Karl Kerschgens (l) und Dietrich Wilhelm Plagemann am 12.01.1980 in Karlsruhe auf dem 3. Kongress der "SPV - Die Grünen". | Bildquelle: dpa

40 Jahre Grüne Versteinert oder quietschlebendig?

Stand: 10.01.2020 04:23 Uhr

Sie wollten die alte Bundesrepublik wegfegen und die Gesellschaft verändern. 40 Jahre später sind die Grünen selbst Teil des Establishments. Rückblick auf eine erstaunliche Partei-Karriere.

Von Thomas Michel und Annette Zinkant, SWR-Mainz

13. Januar 1980. In der Stadthalle in Karlsruhe herrscht das reine Chaos. Eine wilde Mischung aus Hippies, Kommunisten, Feministinnen, Künstlern, Friedensaktivisten aber auch wertkonservativen Bürgerinnen und Bürgern ist hier zusammengekommen.

Es sind Gruppen, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemeinsam haben. Und es geht hart zur Sache: Unter heftigen und auch persönlich geführten Debatten wird schließlich am Abend des 13. Januar aus dem Grünen Projekt eine Bundespartei.

Winfried Kretschmann, B'90-Die Grünen, Ministerpräsident Baden-Württemberg
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Erster grüner Ministerpräsident: Winfried Kretschmann

"Der Wille zur Macht war von Anfang an da"

"Alles das, was heute bei den Grünen stattfindet, was zu finden ist, auch der Wille zur Macht, der Wille zur Regierungsbeteiligung, sogar der Wille, mit CDU oder CSU eine Koalition einzugehen, alles das war in Teilen damals schon vorhanden", erinnert sich der Journalist Günter Bannas, der den Parteitag damals für die Frankfurter Allgemeine Zeitung beobachtete.

Die neue Partei hat nicht viel Ähnlichkeit mit allem, was man in dieser Zeit unter einer Partei versteht. "Ich halte das heute noch ganz wichtig hoch: Partei wollten wir nicht sein", sagt Hans-Christian Ströbele im Rückblick. Was sie eint: Misstrauen in die Politik der etablierten Parteien, Zukunftsangst vor den Folgen eines ungebremsten Wirtschaftswachstums und dem Rüstungswettlauf im Kalten Krieg.

Grüne feiern 40-jähriges Bestehen
tagesschau 17:00 Uhr, 10.01.2020, Kristin Joachim, ARD Berlin

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Die Urmission: Veränderung der Gesellschaft

Was die Grünen freilich von Anfang an spaltet: die Frage nach ihrem Verhältnis zur politischen Macht. Die charismatische Führungsfigur der Gründungsphase ist Petra Kelly. Sie betrachtet das grüne Projekt als eine "Anti-Parteienpartei" und kann sich nicht vorstellen, dass sich die Grünen in ein politisches System einfügen, Macht anstreben, Koalitionen mit den etablierten Parteien eingehen, wenn sie tatsächlich nachhaltig die Gesellschaft verändern wollen.

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Die Geschichte der Grünen

Von der Protestbewegung zur Regierungspartei

Gründungsparteitag Grüne

"Ökologisch, basisdemokratisch, sozial, gewaltfrei" - unter diesem Motto trafen sich Delegierte der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung und anderer sozialen Bewegungen im Januar 1980 in Karlsruhe, um die Partei "Die Grünen" zu gründen. | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Winfried Kretschmann, seinerzeit Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg, sieht das gänzlich anders. Und prophezeit schon damals, 1982, dass die Haltung der Grünen zur Macht "auf Dauer mehr Konflikte und mehr Sprengstoff und größere Schwierigkeiten bringen, als wenn man sich irgendwann tatsächlich an einer Regierung beteiligt." Und das müsse und werde sich bei den Grünen zweifellos durchsetzen.

"Nicht mehr am Spielfeldrand"

Er sollte recht behalten. Seit 2011 ist Kretschmann in Baden-Württemberg der erste grüne Ministerpräsident. Und Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, findet es inzwischen "selbstverständlich", die ehemalige "Antiparteienpartei" in eine Regierung zu führen: "Also nicht mehr sozusagen am Spielfeldrand stehen und rumbrüllen und sagen: Hey, lauft mal schneller. Sondern ein Spielmacher sein, auf dem Platz stehen und den Ball führen."

Grünen-Chef Robert Habeck und Spitzenkandidat Ludwig Hartmann springen von der Bühne im Münchner Wahlbüro. | Bildquelle: dpa
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Wie die Popstars: Stage Diving von Grünen-Chef Habeck nach der Bayernwahl.

1983 ziehen die Grünen in den Bundestag ein. Zum Entsetzen einiger Parlamentarier aus den anderen Parteien. "Ich glaube, manche waren einfach total schockiert", erinnert sich Claudia Roth.  "Das war irgendwie für die wie so ein Irrtum der Geschichte. Franz Josef Strauß hat sich sehr aufgeregt und ist zu den SPDlern und hat gesagt: Das ist euer Problem, die müssen wieder verschwinden".

Der lange Marsch

Doch sie blieben, wenn auch mit Unterbrechungen. Mit Joschka Fischer als Vizekanzler ziehen die Grünen 1998 schließlich in die erste rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder ein. Die Partei, die in ihren Anfängen erbittert gegen die Nachrüstung und den Nato-Doppelbeschluss gekämpft und sich immer als pazifistische Partei begriffen hat, ist schon nach wenigen Monaten mit einer Entscheidung konfrontiert, die sie zu zerreißen droht: Soll sich die Bundeswehr ohne Mandat der Vereinten Nationen mit Kampfflugzeugen an einem Nato-Einsatz beteiligen im Kosovo, um Vertreibung und Mord an Zivilisten in Exjugoslawien zu beenden?

Joschka Fischer | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Erster Elder Statesman der Grünen: Joschka Fischer

Auf einem Sonderparteitag ringen sich die Grünen unter dramatischen Umständen zu einem "Ja" durch.  Eine Entscheidung, die manche in der Partei bis heute als Verrat empfinden. Denn es ging nicht allein um den Bundeswehreinsatz, es ging auch um die Macht. Hätten die Delegierten ihre Zustimmung verweigert, so wäre es das schnelle Ende von Rot-Grün gewesen.

"Ein Staat kann nicht pazifistisch sein"

"Damals in der ganzen Jugoslawienkrise mussten wir den Pazifismus einfach als staatstragende Partei, die in der Regierung ist, ablegen. Ein Staat kann nicht einfach pazifistisch sein", sagt Winfried Kretschmann heute. Und: "Wenn man regiert, regiert man. Dann werden Worte zu Taten und dann ist es Schluss mit irgendwelchen Lebenslügen. Das ist halt so. Da muss man durch."

Die Grünen nehmen für sich in Anspruch, viel geändert zu haben, aber gleichzeitig hat das politische System, hat der Bundestag, haben die Ämter auch die Partei und ihr Personal verändert. Sie sind heute mit vielem kompatibel und ein Teil des politischen Establishments.

Die Kandidaten für den Grünen-Parteivorsitz: Anja Piel (links), Annalena Baerbock und Robert Habeck | Bildquelle: dpa
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Die neueste Generation: Die Parteichefs Annalena Baerbock (Mitte) und Robert Habeck

Flexibel, wenn es um die Macht geht

Die Bilanz der grünen Regierungsbeteiligungen ist nicht so grün, wie man es erwarten könnte. In Nordrhein-Westfalen ließen sie sich auf Kompromisse zugunsten von RWE ein, die die Braunkohle-Gegner ihnen heute noch nachtragen. Und die Verhandlungen zu einem möglichen Jamaika-Bündnis 2017 zeigten begeisterte Grüne, die nicht den Eindruck machten, als seien sie knallharte Verhandlungspartner, sondern Meister der Flexibilität, des Kompromisses jedweder Art. Das Projekt scheiterte schließlich nicht an ihnen.

Die Grünen der Gründungsjahre hatten viel von dem, was sich eine neue politische Generation wie "Fridays for Future" heute in der Politik wünschen - aber in der grünen Partei von heute nicht mehr sieht. Fridays for Future beflügelt die Umfragewerte der Grünen und lässt sie zugleich alt aussehen. Denn diese Bewegung sieht keine Zeit für Kompromisse. Und empfindet die Politik insgesamt als unbeweglich und verkrustet. So hatten vor 40 Jahren auch die Grünen begonnen

Mehr zu diesem Thema sehen Sie auch in "Die Story im Ersten: Die Grünen und die Macht" - am 13.1. um 22.45 Uhr in der ARD oder schon jetzt in der Mediathek.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. Januar 2020 um 09:20 Uhr.

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