbruch und Erneuerung brauche sie, man müsse wieder anschlussfähig werden (Jüngere, Frauen). An parteipolitischem Engagement interessierte Frauen würden an der Parteibasis zu oft auf eine Gesellschaft von älteren Männern stoßen, "die sich selbst genügten" - und nie wieder kommen. Die Partei brauche neue Zielgruppenformate, die nicht der Abschreckung dienten.

Vielleicht wird es nach diesem Abend für unentschiedene CDU-Mitglieder nicht wesentlich leichter bei soviel Gemeinsamkeit. Aber es war eine irgendwie ehrliche Veranstaltung, die viel über den Zustand der Partei erzählte. Sei es beim Thema Frauen, beim Thema Migrationshintergrund oder wie Parteitage empfunden werden: Die CDU müsse wieder interessant werden, auf Parteitagen müssten echte Diskussionen stattfinden, statt sich im "Vollzug von Ritualen" zu erschöpfen, befindet Röttgen: "Kein normaler Mensch kommt dorthin, nur um zu applaudieren."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. Dezember 2021 um 22:15 Uhr.