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Gestrandete Seeleute "Ich habe Heimweh"

Stand: 25.12.2020 00:05 Uhr

Monatelang unterwegs auf den Weltmeeren - und auch Weihnachten können sie trotz Urlaubs nicht nach Hause: Hunderttausende Seeleute sitzen Corona-bedingt fest. Auch in Hamburg.

Von Andreas Hilmer, NDR

Seemann Kaumai Taneoua starrt traurig ins Leere. Er kann nicht zu seiner Familie. Er sitzt fest, mehr als zehntausend Kilometer entfernt von zuhause. In Hamburg ist er notdürftig in einer Jugendherberge untergekommen, zusammen mit mehr als 50 anderen Seeleuten. Eine internationale Schicksalsgemeinschaft, die zum Warten verdammt ist.

Andreas Hilmer

Als Bordarbeiter befährt Kaumai seit Jahren die Weltmeere, und eigentlich hat er jetzt Urlaub. Doch wegen der Corona-Pandemie kann er nicht nach Hause. Flüge gibt es kaum, und sein Heimatland lässt ihn momentan aus Angst vor dem Virus auch nicht einreisen. Der Seemann ist ein zu großes Risiko für Airlines und auch für seine Heimat Kiribati, ein winziger Inselstaat in der Südsee.

Kaumai Taneoua

Kirias, Seemann aus Kiribati, sitzt in Hamburg fest.

Hunderttausende sitzen fest

Weltweit sitzen etwa 400.000 Seeleute fest, schätzen Experten. In Singapur, Senegal, Rotterdam, und eben Hamburg. Durch die komplexen Corona-Schutzmaßnahmen geht es oft nicht vor oder zurück. Die Besatzungen können nur schwer ausgetauscht werden. Und wer erstmal von Bord ist, sieht sogar seinen Arbeitsplatz in Gefahr. "Wer weiß, wann ich wieder irgendwo an Bord kann", sagt Kaumai achselzuckend.

"Es ist schwer, die Crew-Wechsel auf Tankern und Frachtschiffen in Häfen planmäßig zu organisieren, wenn wir nicht wissen, wie unsere Bootsleute ein- und ausreisen können", sagt Reeder Frank Leonhardt in seinem Büro am Hamburger Hafen. Er blickt herüber zu den Verladekränen und rührt in seinem Kaffee. Es ist eine schwierige Zeit. Die Traditionsreederei Leonhardt & Blumenberg ringt seit Monaten mit Herkunftsländern und Fluggesellschaften, damit Seeleute doch irgendwie reisen können. "Es ist komplex, alle haben Angst vor Corona."

Reeder Frank Leonhardt

Muss gerade viel organisieren: Reeder Frank Leonhardt

Leonhardts Smartphone klingelt und er bespricht wieder mal Sondergenehmigungen und Notunterkünfte für seine Matrosen: Wer geht wann von Bord, wer bleibt, wer übernimmt? In Zeiten der Pandemie ist die internationale Seefahrt ein Puzzlespiel geworden. Und die Seeleute haben unverschuldet ein Problem. Als sie an Bord gingen, kannte die Welt Corona noch nicht.

Warme Jacken vom Pastor

Der Seemannspastor kommt in die Jugendherberge im Hamburger Stadtteil Horn. Sprechstunde mit Maske und am desinfizierten Tisch, nebenan blinkt ein Weihnachtsbaum. Ein Dutzend Seeleute hoffen heute weniger auf göttlichen Segen, als auf konkrete Hilfe. "Es sind die einfachen Seeleute, die auch dafür gesorgt haben, dass wir hier Weihnachtsgeschenke in den Regalen haben", sagt Seemannspastor Mathias Ristau, der inzwischen zwei Mal die Woche kommt, um den Gestrandeten organisatorisch zur Seite zu stehen. "Und nun können diese armen Kerle nicht nach Hause. Viele sind erschöpft und ratlos wie es weitergehen soll, so fern der Heimat."

Dann verteilt er unter den Männern aus Mikronesien, Tuvalu und Kiribati warme Jacken gegen den Hamburger Nieselregen. Was den Gestrandeten bleibt: Billard, Kartenspielen, Fußball am Computer - und Telefonieren mit ihren Liebsten in der Südsee.

Wie Seeleute reisen dürfen, diskutieren längst auch internationale Organisationen. Ihre Not hat die Vereinten Nationen erreicht, inzwischen gibt es zwei Resolutionen der UN-Arbeitsorganisation ILO. Die 187 Mitgliedsstaaten sollen jetzt Seeleuten den Status  von "Key Workern" zuerkennen. Ein erster Schritt, um als "systemrelevante Arbeiter" bald wieder reisen zu dürfen.

Seit 18 Monaten unterwegs

Seemann Kaumai hört davon wenig. Er sitzt am Fenster in der Jugendherberge und schaut Fotos seines kleinen Sohnes auf dem Handy an: Palmen, Strand und ein singendes Kind mit Blumen im Haar. "Er ist gerade ein Jahr alt geworden, und ich war nicht da. Ich bin seit 18 Monaten unterwegs, ich habe Heimweh, ich war viel zu lange fort." Und dann wickelt er sich in ein Tuch, es ist die Fahne seiner Heimat Kiribati. Nach Monaten auf See hat er sich die Freizeit schöner vorgestellt, wärmer sowieso, und vor allem: bei seiner Familie.

"Wegen Corona darf niemand herkommen"

Auch Tony Aquino hängt im Hamburger Hafen fest, und doch ist es anders. Er stammt von den Philippinen, sein Schiff hat vor wenigen Stunden erst angelegt und er darf wegen Corona gar nicht erst von Bord. Noch nicht einmal zur nahen Seemannsmission "Duckdalben" zum Einkaufen und Kaffeetrinken. Dort steht Chefin Anke Wibel unter einem großen Tannenbaum und sortiert 200 extra für Seeleute gespendete Geschenke: "Die müssen wir dieses Jahr wohl direkt zu den Schiffen bringen, denn wegen Corona darf niemand herkommen."

Gespendete Geschenke für gestrandete Matrosen in der Seemannsmission "Duckdalben" in Hamburg. | dpa

Gespendete Geschenke für gestrandete Matrosen in der Seemannsmission "Duckdalben" in Hamburg. Bild: dpa

Anke Wibel

"Die Geschenke müssen wir in diesem Jahr direkt zu den Schiffen bringen": "Duckdalben"-Chefin Anke Wibel

Der Verband deutscher Reeder (VDR), will sich jetzt dafür einsetzten, dass die Reiserestriktionen gelockert werden. Allein auf deutschen Schiffen arbeiten 60.000 Seeleute. "Die sollten auch bevorzugt gegen Corona geimpft werden", fordert VDR-Präsident Alfred Hartmann.

Im Hamburger Hafen bringen derweil Helfer Weihnachtsbäume an die Schiffe als Spende und Dankeschön für den harten Job. Das sogenannte Tannenbaumwerfen ist eine alte hanseatische Tradition, um die Seeleute nicht zu vergessen. "Thank you", ruft ein Matrose artig hinter seiner Corona-Schutzmaske. Viel lieber wäre er aber wohl Weihnachten zu Hause.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Dezember 2020 um 12:00 Uhr.