Ein Kassenbon und Lebensmittel auf einem Laufband | picture alliance / SvenSimon

Inflation und teure Energie "Wer soll das bezahlen?"

Stand: 30.09.2022 11:28 Uhr

Die hohen Energiepreise und teure Lebensmittel bringen viele Menschen in akute Existenznöte. In die Beratungsstellen kommen inzwischen auch junge Familien oder Studierende.

Von Jaqueline Piwon, rbb

Es sind keine guten Nachrichten, die Daniela Fröhlich in den Händen hält. In einem Schreiben kündigt ihr Gasanbieter eine drastische Erhöhung der monatlichen Zahlung für ihr Einfamilienhaus nahe Potsdam an. Statt bisher 178 Euro pro Monat, soll sie nun 2048 Euro zahlen. "Das ist unglaublich. Wer soll das bezahlen?", fragt sie empört.  

Eine Verzehnfachung des Abschlags, das ist zurzeit keine Seltenheit, berichten Verbraucherschützer. Familie Fröhlich hat ihrem Gasanbieter nun gekündigt und wechselt zu ihrem lokalen Grundversorger. Da liegt der Tarif statt zehnmal, etwa dreimal so hoch. Hinzu kommen die gestiegenen Preise auch bei Lebensmitteln. "Für den Alltag heißt das, dass wir schauen, wo wir einkaufen, was wir einkaufen und was wir uns dann letztendlich noch leisten können. Urlaube sind schon außen vor." Dabei gehe es ihnen finanziell noch gut, findet Familie Fröhlich.  

Rentnerinnen mit Existenzsorgen  

Für Roswitha und Marion Appelt aus Wittenberge sind die aktuellen Preissteigerungen ebenfalls Grund zur Sorge. "Als Hartz-IV-Empfängerin mache ich mir da absolute Existenzsorgen. Denn man weiß nicht, wie das weitergeht, wie die Preise noch explodieren", sagt Marion Appelt. Die Schwestern sorgen sich darum, ob sie sich demnächst überhaupt noch etwas zu essen leisten können. "Das ist ganz schlimm. Bei meiner kleinen Rente reicht das vorne und hinten nicht."

Daniela Fröhlich | rbb

"Das ist unglaublich": Daniela Fröhlich über die hohen Abschlagszahlungen ihres Gasversorgers. Bild: rbb

Roswitha und Marion Appelt | rbb

Die Schwestern Appelt haben akute Existenzsorgen. Bild: rbb

Große Verunsicherung

Beratungs- und Hilfsangebote registrieren seit einigen Wochen deutlichen Zulauf. "Es kommen Menschen in die Beratungsstellen, die wir vorher so noch nie gesehen haben", sagt Andreas Kaczynski vom Paritätischen Gesamtverband. Es seien jetzt auch junge Familien, mehr Rentner oder auch Studierende, die Hilfe bräuchten. Diese Gruppen seien bisher noch ganz gut über die Runden gekommen. "Aber diese Preissteigerungen, die treffen jeden."

Die Verunsicherung ist groß. Die oberste Verbraucherschützerin Ramona Pop spricht von der größten Krise für Verbraucher seit Jahrzehnten. Viele Preiserhöhungen bei Energieverträgen seien nicht "ganz im rechtlichen Rahmen", sagt Pop. "Dagegen gehen wir rechtlich vor." Die Verbraucherzentralen prüfen die Rechnungen und mahnen gegebenenfalls ab.  

Ein Mietmoratorium?

Karin Koßau ist Lehrerin in Brandenburg. Sie befürchtet aufgrund der angespannten Situation eine Spaltung in der Gesellschaft und nimmt die auch schon bei ihren Schülern wahr: "Ich habe Angst, dass die nichts mehr in den Brotdosen haben." Und dass es dann eine Stimmung gegen ausländische Mitschüler geben könnte. "Die nehmen uns jetzt das Geld weg, sagen dann die Kinder."

Andreas Kaczynski vom Paritätischen Gesamtverband drängt deshalb darauf, dass die Menschen noch stärker finanziell vom Bund unterstützt werden. Es gehe jetzt auch darum, ein Stück Zuversicht zu geben. "Das heißt für mich, dass wir so etwas wie ein Mietmoratorium brauchen, oder ein Energie- und Gasmoratorium." Jeder Mensch müsse sicher sein, dass er nicht seine Wohnung verliert oder dass ihm der Strom abgedreht wird.