In vielen Altenheime müssen die Bewohnerinnen und Bewohner trotz erfolgter Impfung weiterhin mit Einschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie leben.  | dpa

Situation in Altenheimen Geimpft - und trotzdem isoliert

Stand: 25.04.2021 09:24 Uhr

In den meisten Alten- und Pflegeheimen gelten weiterhin strenge Kontakt- und Besuchsbeschränkungen. Und das, obwohl fast alle Bewohner inzwischen zweimal gegen Covid-19 geimpft sind.

Von Laurence Thio und Raphael Jung, rbb

Unterwegs in einem Haus, in dem nichts mehr normal ist. Alexander Blum läuft durch die Flure des Seniorenzentrums St. Albertus in Berlin-Hohenschönhausen. Er leitet das Seniorenheim und bleibt im verlassenen Speisesaal stehen. Da wo früher Leben und Gemeinschaft war, ist jetzt nur noch Leere. "Das ist natürlich für die Bewohner ein schwerer Schlag, weil der Speisesaal eigentlich bei uns im Haus Dreh- und Angelpunkt ist", sagt Blum. Hier sortiere sich das Leben, hier gestalte sich der Alltag.

Feste haben sie hier gefeiert, es gab Beschäftigungsangebote für die Bewohnerinnen und Bewohner. "Das kann alles nicht stattfinden." Trotz Impfungen.

Alexander Blum | Laurence Thio / rbb

"Das kann alles nicht stattfinden": Alexander Blum vom Seniorenzentrum St. Albertus Bild: Laurence Thio / rbb

Strenge Kontakt- und Besuchsbeschränkungen

Keine gemeinsamen Mahlzeiten, und auch sonst ist der Alltag nach wie vor eingeschränkt. Es gelten Kontakt- und Besuchsbeschränkungen. Gruppenaktivitäten dürfen zwar wieder stattfinden, aber nur in begrenzter Personenzahl. Auf den Fluren müssen die Bewohnerinnen und Bewohner einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Und das, obwohl 97 Prozent von ihnen im St.-Albertus-Seniorenzentrum bereits ihre zweite Corona-Impfung erhalten haben. Seit Ende Februar ist das Heim durchgeimpft, so wie viele Pflege- und Seniorenheime in Deutschland. Zumeist liegt die Impfquote zwischen 80 und 100 Prozent.

Blum besucht die Sportgruppe im Haus: Sieben Seniorinnen und Senioren sitzen im Stuhlkreis, gemeinsam mit ihren drei Pflegerinnen. Sie schwenken bunte Tücher in den Händen. Zwischen ihren Stühlen: anderthalb Meter Abstand. Teilnehmen dürfen maximal zehn Personen, inklusive Pfleger. Mitmachen würden aber gerne viel mehr der 76 Bewohner.

Das eingeschränkte Angebot, nur wenige Kontakte, kaum Abwechslung - all das macht auch Blum Sorgen. Er hofft, dass sich hier bald nicht mehr nur die Seniorinnen und Senioren lockern, sondern auch die Verordnungen: "Wir bemerken gerade bei unseren Bewohnern, die an Demenz erkrankt sind, dass durch die Einschränkungen die Demenz schwere Verläufe bis hin zum Tod nehmen kann."

Lockerungen in Pflegeheimen in Sicht

Die Bundesregierung will die Kontaktbeschränkungen in Alten- und Pflegeheimen offenbar deutlich lockern. "Eine soziale Isolation der Bewohner durch Corona" solle vermieden werden, heißt es in einer Neufassung des Eckpunktepapiers für den Impfgipfel am Montag, die den Zeitungen der Funke Mediengruppe vorliegt.

"Zwei Wochen nach der einrichtungsbezogenen Zweitimpfung können die Besuchsmöglichkeiten in Einrichtungen ohne Ausbruchsgeschehen wieder erweitert werden und wohnbereichsübergreifende Gruppenangebote wieder durchgeführt werden."

Eine Differenzierung zwischen geimpften und ungeimpften Bewohnerinnen und Bewohnern solle es bei den Maßnahmen nicht geben. Die Einrichtungen seien jedoch gehalten, ungeimpften, zum Beispiel neuen Bewohnern, zügig zu einem Impfangebot zu verhelfen.

Ein weiteres Problem: die Besuchs- und Kontaktbeschränkungen. Angelika Naumann sitzt mit ihrem 91-jährigen dementen Vater auf dem Zimmer. Sie musste sich vorher anmelden, einen Corona-Test machen und darf nun für eine Stunde bleiben - so schreibt es die Infektionsschutzverordnung vor. Sie wünschte sich, es wäre anders: "Schön wäre, wenn man auch länger als eine Stunde hierbleiben kann. Oder dass meine Tochter mal mitkommen kann oder der Urenkel."

Zusammen mit einer Pflegerin machen Senioren im Altenheim Bewegungsübungen. | Laurence Thio / rbb

Die Sportgruppe: Gern würden viel mehr Bewohner mitmachen. Bild: Laurence Thio / rbb

Bereits Anfang Februar mahnte der Deutsche Ethikrat an, die Kontaktbeschränkungen in Heimen für Senioren, Behinderte und chronisch Kranke nach der Impfung wieder aufzuheben. Der Verzicht auf gemeinsame Mahlzeiten und andere Maßnahmen zur Isolation sei "nur zu rechtfertigen, solange die in solchen Einrichtungen Lebenden noch nicht geimpft sind".

Das Robert Koch-Institut mahnte im April in einem Arbeitspapier, dass das Restrisiko der Übertragung einer Corona-Infektion durch einen Geimpften gegen die positiven Auswirkungen der Lockerungsmaßnahmen abgewogen werden müssten.

Unterschiede von Bundesland zu Bundesland

Viele Heime wollen lockern, warten aber noch. Denn um das rechtssicher tun zu können, müssten die Länder ihre Corona-Schutzverordnungen ändern. Getan haben das bis jetzt aber nur Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg.

Die Verordnungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Zusätzlich gibt es ergänzende Regelungen auf Bundes-, Kreis- und Stadtebene. Wie streng die Verordnungen ausgelegt, wie sehr Spielräume genutzt werden - das hängt teilweise von den Heimen und ihren Trägern ab. Für die Angehörigen und die Bewohner der Senioreneinrichtungen ist es schwer nachvollziehbar, was gerade wo gilt.

Grundsätzlich fordern viele Seniorenheime und ihre Träger Erleichterungen bei den Besuchs- und Kontaktbeschränkungen. Hamburg hebt zum Beispiel die bislang geltenden Einschränkungen bei Besuchen auf und führt weitere Erleichterungen ein, wenn Besucher oder Heimbewohner einen vollen Impfschutz haben.

Auch im Seniorenzentrum St. Albertus wollen sie gerne die strengen Maßnahmen lockern. Träger ist die Caritas. Sie hat bereits vor Monaten ein Lockerungskonzept bei der Berliner Senatsverwaltung eingereicht. Eine Antwort gab es auf diesen Vorschlag bislang nicht. Auf Anfrage erklärt die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, dass die geltende Verordnung überarbeitet werde und die Besuchsrechte in Heimen "zeitnah" ausgeweitet werden sollen. Wann genau, bleibt unklar.