Ein Rollstuhl steht in einem Klassenzimmer.

Welt-Down-Syndrom-Tag Der lange Weg zur Inklusion

Stand: 21.03.2015 10:05 Uhr

Gemeinsamer Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung - dazu hat sich Deutschland 2009 verpflichtet. Doch der Weg zur Inklusion erweist sich als langer Prozess - auch weil die Bundesländer in Bildungsfragen auf eigenen Wegen bestehen. Eine Bestandsaufnahme aus Anlass des Welt-Down-Syndrom-Tags am 21. März.

Von Behrang Samsami für tagesschau.de

Andrea Häfele, 38 Jahre alt und Projektkoordinatorin, ist glücklich. Ihr achtjähriger Sohn Anton geht in Berlin in die zweite Klasse einer Regelschule, die inklusiv arbeitet. Inklusiv heißt, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterricht werden. "Hier wird jeder so akzeptiert, wie er ist", sagt Häfele, deren Sohn das Down-Syndrom hat.

Eine Klassenlehrerin und eine Sonderpädagogin unterrichten die 25 Schüler mit und ohne Förderbedarf im Team, einige Stunden unterstützt von einem Klassenerzieher. Anton hat zusätzlich eine Schulhelferin, die ihn zehn Stunden in der Woche begleitet. Nach dem Unterricht geht er mit den Mitschülern in den wenige Schritte entfernten Hort, der ebenfalls inklusiv arbeitet.

Ein Thema, das für Debatten sorgt

Inklusion - das Wort sorgt in Deutschland seit einigen Jahren für hitzige Debatten. Der gemeinsame Unterricht in Regelschulen verbessere die Leistungen und Chancen von Kindern mit Förderbedarf, sagen die Befürworter. Außerdem würden die anderen Kinder Andersheit von Anfang an als normal kennenlernen.

Kritiker dagegen warnen vor einem Niveauabfall in Regelschulen und befürchten explodierende Kosten, denn neue Lehr- und Lernmittel und barrierefreie Unterrichtsräume werden nicht günstig sein. Fakt ist aber: Die Bundesrepublik hat 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert und sich damit verpflichtet, ein inklusives Schulsystem aufzubauen.

Kritik und Lob der Förderschule

Wie weit ist Deutschland damit? Laut einem Datenreport der Bertelsmann-Stiftung von 2014 stieg der Anteil der Förderschüler, die eine Regelschule besuchen, bis zum Schuljahr 2012/13 auf 28,2 Prozent. Das war die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass sich die Exklusionsquote, also der Anteil der Schüler, die eine Förderschule besuchen, mit 4,8 Prozent kaum verändert hat. Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, lässt sich dadurch erklären, dass 2012/13 bei zehn Prozent mehr Schülern besonderer Förderbedarf festgestellt wurde als noch vor fünf Jahren.

"Die Umsetzung der Inklusion läuft also zurzeit ohne wirklichen Bezug zum Sonderschulwesen", heißt es dazu im Bertelsmann-Report. Das gefährde die Umgestaltung des Schulsystems grundlegend. Denn der Erhalt der Sonderschulen binde wichtige finanzielle und personelle Ressourcen, die dringend für die Inklusion in Regelschulen benötigt würden.

Wo entwickeln sich die Schüler besser?

Das Festhalten an den Doppelstrukturen kritisiert auch Ilka Hoffmann, Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): "Man hat festgestellt, dass die Leistungsentwicklung in den Förderschulen eher negativ ist. Da können sich die Lehrer noch so anstrengen, die Kinder lernen dort weniger als in der Regelschule."

Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, plädiert dagegen für die Beibehaltung paralleler Strukturen. Sie ist für inklusive Schulen und Förderschulen: "Nicht alle Kinder sind in der Regelschule gleichermaßen gut inkludierbar. Es gibt Kinder, die eventuell vorhandenen Leistungsdruck durchaus wahrnehmen oder ein äußerlich erkennbares Handicap haben und psychisch dadurch erheblich belastet sein können."

Keine nationale Strategie

Als ein Grund für die schleppende Umsetzung der Inklusion erweist sich die föderale Struktur. Denn Bildung ist Ländersache. Zwar hat die Kultusministerkonferenz 2011 eine Empfehlung zur Inklusion verabschiedet. Doch wie die Länder diesen Transformationsprozess gestalten, regeln sie allein - mit schwerwiegenden Folgen: "Von einem inklusiven Bildungssystem ist der Vertragsstaat weit entfernt. Einige Länder verweigern sich offenkundig dem Auftrag, Inklusion strukturell zu begreifen", heißt es im "Parallelbericht" des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Laut Bertelsmann unterscheiden sich zudem die Diagnosepraxen von Förderbedarfen, die Strategien beim Ausbau des gemeinsamen Unterrichts und der Stellenwert der Sonderschulen im jeweiligen Schulsystem sehr. Das hat zur Folge, dass etwa der Anteil der Förderschüler, die eine Regelschule besuchen, zwischen den Bundesländern stark differiert.

Während Bremen im Schuljahr 2012/13 mit 63,1 Prozent den höchsten Inklusionsanteil hatte, war dieser in Niedersachsen mit 14,7 Prozent am niedrigsten. Ein anderes Beispiel: In Berlin verließ fast die Hälfte aller Förderschüler die Förderschule mindestens mit einem Hauptschulabschluss. In Brandenburg tat das hingegen nur jeder Zehnte.

Inklusion, eine Revolution

Um zügiger ein inklusives Schulsystem zu schaffen, müssten sich die Länder auf viele einheitliche Standards einigen. Und sie müssten bereit sein, mehr Geld für den Umbau in die Hand zu nehmen. "Die Lehreraus- und Fortbildung sollte sich stärker auf die Bedürfnisse inklusiver Schulen einrichten", sagt Jeanne Nicklas-Faust, Bundesgeschäftsführerin der Lebenshilfe. Die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer sei heute nicht dafür ausgebildet, heterogene Gruppen zu unterrichten.

"Die Inklusion ist eine Revolution", ergänzt Ilka Hoffmann von der GEW. "Bisher geschieht jedoch nur ein halbherziger Anbau an das bestehende System, der nicht funktioniert. Und dieses Nichtfunktionieren wird auf dem Rücken der Schüler und Lehrkräfte ausgetragen."

Hoffmann schlägt vor, dass der Bund die Inklusion mitfinanziert, wenn zusätzliche Mittel nötig seien - etwa für bauliche Maßnahmen. 2003 gab es bereits Hilfe vom Bund - in Form eines Investitionsprogramms zum Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen.

Selbstverständlicher Umgang

Dass Inklusion erfolgreich und ein großer Gewinn für Kinder mit und ohne Behinderung sein kann, erlebt Andrea Häfele bei ihrem achtjährigen Sohn, der das Down-Syndrom hat: "Anton fühlt sich in seiner Schule total wohl." Er sei dort sozial unheimlich gut angebunden.

"Die anderen Kinder gehen wie selbstverständlich mit ihm um, spielen und verabreden sich mit ihm." Sie könnten mit all den Macken, die er mitbrächte, die alle Kinder mitbrächten, gut umgehen. "Und ob er nun morgen schreiben lernt oder in zwei Jahren - wichtig ist, dass er soziale Kontakte hat."

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