Tino Chrupalla | dpa

AfD bei Landtagswahlen Chrupallas verheerende Bilanz

Stand: 17.05.2022 15:32 Uhr

Nach den erneuten Verlusten bei einer Landtagswahl gerät AfD-Chef Chrupalla immer stärker unter Druck. Ein prominenter radikaler Gegenspieler sondiert bereits die Lage.

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Immerhin das hat endlich geklappt - im dritten Anlauf dieses Jahr. Die traditionelle Nachwahl-Pressekonferenz in Berlin findet mit AfD-Chef Tino Chrupalla statt. Nach der Saarland-Wahl scheiterte er noch an der 2G-Regel für den Saal der Bundespressekonferenz.

Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

Vergangene Woche wollte er digital dabei sein, doch aus Schleswig-Holstein war kein Parteivertreter vor Ort - die Veranstaltung wurde abgesagt. Nun sitzt er auf dem Podium und versucht das desaströse NRW-Ergebnis seiner AfD zu erklären.

Versuch der Demontage

Er ist in dieser Disziplin mittlerweile geübt: Seit seiner Wahl zum Parteichef im November 2019 hat die AfD neun Landtagswahlen und eine Bundestagswahl absolviert. Jedes Mal war das Ergebnis schlechter als bei der jeweiligen Wahl zuvor. Für ihn als Vorsitzenden eine verheerende Bilanz - die vor allem von parteiinternen Gegenspielern genüsslich geteilt wird.

Und nicht nur das: Sie versuchen die große Demontage zum Start in den innerparteilichen Wahlkampf-Endspurt um die Parteispitze. In einem Monat wird auf dem Parteitag im sächsischen Riesa ein neuer AfD-Bundesvorstand gewählt. Er wird die Richtung für die nächsten Jahre vorgeben.

Konzertierter Angriff

So veröffentlichen diejenigen, die vormals an der Seite von Ex-AfD-Chef Meuthen gestanden haben, pünktlich zu Beginn von Chrupallas Pressekonferenz eine Mitteilung mit nur einem Inhalt: Chrupalla kann es nicht, muss weg. "Mit Tino Chrupalla endet die Erfolgsgeschichte der AfD", sagt darin Joana Cotar, Bundesvorstandsmitglied mit eigenen Ambitionen auf einen Chef-Posten.

Chrupalla bilde weder die gesamte Partei ab, noch überzeuge er bei den Wählern, fügt sie hinzu: "Darum darf er als Bundessprecher nicht noch einmal antreten." Ihr Vorstandskollege Alexander Wolf ergänzt, Chrupallas Kurs im Ukraine-Konflikt sei ein "Irrweg, der die AfD fast eine weitere Landtagsfraktion gekostet hätte".

Ein heftiger, konzertierter Angriff, doch Chrupalla scheint wenig überrascht. Er hat sogar eine etwas eigenwillige Replik parat - einen Vergleich mit Camping-Erfahrungen aus seiner Jugend, so sagt er: "Da haben sich immer diejenigen beschwert, dass es nass im Zelt ist, das waren immer diejenigen, die selbst ins Zelt gepinkelt haben."

"Kakophonie"

Chrupalla schiebt einen Großteil der Verantwortung an den vielen Wahlniederlagen auf die "Kakophonie" innerhalb des derzeitigen Bundesvorstandes.

Und auf seinen ehemaligen Co-Sprecher Meuthen, der parteischädigend auch seine Arbeit torpediert habe: "Das habe ich anderthalb Jahre in diesem Bundesvorstand ertragen, wo ich von ihm gequält wurde und ich habe immer die Klappe gehalten. Damit ist jetzt Schluss und deswegen wird der neue Bundesvorstand auch anders aussehen."

Treffen mit Lawrow

Er selbst will weiter an der Spitze stehen, kündigt schon an, zeitnah ein Team vorstellen zu wollen, mit dem er die AfD wieder auf Vordermann bringen möchte. Vor wenigen Monaten sah es noch so aus, als wäre Chrupalla für einen der Sprecherposten gesetzt.

Auch von den Westverbänden wurde er akzeptiert, vor allem weil er in der Partei nicht als Vertreter des radikalen Flügels der AfD gilt. Doch seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sich das verändert.

Sein Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow hänge ihm nach, sagen auch diejenigen, die ihm öffentlich wohlgesonnen sind. Seine noch immer zu russlandfreundliche Haltung biete jetzt Angriffsfläche, sei seine größte Schwachstelle, meint einer.

"Auch dieser Krieg hat mehrere Väter"

Es sind Aussagen ähnlich derer, die Chrupalla auch auf der Pressekonferenz nach der NRW-Wahl wiederholt, die einigen in den Westverbänden übel aufstoßen.

"Auch dieser Krieg hat mehrere Väter", sagt er. "Auch die Rolle der NATO, auch die Rolle der Bundesregierung muss man hier natürlich erörtern." Oder: "Auch ich kritisiere die Kriegsrhetorik von Herrn Lawrow, genauso wie ich die Kriegsrhetorik von deutschen Politikern scharf kritisiere."

Einen AfD-Bundestagsabgeordneten lassen diese Sätze ratlos zurück. Er verstehe nicht, warum Chrupalla, warum seine Parteifreunde aus dem Osten die Russen immer wieder in Schutz nehmen würden.

"Seit wann sind wir bei der AfD denn Pazifisten?"

Es sei großes Glück gewesen, dass man sich in der Bundestagsfraktion auf eine gemeinsame Linie einigen konnte. "Aber unter uns: Dieses Frieden-schaffen-ohne-Waffen ist doch vollkommener Quatsch", fügt er hinzu. "Seit wann sind wir bei der AfD denn Pazifisten?"

Und dann ist da plötzlich auch noch Björn Höcke, Landesvorsitzender in Thüringen. Er ist der wohl prominenteste und zugleich radikalste Vertreter der AfD. Es gehört zum guten Ton, dass er vor Wahlen mit einer möglichen AfD-Chef-Kandidatur öffentlich kokettiert. Doch dieses Mal scheint er es ernster zu meinen.

Und Höcke?

Der Druck vor allem von seinen eigenen Anhängern, endlich auch auf Bundesebene Verantwortung für die AfD zu übernehmen, sei extrem groß. So redet Höcke mittlerweile nicht nur auf Marktplätzen über seine Gedankenspiele.

Er war vergangene Woche auch im Bundestag unterwegs, hat sich nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios mindestens mit fünf hochrangigen Fraktionsmitgliedern getroffen. Darunter wohl bewusst auch West-AfDler, die seine mögliche Kandidatur eigentlich kritisch sehen.

Tritt Höcke an, wäre es auch ein Angriff auf Chrupalla. Beide zusammen wären als Führungsduo undenkbar. Es könnte nur einen geben. Die Höcke-Diskussion werde die nächsten Wochen geführt, meint auch Chrupalla: "Wenn Herr Höcke meint, er müsse als Bundessprecher antreten und wir hätten eine Einerspitze, dann wird er gegen Tino Chrupalla antreten müssen."

Er sei dünnhäutiger geworden, sagen einige Parteifreunde über den Noch-AfD-Chef. Bei Nachfragen zu Höcke ist das spürbar. Wenn die Partei meine, man brauche ihn als Person nicht, dann könne das der Parteitag entscheiden, sagt Chrupalla. Er werde nicht in Tränen ausbrechen.

Abgeladener Frust

Einige vermuten, Chrupalla setze darauf, dass - wie schon bei der Spitzenkandidatur im Bundestagswahlkampf - Alice Weidel im letzten Moment an seine Seite treten wird. Gemeinsam leiten beide mittlerweile die Bundestagsfraktion. Doch Weidel scheint partout nicht Chefin werden zu wollen. Sie wird wissen, dass in der AfD die sogenannte Ämterhäufung als Todsünde angesehen wird. Dass jeder in der Partei unmittelbar nach seiner Wahl in ein Spitzenamt ohnehin suspekt ist, verdächtig.

Denn in der AfD wimmelt es von Besserwissern. Von solchen, die sich selbst für geeigneter halten und daher stets von Basisdemokratie sprechen, wenn sie eigentlich nur "die da oben" schwächen wollen. Weidel hat auch aus diesen Gründen schon genug Ärger mit ihrer Fraktion, mit ihrem baden-württembergischen Landesverband, den sie leitet.

Was die Bundespartei angeht, bekommt Chrupalla seit dem Abgang von Meuthen den Frust exklusiv bei sich abgeladen. Eine eher neue Erfahrung für ihn, auch das setze ihm zu, heißt es und führt zu weiteren Spekulationen: Chrupalla könnte sich nach Sachsen flüchten, wenn der Druck auf ihn weiter zunähme - unabhängig davon, ob er als Bundessprecher wiedergewählt wird oder nicht. In Sachsen sei er mit seiner Familie zuhause.

Dort trauen Umfragen der AfD aktuell zu, bei der Landtagswahl 2024 stärkste Kraft zu werden. Ein Mitglied der Bundestagsfraktionsführung kommentiert das Gerücht so: "Ministerpräsidentenkandidat Chrupalla - ich halte das mittlerweile für das wahrscheinlichste Szenario."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Mai 2022 um 11:05 Uhr.