Ein Überblick über die Eröffnungssitzung des Deutschen Bundestages in Berlin. | REUTERS

Junge Abgeordnete Arbeitsbeginn in der Behörde Bundestag

Stand: 26.10.2021 10:14 Uhr

Für alles gibt es ein Formular und die Einrichtung der dienstlichen E-Mail-Adresse braucht Zeit: Viele junge Abgeordnete starten in das Abenteuer Bundestag - voller Vorfreude und einer Portion Respekt.

Von Albrecht Breitschuh, ARD-Hauptstadtstudio

"Am Tag nach der Wahl aus dem Hauptbahnhof herauszulaufen, auf den Reichstag zu und zu wissen: Das ist jetzt in den nächsten vier Jahren mein Arbeitsplatz - das war schon etwas ganz Besonderes", sagt Jakob Blankenburg. Der 24 Jahre alte, direkt gewählte SPD-Abgeordnete aus Bienenbüttel, einem Ort in der Nähe von Lüneburg, gehört zur Gruppe der unter 30-Jährigen. Deren Anteil ist mit sechs Prozent zwar überschaubar, trotzdem so groß wie noch nie. Als Angela Merkel 2005 Bundeskanzlerin wurde, waren es gerade einmal zwei Prozent.

"Ich halte das für sehr wichtig", sagt Blankenburgs Kollegin Merle Spellerberg von den Grünen. "Aber genauso wichtig ist eine generell bunte Durchmischung des Bundestages. Wenn wir alle nur 24-jährige Studentinnen und Studenten wären, wäre das genauso problematisch."

Merle Spellerberg | Luise Schmiedichen

Bundestags-Neuling Merle Spellerberg möchte sich in der Außenpolitik engagieren. Bild: Luise Schmiedichen

Spellerberg ist über die sächsische Landesliste der Grünen zu ihrem Mandat gekommen. Nie waren die Chancen für junge Abgeordnete besser, sich im Parlament Gehör zu verschaffen und vielleicht einen eigenen Politikstil zu prägen, als im neuen Bundestag. Die Grüne engagiert sich besonders in der Außenpolitik, steht für eine "feministische Außenpolitik", wie sie präzisiert. Die setze dort ein, wo Frauenrechte oder die Rechte vulnerabler Gruppen unterdrückt werden: "Meine Themen, meine Fachkenntnisse und meine Perspektiven möchte ich auch einbringen. Wenn wir in bestimmten Runden thematisch reden, dann höre ich als Neue erst einmal zu. Aber wenn ich merke, dass Punkte fehlen, dann melde ich mich. Denn dafür bin ich gewählt worden."

In welchen Ausschüssen die beiden landen, wissen sie erst nach den Koalitionsverhandlungen. Wünsche formulieren sie eher verhalten, wie es wohl die meisten Neulinge machen würden - nicht nur in der Politik.

Formulare und Sachbearbeiter

"Erst einmal richtig ankommen", hat sich Jakob Blankenburg vorgenommen. Der Landesvorsitzende der Jusos in Niedersachsen bringt zwar schon eine Menge politischer Erfahrung auf kommunaler Ebene mit, er kennt das Innenleben seiner Partei durch die Arbeit in der SPD-Jugendorganisation auch recht gut - aber die Hauptstadt und der Bundestag sind allein schon wegen ihrer Größe eine ganz neue Herausforderung:

"Ich sehe die nächsten Wochen noch als Lernphase, in der ich den Politikbetrieb verstehen will. Wie funktioniert das hier? Wie sind die Abläufe? Man darf nicht unterschätzen, dass der Bundestag auch eine große Behörde ist, in der es für alles ein Formular und einen zuständigen Sachbearbeiter gibt. Man füllt unglaublich viel Formulare aus, kreuzt Kästchen an oder unterschreibt Anträge."

Jakob Blankenburg

Auf ins Abenteuer Bundestag: Jakob Blankenburg

E-Mail-Adresse und Wohnungssuche

Auch eine dienstliche E-Mail-Adresse zu bekommen, ist ein zeitaufwendiges Projekt. Blankenburg wartet immer noch. Für die Bundestags-Novizen ist es schon aus praktischen Gründen selbstverständlich, sich auch fraktionsübergreifend zu vernetzen, um die kleineren und größeren Herausforderungen des neuen Arbeitsplatzes zu meistern. Darüber hinaus müssen sie ihre eigenen Büros einrichten und mit Personal besetzen. Sie müsse derzeit sehr viele Bewerbungsgespräche führen, sagt Spellerberg, die Liste sei lang. Und eine eigene Wohnung sucht sie auch noch:

"Ich bediene gerade die Berlin-Klischees bei der Wohnungssuche. Derzeit wohne ich bei einer Freundin, deren Schwester gerade für ein Jahr im Ausland ist, zur Untermiete."

Auch Jakob Blankenburg ist bei Freunden untergekommen, will sich mit der Wohnungssuche aber noch ein bisschen Zeit lassen, zumal er ohnehin viel zwischen Berlin und Lüneburg pendelt.

Vorfreude auf die erste Rede

Wenn sich heute der 20. Deutsche Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung trifft, sind für beide aber die hektischen ersten Wochen nach der Wahl ganz weit weg: "Ein Abgeordneter hat mir prophezeit, dass ich mich in den nächsten Wochen und Monaten noch oft kneifen werde und mich fragen, ob das alles wahr ist", sagt Blankenburg.

Vorfreude wecken vor allem die Parlamentsdebatten, die er sich hart in der Sache, aber nicht verletzend im Ton wünscht. Auch was den Umgang zwischen den Abgeordneten im Plenum angeht, könnten die Neulinge einen anderen Stil prägen. Auf Ordnungsrufe hat es Blankenburg jedenfalls nicht abgesehen:

"Es ist natürlich auch schon ein Vorteil, wenn man etwas unverbrauchter in diesen Betrieb reinkommt. Ich habe an mich den Anspruch, dass man nach einer heftigen Debatte immer noch ein Bier trinken und sich in die Augen schauen kann."

Und die erste Rede im Bundestag? "Das ist eine unfassbare Ehre und ein großes Privileg, im Deutschen Bundestag sprechen zu können", sagt die Grünen-Politikerin Spellerberg. "Ich glaube schon, dass ich sehr nervös sein werde. Aber es wäre auch falsch, das komplett entspannt anzugehen." Auch der SPD-Abgeordnete Blankenburg erwartet einen "ganz besonderen Moment". Wenn es so weit sei, werde er sich besonders vorbereiten. "Ich freue mich tatsächlich schon drauf."

Über dieses Thema berichteten am 26. Oktober 2021 Inforadio um 06:26 Uhr sowie um 07:45 Uhr und tagesschau24 ab 09:30 Uhr.

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Moderation 26.10.2021 • 16:18 Uhr

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