Schatten auf der Wand mit dem CDU-Logo | dpa

Ringen um den CDU-Vorsitz Wie Merz, Röttgen und Braun punkten wollen

Stand: 01.12.2021 12:46 Uhr

Heute stellen sich die Kandidaten für den CDU-Vorsitz - Merz, Röttgen und Braun - erstmals gemeinsam der Parteibasis. Favoriten- und Außenseiterrolle sind klar verteilt. Wer versucht wie zu überzeugen?

Von Franka Welz, ARD-Hauptstadtstudio

Ein Triple hat Friedrich Merz schon erreicht: Der Abgeordnete, der für den Hochsauerlandkreis im Deutschen Bundestag sitzt, kandidiert bereits zum dritten Mal für den CDU-Vorsitz. 2018 und 2021 war er jeweils in einer Stichwahl an Annegret Kramp-Karrenbauer beziehungsweise Armin Laschet gescheitert. Das soll diesmal anders werden, und tatsächlich ist auch einiges anders beim dritten Anlauf des Friedrich Merz. Entscheiden werden die Vorsitzfrage diesmal die CDU-Mitglieder, nicht die Delegierten auf dem Wahlparteitag. Formal wird die Basis zwar nur befragt, für einen Mitgliederentscheid müsste die Parteisatzung geändert werden.

Franka Welz ARD-Hauptstadtstudio

Faktisch wird das Ergebnis der Befragung aber ein Auftrag an die Delegierten sein, der Basis auf dem Parteitag zu folgen und es dort zu bestätigen. Darauf setzen Merz und seine Mannschaft, denn der mittlerweile 66-jährige gilt als beliebt bei den vielen eher älteren CDU-Mitgliedern - der Altersdurchschnitt der rund 400.000 Parteimitglieder beträgt immerhin ziemlich genau 60 Jahre, knapp ein Viertel von ihnen sind Frauen, und gerade bei Männern kommt der als konservativ und wirtschaftsliberal geltende Merz besonders gut an, speziell in den ostdeutschen Landesverbänden.

Der neue Merz will integrieren

Nur seine Kernklientel zu bedienen, dürfte aber kaum für den Hauptpreis reichen, deshalb überlässt Merz bei dieser Kandidatur nichts dem Zufall, diversifiziert sein Portfolio, auch inhaltlich. Nach eingehender Analyse der Defizite der Union im vergangenen Bundestagswahlkampf will Merz etwa für die Partei "Kompetenz in der Sozialpolitik zurückgewinnen", denn, so Merz, Wirtschaft sei nicht alles.

Der neue Friedrich Merz will integrieren, beteuert, mit ihm werde es keinen Rechtsruck in der Partei geben, will auch nicht mehr versuchen, Wähler von der AfD zurückzugewinnen. Milder im Auftreten, mit einem sorgsam auf die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der CDU ausgerichteten Personaltableau - eine Kandidatur, wie am Reißbrett geplant, die es diesmal wirklich allen recht machen soll. Als möglichen Generalsekretär schlägt Merz Mario Czaja (46) vor, der den Ostberliner Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf erstmals für die CDU gewonnen hat - nach mehr als 30 Jahren, in denen er von prominenten Linken-Abgeordneten wie etwa Petra Pau vertreten wurde. Ausschlaggebender für die Wahl Czajas dürfte jedoch gewesen sein, dass er CDA-Mitglied ist und damit dem Sozialflügel der CDU angehört.

Czajas Stellvertreterin - diese Position müsste erst noch neu geschaffen werden - soll Christina Stumpp aus Baden-Württemberg werden. Mit 34 Jahren soll sie wohl die jüngere Generation ansprechen, aber auch konservative Kommunalpolitiker aus der Fläche, denn aus bundespolitischer Sicht ist die frisch gebackene Bundestagsabgeordnete noch ein unbeschriebenes Blatt.

Röttgen, zum Zweiten

Norbert Röttgen dürfte Merz‘ Personalauswahl mit Interesse zur Kenntnis genommen und registriert haben, wie der offenbar versucht, ihm in einigen Bereichen das Wasser abzugraben. Der 56-jährige Röttgen unternimmt seinen zweiten Anlauf mit einer neuen Frau an seiner Seite. Sollte er sich gegen seine Mitbewerber durchsetzen, soll die 39-jährige Hamburgerin Franziska Hoppermann Generalsekretärin werden. Wie Christina Stumpp neu im Bundestag, bringt auch Hoppermann vor allem kommunalpolitische Erfahrung mit, in ihrem Fall in Hamburg-Wandsbek. Sie hat außerdem eine Behörde in der Hamburger Justizverwaltung geleitet.

In dieser Runde will Röttgen vor allem als derjenige überzeugen, der der CDU am ehesten den Status als "Volkspartei der Mitte" retten kann. Dafür scheut Röttgen keine Redundanz, verortet sich selbst unermüdlich in der Mitte besagter Volkspartei der Mitte. Wie Merz hat auch Röttgen etwas an seinem Profil herumgeschraubt, um etwaige Lücken in der öffentlichen Wahrnehmung zu schließen. Gewohnt sichere Töne in den Bereichen Klimaschutz und Außenpolitik, zuletzt aber auch etwas schärfere Töne beim Thema Migration. Der Ampel wirft Röttgen vor, einen Spurwechsel anzustreben und abgelehnten Asylsuchenden so doch noch Wege auf den deutschen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Ich kann auch hart, dürfte die gewünschte Botschaft sein, aber ob sie auch verfängt?

Damit sind die Avancen Röttgens und auch Hoppermanns in Richtung derer, die klassisch eher Friedrich Merz anhängen dürften, aber noch nicht vorbei. Die CDU müsse die "legitime Heimat konservativ gesonnener Menschen" sein, wirbt Röttgen für sich und Hoppermann wünscht sich eine CDU, die künftig in der Gesellschaft darauf hinwirkt, "Gemeinsinn und Patriotismus" wieder stärker hervorzuheben. Röttgen dürfte derzeit der wohl härteste Konkurrent von Friedrich Merz sein.

Wie sehr die beiden sich belauern, zeigt sich auch daran, wie sie ihre Profile um Eigenschaften erweitern, die jeweils eher dem anderen zugeschrieben werden. Röttgen könnte vor allem bei Jüngeren und den Frauen in der Partei punkten, was aber aufgrund der Struktur der CDU nicht reichen würde. Daher muss er, der bisher glaubhaft vermitteln konnte, dass er die CDU nicht nur kosmetisch verändern, sondern von Grund auf modernisieren will, nun eben so glaubhaft machen, wie er gleichzeitig ihren Charakter bewahren und die Konservativen in ihren Reihen nicht überfordern will.

Der nette Herr Dr. Braun

Der scheidende Kanzleramtsminister Helge Braun würde der CDU eine Kombinationstherapie aus Bodenständigkeit und Bürgernähe verordnen. Nötig sei, diagnostiziert der 49-jährige Intensivmediziner aus Hessen, "dass wir von einer Mitgliederpartei zu einer richtigen Mitmachpartei werden". Als langjähriger Wegbegleiter von Angela Merkel steht Braun vor der Herausforderung, glaubhaft zu vermitteln, wie er Aufbruchsstimmung erzeugen will. Er versucht es mit der Idee, die CDU grundlegend zu erneuern: "in den Köpfen … in den Inhalten … in der Organisation", heißt das bei Braun.

Wie seine Mitbewerber hat auch Braun Frauen in sein Team geholt. Anders als bei Röttgen und Merz, sind die Frauen an Brauns Seite bundespolitisch keine Unbekannten. Serap Güler, seit 2017 bis zu ihrem Wechsel in den Bundestag Staatssekretärin für Integration im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, soll im Fall der Wahl Brauns zum CDU-Vorsitzenden Generalsekretärin der Partei werden.

Die 41-Jährige gilt als Vertraute des scheidenden CDU-Chefs Armin Laschet und sitzt seit 2012 im Bundesvorstand der Partei. Die Programm- und Strukturabteilung soll nach Brauns Willen künftig die Digitalpolitikerin und bisherige stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Nadine Schön (38), leiten. Auf dem Papier hat Braun die hochkarätigste Mannschaft zusammengestellt, aber nach heutigem Stand bisher eher Außenseiterchancen auf den Parteivorsitz.

Inhaltlich will auch Braun die CDU zu einer Partei machen, in der sich Mitglieder all ihrer Strömungen wohl fühlen. Die Partei muss seiner Ansicht nach dafür sorgen, dass alle ihre Wurzeln als gleichgewichtig wahrgenommen würden. Hier hätten sich im Wahlkampf und in den vergangenen Jahren erhebliche Probleme gezeigt. Er bemängelt, gerade die "sozialen Wurzeln" der CDU seien im Wahlkampf nicht genügend deutlich geworden. Aus seiner Sicht müsse die CDU "immer für die hart arbeitende Bevölkerung mit ihren Alltagssorgen" da sein, deren Anliegen müssten für die Partei im Mittelpunkt stehen, darunter die Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Altersversorgung, des Wohnumfeldes wie Mieten. Ein "Herzensanliegen" müssten all diese Themen für die CDU sein, so Braun und die Partei müsse "klare und einfache Antworten" auf diese Fragen haben.

Verbale Schärfe oder hochtrabende Gedankenspiele sind - zumindest öffentlich - nicht Brauns Sache. Verbindlichkeit hingegen schon und, darauf scheint er zu bauen, mit der durchaus streitbaren Serap Güler, die so Braun, "diskutieren, manchmal polarisieren und integrieren" könne, als Frau fürs Grobe, falls nötig.

Vorteil Merz

Am 4. Dezember beginnt die Mitgliederbefragung. Formal gewählt werden soll der nächste CDU-Bundesvorsitzende von den 1001 Delegierten bei einem Parteitag am 21. Januar. Umfragen wie der ARD-DeutschlandTrend sehen Merz recht konstant als Favorit der Basis, mit deutlichem Vorsprung vor Röttgen und Braun. Sie zeigen aber auch, dass viele Parteimitglieder sich noch nicht festgelegt haben, und das könnte die größte Herausforderung für den nächsten CDU-Vorsitzenden sein, egal, wie er heißt: die eigene Partei wirklich von sich zu begeistern und zu überzeugen, damit sie nach der dritten Vorsitzendenwahl innerhalb von drei Jahren wieder etwas zur Ruhe kommt.

Über dieses Thema berichtete mdr aktuell am 01. Dezember 2021 um 15:10 Uhr.