Ein Wolf streift im Tierpark Hexentanzplatz durch ein  Freigehege in Sachsen-Anhalt. | dpa

Freispruch für Jäger Hundewohl vor Wolfsschutz

Stand: 22.06.2021 13:14 Uhr

Eine Ikone von Naturschützern wird zur Belastung: Wölfe reißen jährlich Hunderte Weidetiere und machen auch vor Haustieren nicht halt. Um Hunde zu retten, musste ein Jäger einen Wolf erschießen - und wurde freigesprochen.

Von Pia Brandsch-Böhm, ARD-Rechtsredaktion

Für den Wolf geht die Begegnung nicht gut aus - im Januar 2019 greift das wilde Tier bei einer Jagd in Brandenburg mehrere Hunde an. Ein niederländischer Jagdgast versucht noch, den Wolf mit Klatschen und einem Warnschuss zu vertreiben. Doch das Tier reagiert nicht. Aus Angst um die Hunde erschießt der Jäger den Wolf schließlich.

Das Problem: Wölfe stehen unter Naturschutz. Die Staatsanwaltschaft klagte den Mann deshalb wegen eines Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz an. Doch das Amtsgericht Potsdam spricht den Niederländer nun frei. Nach Angaben des Deutschen Jagdverbands (DJV) ist es das erste Mal, dass ein solcher Fall vor einem deutschen Strafgericht gelandet ist.

Das Problem: zu viele Wölfe

Wölfe galten lange Zeit in Deutschland als ausgerottet. Vor circa 20 Jahren fand man das erste Wolfspaar, das aus Osteuropa nach Deutschland kam. Seitdem nimmt die Wolfspopulation in Deutschland stetig zu. Nach Angaben des Naturschutzbundes (NABU) sind Wölfe wieder in allen Bundesländern vertreten. Demnach leben mittlerweile mindestens 128 Rudel, 35 Paare und zehn Einzeltiere in Deutschland in freier Natur. Das führt jedoch vermehrt zu Problemen, vor allem für Landwirte.

Diese klagen nach Angaben des DJV immer häufiger über gerissene Weidetiere. Es habe zudem mehrere Fälle gegeben, in denen Wölfe Fußgängern oder Jägern gefährlich nahe kamen. Griffen Wölfe Jagdhunde an, endete der Vorfall für die Hunde meistens tödlich. Für die Jäger sei es daher wichtig zu wissen, wie man sich beim Antreffen eines Wolfes zu verhalten habe.

Abschuss nur im Ausnahmefall zulässig

Wölfe stehen unter Naturschutz - ihr Abschuss steht deshalb grundsätzlich unter Strafe. Allerdings sieht das Gesetz Ausnahmen vor: Etwa wenn einem Viehzüchter ein großer wirtschaftlicher Schaden droht. Dann kann er bei der zuständigen Behörde die Erlaubnis für einen Abschuss beantragen. Einige Bundesländer haben daneben Regelungen erlassen, die die Tötung von "Problemwölfen" durch geschultes Personal zulassen. Vorher muss jedoch versucht werden, die Wölfe auf verschiedene Arten zu vertreiben.

Abschuss kann auch im Notfall gerechtfertigt sein

Der Jäger aus den Niederlanden konnte sich nicht auf diese Ausnahmen berufen. Verurteilt wurde er vom Amtsgericht Potsdam trotzdem nicht - denn er konnte sich auf ein Notstandsrecht berufen. Nach Paragraf 228 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) hat man ein solches Notstandsrecht immer dann, wenn ein geschütztes Interesse bedroht wird. Und auch das Leben eines Jagdhundes ist ein solches Interesse.

Allerdings muss auch der Tierschutz berücksichtigt werden. Und bei Wölfen handelt es sich nach dem EU-Recht um besonders geschützte Tiere. Das Gericht musste deshalb abwägen, was mehr zählt: Das Interesse des Jägers, die Hunde zu schützen, oder der Artenschutz des Wolfes. In diesem Fall gab es dem Leben der Hunde den Vorrang. Der DJV begrüßte das Urteil. Aus seiner Sicht braucht es dennoch eine gesetzliche Regelung. Es sei wichtig, "dass auch der Gesetzgeber klarstellt, dass das Eigentum am Hund das Interesse am Artenschutz überwiegt."

(Az. 82 Ds 22/20)

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