Bundeswehrsoldaten in Afghanistan tragen Waffen  | dpa

Bundestag zum Afghanistan-Abzug Applaus und die Frage: War es das wert?

Stand: 23.06.2021 18:16 Uhr

59 Bundeswehrsoldaten sind in Afghanistan ums Leben gekommen, zahlreiche wurden verletzt und traumatisiert. Zum Abzug der Soldaten debattierte der Bundestag. Und da gab es Lob, aber auch eine Menge Kritik.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Nicht genug wertgeschätzt zu werden, dafür dass sie Leib und Leben riskieren - das ist eine Klage, die man häufig aus den Reihen der Bundeswehr hört. Über mangelnde Anerkennung, Dank und Applaus konnten sich jene Afghanistanrückkehrer, die von der Bundestagstribüne aus der Debatte lauschten, zumindest in jenen fast 90 Minuten nicht beklagen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Maas: "Ihr Einsatz war nicht umsonst"

Für Mut, Tapferkeit und Ausdauer lobte Außenminister Heiko Maas die Bundeswehr für 20 lange Jahre Engagement am Hindukusch: "Ihr Einsatz war nicht umsonst", sagte Maas. Man werde "mit zivilen Mitteln das fortführen, wofür Sie so große Opfer gebracht haben".

Allerdings hatten die Taliban in den letzten Tagen auch im Einsatzgebiet der Deutschen Bezirk für Bezirk erobert. Landeskenner warnen, es stehe fast alles auf dem Spiel, was in 20 Jahren Einsatz erreicht worden sei.

Bartsch: "Krieg gegen den Terror gescheitert"

Der Fraktionschef der Linkspartei, Dietmar Bartsch, sieht die Extremisten vielfach zurück an den Schalthebeln der Macht. "Der Krieg gegen den Terror ist gescheitert", sagte er. "Sie hinterlassen ein kaputtes Land. Nichts ist gut in Afghanistan." Womit Bartsch einen hochumstrittenen Satz der evangelischen Bischöfin Margot Käßmann aus dem Jahr 2010 reaktivierte.

Die Bundesregierung versucht, den Einsatz schon seit einiger Zeit mit dem Argument zu verteidigen, man habe erreicht, dass kein terroristischer Angriff - wie der vom 11. September 2001 - mehr von afghanischem Boden ausgehen könne. Und militärisches Eingreifen ist aus Sicht von Außenminister Maas in vielen Situationen nun einmal die Voraussetzung dafür, zivil helfen zu können, wie er an die Linkspartei gewandt unterstrich: "Alles andere ist nichts als wohlfeiles Geschwätz."

Grüne: "Warum kein Abschiebestopp?"

Womit die Debatte aber ganz sicher nicht erledigt ist: Die Frage "War es das wert?" angesichts von 59 gefallenen Bundeswehr-Soldaten, angesichts zahlreicher Verletzter und Traumatisierter, wird gerade in den Tagen rund um den Abzug noch oft gestellt werden.

Die AfD hält den Einsatz, ähnlich wie die Linkspartei, komplett für gescheitert. Und der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour wirft angesichts der aktuell so erschütternden Lage und angesichts der Berichte, dass die Taliban allein in den letzten zwei Monaten 78 der 380 Distrikte im Land erobern konnten, einen anderen Aspekt auf: "Wenn wir uns jetzt Sorgen machen um einen sicheren Abzug der Bundeswehr, stellt sich die Frage, warum es nicht einen Abschiebestopp gibt nach Afghanistan."

Aufarbeitung der 20 Jahre am Hindukusch

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer mahnte zur Vorsicht bei der Einschätzung der Lage: Man sehe Geländegewinne der Taliban, aber die Extremisten hätten weniger die internationalen Truppen im Visier und seien auch Experten bei der Verbreitung von Propaganda.

Parteiübergreifend wurde jedenfalls die Forderung laut, diese 20 Jahre am Hindukusch sorgsam aufzuarbeiten. Kramp-Karrenbauer kündigte eine Veranstaltung dazu für den Sommer an. "Wir sollten das, was wir an möglicherweise überzogenen Ambitionen und Zielen in Afghanistan gesehen haben, in den anderen Einsatzgebieten für die Zukunft nicht wiederholen", sagte die CDU-Politikerin. Und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sprach davon, dass die Debatte erst der Anfang einer umfassenden Gesamtbilanz sei.

Ob den Soldatinnen und Soldaten auf der Bundestagstribüne diese angekündigte Aufarbeitung als Zusage genügte, ist nicht überliefert.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 23. Juni 2021 um 18:06 Uhr.

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KOMMENTARE

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Nachfragerin 23.06.2021 • 22:56 Uhr

@Autograf - Asymmetrische Kriege gewinnt man nicht mit Waffen

>>Nur gebracht hat er nichts.<< 21:33 von Autograf: "Das können wir hier in Deutschland, die es seit 1945 gewohnt sind, in Freiheit zu leben, leicht sagen." > Das kann jeder sagen, der sich den Einsatz nicht schönreden muss. "Wir müssen noch viel helfen." > Wir müssen vor allem mit den richtigen Mitteln helfen. Mit Waffen schafft man Konflikte, die den optimalen Nährboden für Extremismus bieten. Mit den Milliarden von Euros hätte man das ganze Land mit Geschenken fluten können. Ich bin mir sicher, dass die Taliban dann weniger Zulauf gehabt hätte als es jetzt der Fall ist.