WDR-Intendant Tom Buhrow | dpa

Buhrow zum Fall Schlesinger Neuer ARD-Chef schlägt Reformen vor

Stand: 12.08.2022 17:19 Uhr

"Wir sind alle in der ARD inzwischen enttäuscht und auch wütend", sagt der neue ARD-Chef Buhrow zur Affäre Schlesinger. Er will unter anderem überprüfen lassen, ob die Geschäftsstellen der Aufsicht überall in der ARD "adäquat ausgestattet" sind.

Die ARD will sich angesichts der Affäre um die zurückgetretene RBB-Intendantin und ARD-Chefin Patricia Schlesinger für eine Stärkung der Aufsicht aller Sender einsetzen. WDR-Intendant Tom Buhrow, der die Geschäfte an der ARD-Spitze übernommen hat, sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa: "Wir überprüfen, ob überall in der ARD die Geschäftsstellen der Aufsicht adäquat ausgestattet sind."

Sein eigenes Haus - die größte Anstalt innerhalb der ARD - habe etwa sehr gut ausgestattete Geschäftsstellen, so der WDR-Intendant. "Er hat sogar eine für den Verwaltungsrat und eine für den Rundfunkrat. Die arbeiten unabhängig den Aufsichtspersonen zu, damit diese ihre Kontrollfunktion gut wahrnehmen können." Jeder in effektivere Aufsichtsgremien investierte Cent sei gut investiert. "Aufsicht ist oft unbequem. Sie ist anstrengend. Aber sie macht es sicherer für uns alle, weil kritische Fragen alle schon vorher gestellt werden."

Zudem sprach sich Buhrow dafür aus, auch Experten heranzuziehen. "Die Medienpolitik hat im - allerdings noch nicht gültigen - Staatsvertrag festgeschrieben, dass die Gremien auch externe Experten heranziehen können. Das begrüßen wir, und das wollen wir unterstützen."

Vorwürfe der Vetternwirtschaft gegen Schlesinger

Schlesinger ist seit Wochen zahlreichen Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt. Im Kern geht es um die Frage, ob sie private und dienstliche Belange vermengt hat. Im Zentrum steht neben Schlesinger selbst, die als ARD- und RBB-Chefin in der Affäre zurückgetreten ist, auch der ebenfalls zurückgetretene Chefkontrolleur des RBB, Wolf-Dieter Wolf. Zudem geht es um fragwürdige Aufträge für Schlesingers Ehemann Gerhard Spörl bei der Messe Berlin, wo Chefkontrolleur Wolf ebenfalls bis zu seinem dortigen Rücktritt Aufsichtsratschef war.

Es steht die Frage im Raum, ob Schlesinger und Wolf zu lax mit möglichen Interessenskonflikten umgegangen sind. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt inzwischen gegen Schlesinger, Spörl und Wolf wegen des Anfangsverdachts der Untreue und Vorteilsannahme.

DJV fordert fristlose Entlassung

Neben anderen forderte inzwischen auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) den RBB-Rundfunkrat zur fristlosen Entlassung Schlesingers auf. Die Vorwürfe seien so schwerwiegend, dass nur die sofortige Beendigung des Dienstverhältnisses infrage komme, erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Das Aufsichtsgremium des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) will am Montag auf einer Sondersitzung über die Details der Vertragsauflösung beraten.

Buhrow äußerte sich persönlich enttäuscht über Schlesinger. Die ganze ARD leide darunter, "dass in der Öffentlichkeit ein Bild entstanden ist, dass in der Chefetage unkontrolliert gehandelt wurde - wenn die Vorwürfe stimmen", so Buhrow.

Wir sind alle in der ARD inzwischen enttäuscht und auch wütend. Weil alle Sender unter Generalverdacht gekommen sind und auch Tausende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die jeden Tag gute Arbeit machen - inklusive der RBB-Mitarbeiter, die jetzt die journalistische Ehre des RBB hochhalten.

"Diese Krise berührt auch die ARD"

Auf die Frage, wie groß der Ansehensverlust für die ARD und den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk durch die Schlesinger-Affäre sei, sagte Buhrow: "Das ist noch nicht endgültig absehbar, aber ich rede da nicht drum herum: Diese Krise berührt auch die ARD - der RBB ist schließlich ein Mitglied der ARD." Der ARD-Chef ergänzte: "Deshalb ist es jetzt meine Aufgabe, dass wir in der ARD die Schlussfolgerungen analysieren und angehen."

Er betonte, dass das Programm der ARD - zu der auch tagesschau.de gehört - vom Publikum geschätzt werde. "Ich sehe keine Vertrauenskrise, was das Programm angeht. Es gibt immer mal wieder Kritik an Ausgewogenheit oder Programmzusammenstellung, aber grundsätzlich wird das Programm sehr geschätzt." Bei der Finanzierung hätten einige Menschen hingegen Bedenken. Das Klischee, die Intendanten und Intendantinnen könnten machen, was sie wollten, sei aber "ein Zerrbild".

Buhrow - vielen vor allem bekannt aus seiner Zeit als Moderator der tagesthemen - ist seit 2013 Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Er war in den vergangenen beiden Jahren auch ARD-Vorsitzender. Das Amt wird innerhalb der ARD-Anstalten nach einem bestimmten Turnus weitergereicht, RBB-Intendantin Schlesinger hatte es zum Jahreswechsel übernommen, nach ihren Rücktritten sprang Buhrow wieder ein - er wird die Position bis zum Jahresende innehaben.

NDR prüft Vorgänge zu einem Doku-Drama

Inzwischen beschäftigt die Affäre beim RBB auch den Norddeutschen Rundfunk (NDR). Hintergrund ist das Doku-Drama "Der gute Göring", das 2016 entstand. Damals war Schlesinger Chefin des NDR-Programmbereichs "Kultur und Dokumentationen", ihr Ehemann wirkte über eine Produktionsfirma als Drehbuchautor an dem Doku-Drama mit.

Der NDR teilte nun mit, dass der mögliche Interessenkonflikt damals allen Verantwortlichen bekannt gewesen sei und man deshalb mehrere Maßnahmen ergriffen habe, um diesen zu vermeiden. Die Vorkommnisse beim RBB habe man trotz dieser Maßnahmen aber zum Anlass genommen, die internen Vorgänge zum Doku-Drama auf Einhaltung der Dienstvorschriften zu prüfen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2022 um 16:00 Uhr.