Altenahr: Die Luftaufnahme zeigt den vom Ahr-Hochwasser überfluteten Ortsteil Altenburg  | dpa
Interview

Hochwasser "Extreme, bisher nicht erreichte Werte"

Stand: 15.07.2021 11:51 Uhr

Ein eingekeiltes Tief, die Böden gesättigt, die Niederschlagsmengen zu groß: ARD-Meteorologe Eisenmann erklärt, wie es zu dem außergewöhnlichen Unwetter kam. Und weshalb die Schäden so groß sind.

tagesschau.de: Herr Eisenmann, was passiert hier gerade aus meteorologischer Sicht?

Mark Eisenmann: Das Tief "Bernd" hat aus Frankreich sehr heiße und überaus feuchte Mittelmeerluft in Richtung Nord- und Ostdeutschland verfrachtet, während auf der Rückseite des Tiefs kühlere Atlantikluft in Richtung südwestliches Deutschland geflossen ist. Diese Gemengelage führte dazu, dass es zu diesen Regenfällen und heftigen Gewittern kam. Das Tief blieb zwischen zwei Hochs eingekeilt und konnte sich nicht wegbewegen. Das großflächige Starkregengebiet bildete dabei enorme, extreme Regensummen.

tagesschau.de: Warum kommt es zu solch massiven Schäden?

Eisenmann: Die Regenmengen sind so enorm, dass sie nicht mehr von den Flüssen aufgenommen werden. Die Böden sind in dieser Region gesättigt. Der Boden kann nichts mehr aufnehmen. Das liegt auch an den vergangenen Wochen, in denen es immer wieder heftiger geregnet hatte. Aber vor allem ist es schlicht der Menge an Nass der vergangenen Tage geschuldet. In diesen zwei Tagen wurden mancherorts mehr als 200 Liter Regen pro Quadratmetern verzeichnet. Da wurden extreme bisher nicht erreichte Werte erreicht. Dementsprechend dramatisch sind die Auswirkungen. Manche Bäche und Flüsse haben Pegelstände, die so bei Weitem noch nie erreicht wurden.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt dabei die Versiegelung?

Eisenmann: Das trägt sicherlich seinen Teil dazu bei. Bei einer stärker versiegelten Oberfläche kann das Wasser nicht mehr versickern und fließt direkt in die Kanalisation ab. Aber nichtsdestotrotz würden solche Regenmengen auch ohne stärkere Versiegelung Probleme verursachen und zu diesem dramatischen Ereignis führen. In diesem Fall sind auch Mittelgebirgsregionen betroffen, wo wir nicht solche stark versiegelten Landschaften feststellen. Auch dort ist die Lage katastrophal.

tagesschau.de: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Eisenmann: Aus diesem einzelnen Ereignis lässt sich kein Rückschluss ziehen. Wir können aber eine Häufung solcher Wetterphänomene konstatieren. Das sind im Grund alles Jahrhundertereignisse. Und die sind sicher auch dem Klimawandel geschuldet. Warme Luft kann deutlich mehr Wasserdampf aufnehmen und dadurch mehr Wasser ausregnen.

tagesschau.de: Wie entwickelt sich die Lage?

Eisenmann: Die Schauer und Gewitter können noch punktuell große Regenmengen bringen. Aber insgesamt dürfte es keine großflächigen Dauerregengebiete mehr geben.

Die Fragen stellte Dietmar Telser, tagesschau.de
Zur Person

Mark Eisenmann ist Diplommetereologe im ARD-Wetterkompetenzzentrum in Frankfurt. Er wurde in Esslingen am Neckar geboren und studierte Meteorologie in Karlsruhe. Seit Oktober 2004 ist er beim Hessischen Rundfunk als Meteorologe tätig.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Juli 2021 um 10:00 Uhr und 11:00 Uhr.