Ein Mann steht am 27.08.1992 vor einem brennenden Pkw auf einer Straße am zentralen Asylbewerberheim von Mecklenburg-Vorpommern in Rostock-Lichtenhagen.  | dpa

Erinnerung an Rostock-Lichtenhagen "Der Hass ist nicht verschwunden"

Stand: 22.08.2022 16:18 Uhr

Auch 30 Jahre nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen ist das Entsetzen in der Bundesregierung darüber groß. Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass müsse fortgeführt werden.

Zum Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen hat Bundeskanzler Olaf Scholz die Bürger aufgefordert, jeden Tag gegen Hetze und Rassismus zu kämpfen. "Heute vor 30 Jahren haben Rechtsextreme in Rostock-Lichtenhagen das 'Sonnenblumenhaus' in Brand gesetzt, Schaulustige applaudierten", schrieb Scholz. "Wo Menschen Schutz suchten, wurden sie angegriffen - eine schreckliche Tat."

Faeser: Rechtsextremismus größte extremistische Gefahr

"Es ist bis heute erschütternd, dass kaum einer gegen den Mob einschritt", erklärte Bundesinnenministerin Nancy Faeser. Der in Rostock-Lichtenhagen aufgeflammte rechte Menschenhass sei zu einem "Fanal" geworden. Gleiches gelte für "das zögerliche und halbherzige Verhalten der Sicherheitskräfte und die zu geringe Empathie in Politik und Gesellschaft". Mitten in Deutschland hätten damals Menschen "um ihr Leben fürchten" müssen. Der Rechtsextremismus sei auch derzeit die größte extremistische Gefahr in Deutschland, fügte die SPD-Politikerin an.

"Bis heute erschreckend"

Wie Faeser bezeichnete die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan, die Geschehnisse in Rostock als unverändert schockierend. "Das Ausmaß der rassistischen Ausschreitungen ist bis heute erschreckend", sagte sie im Deutschlandfunk.

Auch die damaligen politischen Reaktionen seien aus heutiger Sicht nur als erschreckend zu bezeichnen, fügte Alabali-Radovan an. So habe die damalige Bundesregierung das Asylrecht verschärft statt über Rechtsextremismus zu sprechen. "Das haben wir auch immer noch nicht richtig aufgearbeitet."

Forderungen nach Aufarbeitung

Justizminister Marco Buschmann (FDP) erklärte auf Twitter: "Der Hass ist nicht verschwunden. Es bleibt unsere Pflicht, unsere offene Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen."

Kulturstaatsministerin Claudia Roth mahnte eine lebendige Erinnerungskultur an. "Die rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen waren Auslöser einer ganzen Kette ausländerfeindlicher Gewaltexzesse in der wiedervereinten Bundesrepublik", so die Grünen-Politikerin.

"Wir müssen und sollten die Erinnerung auch an dieses dunkle Kapitel deutscher Gegenwart wachhalten", sagte Roth. Dazu gehörten Orte des Gedenkens ebenso wie wissenschaftliche Einrichtungen zur Dokumentation und Aufarbeitung des Rechtsterrorismus.

Der Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung, Timo Reinfrank, forderte eine gründliche Aufarbeitung der Ausschreitungen. Politik und Polizei hätten damals massiv versagt, erklärte er. Mit dem Pogrom verbunden sei eine jahrzehntelange Verharmlosung rechtsextremer Gewalt. Außerdem habe die rassistische Gewalt weit über Rostock hinaus gewirkt. Das Pogrom sei kein lokales Ereignis gewesen.

Vier Tage lang Ausschreitungen

Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen hatten sich vom 22. bis 26. August 1992 immer wieder Rechtsextremisten und Schaulustige am sogenannten Sonnenblumenhaus versammelt, in dem die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber sowie vietnamesische Vertragsarbeiter untergebracht waren. Steine und Brandsätze wurden geworfen, rassistische Parolen gebrüllt, die Feuerwehr behindert. Der Polizei gelang es nicht, die Ausschreitungen zu stoppen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. August 2022 um 23:15 Uhr.