Mitarbeiter des Schlachthofes in Coesfeld mit Schutzmasken. | Bildquelle: SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/Shutter

Strategien gegen das Virus Was wurde aus den Corona-Hotspots?

Stand: 12.06.2020 17:08 Uhr

Während im Rest des Landes der Alltag wieder einkehrt, kämpfen noch immer einige Hotspots mit dem Coronavirus. Welche Strategien führen zum Erfolg? tagesschau.de zeichnet die Geschichte dreier Landkreise nach.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Von Beginn an zeigte sich die Corona-Epidemie auch in Deutschland vor allem in lokalen Ausbrüchen. Hotspots wie Heinsberg - wochenlang in den Schlagzeilen - kennt inzwischen jeder. Und auch seit sich die Lage bundesweit deutlich entspannt hat und fast überall weitreichende Lockerungen greifen, gibt es nach wie vor einzelne lokale Infektionsherde.

Eine bundesweite Obergrenze, die seit Anfang Mai gilt, soll verhindern helfen, dass einzelne Hotspots wieder zu einer Ausbreitung der Infektionen führen könnte. Dort, wo die Neuinfektionen innerhalb einer Woche über den Grenzwert von 50 pro 100.000 Einwohner steigen (7-Tage-Inzidenz), sollen - lokal begrenzt - wieder strikte Einschränkungen angeordnet werden. In manchen Regionen liegt die Grenze bei 30 oder 35. Dass das durchaus effektiv ist, zeigen Beispiele aus den vergangenen Wochen.

Tirschenreuth: Erste Ausgangssperre bundesweit

Der Landkreis Tirschenreuth war Anfang April noch absoluter Spitzenreiter in Deutschland bei der Zahl der Infektionen. Als Ursache wurde ein Starkbierfest vermutet, das noch vor den Corona-Beschränkungen stattfand und für eine besonders rasche Ausbreitung gesorgt haben könnte. Belegt ist das bislang nicht, derzeit werden die genauen Ursachen in einer Studie des Robert Koch-Instituts untersucht. Die Ergebnisse liegen frühestens Anfang Juli vor.

Stand heute hat Tirschenreuth in der Woche gerade mal noch 2,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Wie hat der Landkreis das geschafft?

Eine der Maßnahmen waren die zweiwöchigen Ausgangsbeschränkungen, die - damals ein bundesweites Novum - im besonders betroffenen Städtchen Mitterteich verhängt wurden. Darüber hinaus hat das Gesundheitsamt fieberhaft versucht, alle Kontakte der Infizierten nachzuverfolgen. Dafür wurden laut Landratsamt mithilfe der bayerischen Staatsregierung zwischenzeitlich 70 zusätzliche Mitarbeiter hinzugezogen: Studenten, Auszubildende und Landkreispersonal aus anderen Fachgebieten. Im medizinischen Bereich gab es zusätzliche Unterstützung durch Bundeswehrärzte.

"Daneben haben aus meiner Sicht auch die generellen Hygienemaßnahmen einen starken Anteil an den jetzt geringen Fallzahlen: also Mund-Nasen-Schutz, Abstand halten, größere Versammlungen vermeiden", sagt ein Sprecher des Landratsamts Tirschenreuth im Gespräch mit tagesschau.de. Und: Die Teststrategie wurde geändert. Während in der heißen Phase nur Kontaktpersonen und Menschen mit Symptomen getestet werden konnten, wurden sukzessive alle Pflegeeinrichtungen getestet, Bewohner und Personal.

Coesfeld: Verbesserung bei den Schlachthöfen

Im Kreis Coesfeld in Nordrhein-Westfalen waren vor allem Schlachthöfe die Infektionsherde. Als Mitte Mai im Rest von NRW Restaurants und sogar Fitness-Studios unter Auflagen wieder öffnen durften, musste Coesfeld dicht bleiben. Mehr als 260 Mitarbeitende in einem Fleischbetrieb der Firma Westfleisch waren positiv getestet worden. Die 7-Tage-Inzidenz stieg auf einen Höchstwert von 100,7.

Neben den zunächst verschobenen Lockerungen fokussierten sich die Maßnahmen auf die Fleischbetriebe. Nicht nur die Kontaktpersonen, sondern alle Mitarbeiter wurden getestet, für alle Infizierten und engen Kontaktpersonen Quarantäne angeordnet. Doch weil die osteuropäischen Werkvertragsarbeiter meist in Sammelunterkünften lebten, mussten von Westfleisch eigens Räume für die Quarantäne angemietet werden. Infizierte kamen zunächst in einem Hotel unter, später im Kolpingbildungshaus und dem Gästehaus eines Klosters.

Der Betrieb von Westfleisch in Coesfeld wurde für zehn Tage geschlossen. Danach ging die Produktion nach und nach wieder los. Aktuell liegt laut Westfleisch die Auslastung bei etwa 70 Prozent der Regelkapazität. Außerdem legte die Firma ein verändertes Hygienekonzept vor. Die wichtigsten Punkte seien eine "noch striktere Einteilung und Trennung der Arbeitsteams, risikoorientierte Reihentests und eine fortwährende Kontrolle und Dokumentation der Einhaltung aller Hygienemaßnahmen", heißt es. Genauere Angaben zur Infektionsausbreitung macht die Firma nicht. Diese würde noch untersucht.

Sonneberg: Tests und Abriegelungen

Sonneberg hatte besonders lange mit deutlich erhöhten Infektionszahlen zu kämpfen. Seit Anfang Mai lag der Kreis über dem Schwellenwert von 50, ganz im Gegensatz zum Rest von Thüringen, wo die Infektionszahlen sehr niedrig waren. Ursache waren vor allem Infektionen in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Multilokales Ausbruchsgeschehen nennen das die Behörden.

Betroffen war vor allem ein Gesundheitsquartier, in dem Krankenhaus, Dialysezentrum und Seniorenwohnanlage direkt nebeneinander liegen und eng verzahnt sind. Weitere Ausbrüche gab es in einem Pflegeheim und einem lokalen Pflegedienst. Die Eindämmung gelang nach und nach durch die üblichen Maßnahmen: Breites Testen in betroffenen Einrichtungen, Abriegelung nach außen, für das Krankenhaus gab es zeitweise einen Aufnahmestopp.

Doch das Virus war im Landkreis längst in die Fläche vorgedrungen, weshalb lokale Maßnahmen allein die hohen Zahlen nicht so schnell eindämmen konnten. Noch bis vor wenigen Tagen lag der Schwellenwert über 30, inzwischen ist er auf 17,8 gesunken. Doch weil das nach wie vor ein deutlich höheres Infektionsgeschehen als im Rest von Thüringen ist, geht der Landkreis weiterhin eigene Wege: Die landesweiten Lockerungen greifen in Sonneberg nur teilweise. Wie genau das lokale Schutzkonzept dann aussieht, wird in diesen Tagen erarbeitet.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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