Ein Werbeplakat für die Fußball-WM 2022 in Katar hängt im Flughafen von Doha. | REUTERS

Stimmung in der Bundespolitik Von WM-Fieber keine Spur

Stand: 21.11.2022 11:35 Uhr

Die Begeisterung für die WM in Katar hält sich auch bei der Bundesregierung in Grenzen. Während sich Sportministerin Faeser eine Reise nach Katar noch offen hält, haben andere bereits abgewunken.

Von Oliver Bemelmann und Dietrich Karl Mäurer, ARD-Hauptstadtstudio

Kurz vor Beginn der Fußball-WM in Katar ist das Interesse in der Bevölkerung gering. Laut ARD-DeutschlandTrend hat mehr als die Hälfte der Bundesbürger nicht vor die Spiele anzuschauen.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Hauptstadtstudio

Die Gründe für die gedämpfte Euphorie sind vielfältig: der ungewöhnliche Termin des Turniers wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest, die Vermutung, dass bei der Vergabe nach Katar durch den Weltfußballverband FIFA nicht alles mit rechten Dingen vorging und nicht zuletzt die Menschenrechtslage im Spielort Katar.

Frauen und Männer sind in dem streng islamischen Emirat nicht gleichberechtigt, Frauen werden oft benachteiligt, Homosexualität ist verboten, queeren Menschen drohen Haft und Folter. Der Umgang mit Arbeitsmigranten ist menschenunwürdig.

Habeck: "Bekloppte Idee"

Diese Frage nach dem Umgang mit der WM stellt sich auch und gerade für Mitglieder der Bundesregierung. Ob Bundeskanzler Olaf Scholz zur WM nach Katar reisen wird, ist noch unklar. Auf die Frage, ob er sich ähnlich wie seine Vorgängerin Angela Merkel, die sich als großer Fan der Nationalmannschaft gezeigt hatte, auch Spiele anschauen werde, antwortete ein Regierungssprecher, dass der Bundeskanzler sich auf die Spiele der Mannschaft freue.

Klar ist aber, dass Scholz nicht zum Auftakt der WM und auch nicht zum Auftaktspiel der DFB-Elf reisen wird. Sollte es sein Terminkalender erlauben, werde Scholz die Spiele im TV verfolgen. Für den Fall, dass die deutsche Nationalmannschaft das Finale erreichen sollte, wollte ein Sprecher es nicht ausschließen, dass der Kanzler zu diesem Spiel fährt.

Dagegen erklärte Vizkanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf die Frage, ob er sich die WM anschaue, er habe noch "nie so wenig Lust gehabt eine Fußballweltmeisterschaft zu gucken wie diese". Der Grünen-Politiker wollte nicht ausschließen, dass es irgendwie dann doch noch ein Interesse daran gebe, "aber im Moment sei dies nicht sehr ausgeprägt". Eine WM bei Hitze im Gastgeberland halte er für eine "bekloppte Idee".

"Viele andere Dinge zu tun"

Die für den Sport zuständige Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte vor wenigen Wochen das Emirat besucht und dort mit dem Regierungschef über die Sicherheit der anreisenden Fans gesprochen. Der Premierminister habe ihr dafür eine Garantie gegeben. Sie könne auch Homosexuellen guten Gewissens empfehlen, zur WM zu reisen.

Hieß es vor wenigen Tagen noch von einem Sprecher des Innenministeriums, dass Faeser "auch viele andere Dinge zu tun" habe, deutete sich zuletzt an, dass die Ministerin nach einem für Anfang der Woche geplanten Besuch in der Türkei nach Katar weiterreisen könnte. Von einem Sprecher hieß es: Die Ministerin habe angekündigt, dass sie die deutsche Nationalmannschaft unterstützen möchte. Gleichzeitig suche sie den Dialog mit der katarischen Regierung zu dortigen Reformen - insbesondere in Menschenrechtsfragen. Die Planungen zu der Reise seien noch nicht abgeschlossen.

Die Opposition und der Blick auf die WM

CDU-Chef Friedrich Merz meinte im Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Wir sollten die WM bei dem belassen, was sie ist: ein sportliches Großereignis in einem Land, das zu Recht in Teilen kritisch gesehen wird." Das Emirat könne zeigen, dass es ein guter Gastgeber ist. Den Fans, die nach Katar reisen, rät der Christdemokrat, sich an die Gesetze des Landes zu halten. "Die WM ist ein Sportereignis und keine politische Demonstrationsveranstaltung." Die Spiele nicht im TV zu verfolgen, würde dem Team von Hansi Flick nicht gerecht.

Der sportpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Jörn König, hält die Menschenrechtslage in Katar für "weiterhin unbefriedigend". Er erklärte gegenüber tagesschau.de, es sei ein Fehler gewesen, die WM an das Emirat zu vergeben. Diesen Fehler habe jedoch die FIFA gemacht. König lehnt Boykotte, die vor allem die Sportler bestrafen würden, ab und verweist darauf, dass er als Leistungsschwimmer der DDR 1984 beinahe selbst von Sportboykotten betroffen gewesen wäre. Im Umfeld des Turniers gebe es "Chancen für kritische Aussagen" vor Ort, die wahrgenommen werden sollten.

Der sportpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Linken Andre Hahn sagt, er habe großes Verständnis für die Aufrufe zum sportlichen oder auch politischen Boykott der WM in Katar. Den Aufrufen anschließen will er sich nicht. Er fordert, dass Menschenrechtsdefizite im Ausrichterland offen angesprochen werden. Sowohl durch Vertreter der Fußballverbände wie auch der Politik. "Ich bin für Dialog statt Boykott." Hahn kündigte an, er werde die WM verfolgen. Er drücke dem deutschen Team die Daumen.

Was fordern Bürger- und Menschenrechtler?

Der Lesben und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) fordert von deutschen Fußballfans, die WM zu boykottieren, die übertragenen Spiele nicht anzuschauen, keine Merchandising-Artikel zu kaufen, um dadurch das "menschenverachtende System aus FIFA und Katar" nicht zu unterstützen. Von der Bundesregierung erwartet der Verband, dass sie konsequent alle diplomatischen Reisen während und zur WM in Katar absagt.

Menschenrechtsorganisationen sehen diese Forderung auch kritisch. In einer Broschüre der evangelischen Kirche "Macht hoch die Tür, die Tooor macht weit" nennt Sylvia Schenk, die Sportexpertin von Transparency International einen Boykott kontraproduktiv, denn durch die hohe internationale Aufmerksamkeit habe sich in Katar vieles zum Guten gewendet. Auch Amnesty International forderte nie einen Boykott. Die Entscheidung, zu gucken oder nicht, sehen die Menschenrechtler bei jedem Einzelnen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 20. November 2022 um 09:08 Uhr.