Bodo Ramelow, Bärbel Bas, Frank-Walter Steinmeier, Olaf Scholz and Stephan Harbarth vor dem Erfurter Dom | REUTERS

Feier zur Deutschen Einheit "Viele Geschichten des gelingenden Wachsens"

Stand: 03.10.2022 11:27 Uhr

Kirchenvertreter haben am Tag der Deutschen Einheit für ein Miteinander ohne Gewalt geworben. Vieles sei erreicht worden, viele Aufgaben seien noch zu bewältigen. Zum Festakt reisten auch Bundespräsident und Kanzler an.

Seit Samstag schon wird in Erfurt der 32. Jahrestag der Einheit gefeiert. Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom der thüringischen Hauptstadt hat nun der offizielle Teil der Feierlichkeiten begonnen. An dem Gottesdienst nahmen unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundestagspräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow teil.

Ostdeutschen sei viel abverlangt worden

Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, erinnerte an die Veränderungen, die Ostdeutschen nach 1989 viel abverlangt hätten: "Für Viele hier im Osten Deutschlands und in Thüringen schmeckten die Jahre nach der Vereinigung nicht nach Milch und Honig, sondern gerade die Zeit der Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit lässt heute noch vielen hier in Thüringen die Galle aufstoßen", sagte Kramer. Jedoch gebe es auch "viele Geschichten des gelingenden Wachsens".

Kramer warb in seiner Predigt für ein Miteinander ohne Gewalt, Bosheit und üble Nachrede. "Keine Gewalt - das ist der Konsens, der durch die friedliche Revolution in das neue Deutschland eingebracht wurde. Und es ist die Grundlage der Demokratie, denn nur in gewaltfreien Diskursen lassen sich sinnvolle Lösungen finden. Und das ist in diesen Tagen wahrlich nicht einfach", so Kramer.

Erfurts Bischof: Bis heute nicht wirklich zusammengewachsen

Erfurts katholischer Bischof Ulrich Neymeyr sagte, dass am 3. Oktober 1990 wohl nur wenigen Menschen bewusst gewesen sei, "welch große Aufgabe vor unserem Volk lag". Bis heute seien die Deutschen "nicht wirklich" zu einem Volk zusammengewachsen. Vor Vertretern der Spitzen des Staates bat er um Gottes Beistand für weiteres Zusammenwachsen und ein "Wachsen an den Herausforderungen der Zeit".

Schneider: Ostdeutsche manchmal zu bescheiden

Für ein besseres Miteinander und eine stärkere Sichtbarkeit von ostdeutschen Führungskräften in Wissenschaft, Politik und Unternehmen setzt sich auch der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Karsten Schneider, ein. Aber wichtig sei auch "der eigene Wille, sich durchzusetzen und Führungspositionen auch einzufordern", sagte Schneider in den tagesthemen. Da seien Ostdeutsche "manchmal ein bisschen zu bescheiden".

Schneider hatte kürzlich seinen aktuellen Deutschland-Monitor vorgelegt. Demnach ist nur noch gut jeder dritte Ostdeutsche (39 Prozent) mit der Demokratie in Deutschland zufrieden - und damit neun Prozentpunkte weniger als noch vor zwei Jahren.

Auf die geringer werdende Zustimmung zur Demokratie angesprochen, erklärte Schneider: "Mich beunruhigt das für ganz Deutschland". Man müsse dafür kämpfen, dass sich die Bevölkerung stärker mit der Demokratie identifiziere. "Das Vertrauen in die Institutionen ist das, was es gilt, wieder herzustellen."

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck forderte mit Blick auf den Feiertag und im Angesicht diverser Krisen mehr "Entschlossenheit" der Bundesregierung. "Wir brauchen nicht nur die Ansage einer Zeitenwende", sagte er im "heute journal" des ZDF. "Sondern wir brauchen auch eine Politik, die dieser Ansage entspricht."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Oktober 2022 um 11:52 Uhr.