Innenstadt von Gießen | Lea Schebaum
Reportage

Hotspot Kreis Gießen 15 Kilometer - und viel Verständnis

Stand: 13.01.2021 03:54 Uhr

Seit Montag gilt im Corona-Hotspot Landkreis Gießen die neue 15-Kilometer-Beschränkung. Die Bewohner zeigen sich bisher gelassen - allerdings wurde auch noch nicht kontrolliert.

Von Joscha Bartlitz und Arne Bartram, HR

"Es ist wahrscheinlich eine sinnvolle Regel", sagt Tamara Ziyer. Der Landkreis Gießen hat eine Inzidenz, die deutlich über 200 liegt. Seit Montag gilt die neue Bewegungseinschränkung: Mehr als 15 Kilometer dürfen sich die Einwohner nicht mehr von ihrem Wohnort entfernen. In Hessen gilt das allerdings nur für touristische Ausflüge, die unterbunden werden sollen. Was das für die 38-jährige Ziyer für Konsequenzen hat? "Keine“, antwortet sie. "Ich wohne und arbeite in Gießen."

Tamara Ziyer | Arne Bartram

Tamara Ziyer hat viel Verständnis: "Es ist wahrscheinlich eine sinnvolle Regel." Bild: Arne Bartram

Keine Kontrollen, viele Nachfragen

Für den 82-jährigen Rentner Erich Pietsch sei das Ganze altersbedingt ohnehin kein Problem, wie er erzählt, "weil ich mich im größeren Umkreis eh nicht bewege. Und der Urlaub ist ohnehin abgesagt."

Student Jakob Sellmann ist 27 Jahre alt. Seine Vorlesungen nimmt er online am heimischen Rechner wahr. "Mich persönlich stört es nicht. Allerdings kann ich verstehen, wenn sich Leute darüber aufregen, die nicht auf ihre Freiheit verzichten wollen", sagt Sellmann. Der Eindruck: So richtig bemerkbar macht sich die Neuregelung im Landkreis Gießen bisher nicht. Auch verschärfte Kontrollen oder gar Straßensperren - Fehlanzeige.

Viele Anfragen

Besonders auffällig ist dafür der hohe Informationsbedarf in der Bevölkerung. "Wir erhalten gerade eine Unmenge an Anfragen. Unsere Telefone sind überlastet", berichtet die Gießener Landrätin Anita Schneider. "Viele fragen sich: Was bedeutet das eigentlich für mich?“, sagt Schneider, die momentan alle Hände voll zu tun hat. "Zum Beispiel: Ist es ein touristischer Ausflug, wenn ich meine Mutter besuche oder spazieren gehe?"

Die Antwort lautet in beiden Fällen: "Nein". Viel mehr gehe es darum, den Tagestourismus durch den 15-Kilometer-Radius einzuschränken und etwa Erholungsausflüge wie Schlittenfahren im Schnee zu verhindern, bei denen es teilweise großen Andrang gebe, sagt die Landrätin. "Darauf kann man aktuell sicher verzichten."

Kritik an Beschränkungen aus der Bevölkerung

Eva Turber aus Staufenberg im Norden Gießens sieht das anders. "Ich finde diese Regelung total schwachsinnig", schimpft die 72-jährige. Ihre Enkel Emilia und Lilith seien zu Hause und könnten deswegen nicht Schlitten fahren gehen. "Natürlich schränkt uns das ein!", sagt Turber: "Die sollen lieber mal da, wo wirklich Infektionen auftreten, etwa in Altenheimen, die Menschen schützen und nicht junge Leute total einschränken."

Erich Pietsch | Arne Bartram

Erich Pietsch: "Der Urlaub ist ohnehin abgesagt." Bild: Arne Bartram

Eva Turber | Arne Bartram

Eva Turber: "Natürlich schränkt uns das ein!" Bild: Arne Bartram

Hohe Infektionszahlen in Pflegeheimen

Tatsächlich tragen hohe Infektionszahlen in Pflegeheimen und Corona-Ausbrüche in Krankenhäusern auch im Landkreis Gießen entscheidend zur hohen Inzidenz bei. "Aber eine hohe Inzidenz ist auch mit daran Schuld, dass die Infektionen in Pflegeheime hineingetragen werden", sagt Landrätin Schneider. "Durch eine hohe Inzidenz steigt auch dort die Gefahr der Ansteckung."

Doch auch die 59-jährige, die selbst Familie hat, kann den Unmut einiger Gießener über die weitere Einschränkung ihrer Lebensfreiheit nachvollziehen. Bereits seit dem 13. Dezember gilt hier unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr. Und jetzt auch noch der beschränkte Bewegungsradius.

"Ja, das ist eine Zumutung für die Menschen, dass sie in Ihrer persönlichen Freiheit beschnitten werden. Natürlich sehe ich das," betont Schneider. Allerdings seien alle Maßnahmen zur Reduzierung von Kontakten "dienlich, wenn es darum geht, die Infektionszahlen wieder herunterzufahren."

200 Euro Bußgeld bei Verstößen

Ob die 15-Kilometer-Regel Wirkung zeigt, ist derzeit fraglich. Kontrolliert wurde sie im Landkreis Gießen bisher noch nicht, zeitnah aber soll es Stichproben-Kontrollen durch die Ordnungsämter der Kommunen geben, kündigt Landrätin Schneider an. Für konstante und flächendeckende Kontrollen fehle jedoch ausreichend Personal. Der Aufwand wäre groß. Das Bußgeld steht dagegen schon fest: Wer sich für einen touristischen Ausflug, etwa eine Wanderung, mehr als 15 Kilometer von seiner Ortsgrenze wegbewegt, muss 200 Euro Strafe zahlen.

Keine Fahndungsmaßnahmen

Doch auch die für Hessen zuständige Bundespolizei Koblenz, die etwa Bahnreisende kontrollieren könnte, teilt mit, es gebe keine "gezielten Fahndungsmaßnahmen, um zu kontrollieren, dass die 15-Kilometer-Radius-Regel eingehalten wird", so Sprecher Christian Altenhofen. "Sollte bei einer routinemäßigen Kontrolle jedoch ein Verstoß auffallen, werden wir diesen an die zuständigen Stellen weiterleiten."

Über dieses Thema berichtete hr-iNFO Hörfunk am 11. Januar 2021 um 17:00 Uhr.