Christine Helbig wird im Impfzentrum des Klinikum Stuttgart mit einer Dosis eines Covid-19 Impfstoffes geimpft.  | Klinikum Stuttgart

Gesundheitsberufe Die Impfpflicht kommt - das Personal geht?

Stand: 30.01.2022 05:16 Uhr

Ab März greift die Impfpflicht in Pflege und Medizin. Droht dann den Heimen und Kliniken eine Kündigungswelle? Die Einrichtungen sehen sich zumindest gut vorbereitet.

Von Markus Pfalzgraf und Tim Diekmann, SWR

Ein gelber Post-it-Zettel erinnert die Pflegekraft Katja Sienel an ihre morgendliche Pflicht: Ohne den täglichen Antigen-Schnelltest darf im Karl-Gerok-Stift in Vaihingen an der Enz niemand seinen Dienst antreten - egal, ob geimpft oder ungeimpft. Der negative Schnelltest soll zusätzliche Sicherheit geben, um die Bewohner des Pflegeheims vor einer Coronavirus-Infektion zu schützen. Sienel ist geimpft, obwohl sie anfangs skeptisch war: "Eigentlich waren das zum einen meine Bewohner, mit denen ich tagtäglich im Kontakt stehe und zum anderen war das einfach auch wegen der Gesellschaft."

Tim Diekmann

Wenn man ein normales Leben führen wolle, so die Pflegekraft, habe man keine andere Wahl, als sich impfen zu lassen. Doch nicht alle Kollegen sehen das so wie Sienel. Nicht alle seien geimpft. Man versuche täglich, "den Kollegen die Notwendigkeit bewusst zu machen".

"Das Krankenhaus muss ein sicherer Ort sein"

Was passiert, wenn Mitarbeiter im Gesundheitswesen sich einer Impfung gegen das Coronavirus verweigern, zeigt das Beispiel der Artemed-Krankenhausgruppe in Freiburg: 35 ungeimpfte Pflegekräfte dürfen ihren Arbeitsplatz in den Kliniken seit dem 1. Januar nicht mehr betreten und verdienen somit kein Geld mehr. Auf die vom Bund beschlossene einrichtungsbezogene Impfpflicht ab Mitte März wollte man in Freiburg nicht warten und hat sie kurzerhand schon selbst eingeführt.

Offenbar aus gutem Grund: "Das Krankenhaus muss ein sicherer Ort sein", ist der ärztliche Direktor des St. Josefskrankenhaus in Freiburg, Thorsten Vowinkel, überzeugt. Einige Patienten hätten Sorgen geäußert, derzeit ins Krankenhaus zu kommen, und fragten sich, ob sie dort sicher seien. "Und denen können wir entgegnen: 'Ja, hier sind alle geimpft und wir passen hier aufeinander auf.'"

Die hauseigene Impfpflicht scheint zu wirken. An beiden Standorten in Freiburg liege die Impfquote inzwischen bei 98 Prozent. Im März müssen dann alle Mitarbeitenden geimpft oder genesen sein.

Hohe Impfquoten an Kliniken

Ähnlich sieht es beim größten Krankenhaus in Baden-Württemberg aus. Das Klinikum Stuttgart hat nach eigenen Angaben 7000 Beschäftigte, darunter 2700 Pflegekräfte und mehr als 1000 Ärztinnen und Ärzte. Vor allem diese seien fast alle geimpft, sagt der Vorstandsvorsitzende Jan Steffen Jürgensen. In der gesamten Belegschaft liege die Quote der Grundimmunisierten bei knapp 95 Prozent. Davon seien die meisten geimpft, manche auch genesen. Nur bei "patientenfernen" Berufen wie in Verwaltung, Lager oder Logistik gebe es noch deutlichen Nachholbedarf.

Die wenigen Ungeimpften würden dringend gebeten, sich noch rechtzeitig impfen zu lassen - "im Ton an die Verantwortung appellierend", so der Klinikchef. Bis Mitte März müssten im Zuge der Impfpflicht für Gesundheitsberufe die Fälle ohne Nachweis dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Erst dann würde im Klinikum Stuttgart umgehend ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen, und die Ungeimpften müssten draußen bleiben. Anders als beim St. Josefskrankenhaus in Freiburg wurde am Klinikum Stuttgart bislang noch niemand deshalb freigestellt.

Der Vorstandsvorsitzende Jürgensen geht aufgrund von Gesprächen davon aus, dass es in den anderen Krankenhäusern in der Landeshauptstadt ähnlich aussieht. Er verweist außerdem auf Frankreich, wo die befürchteten Massenkündigungen ausblieben.

Probleme mit Kontrollen werden im Südwesten nicht erwartet, wie sie sich etwa im Nordosten der Republik abzeichnen: Die Gesundheitsämter in Mecklenburg-Vorpommern warnen schon, dass sie es nicht schaffen würden, die Impfpflicht in Heimen und Krankenhäusern zu kontrollieren.

"Stimmungsmache" durch fingierte Stellenanzeigen

Die Einrichtungen in Baden-Württemberg sehen sich also vorbereitet - einen anderen Eindruck könnte bekommen, wer Stellenanzeigen sieht, in denen scheinbar viele ungeimpfte Pflegekräfte eine neue Beschäftigung suchen. Zeitungen wie die "Heilbronner Stimme" sehen sich mit ungewöhnlich vielen solcher Anzeigen konfrontiert. Wie sich aber schnell herausstellte, steckten oft keine echten Menschen dahinter: Viele der Anzeigen waren gefälscht, auch nach Aufrufen im Messengerdienst Telegram. Deshalb wurden sie nicht veröffentlicht.

"Wir prüfen jede einzelne Anzeige, die eingeht", sagte der Chefredakteur der "Heilbronner Stimme", Uwe Ralf Heer, dem SWR, "und da, wo es sich um Fake-Anzeigen handelt, werden die selbstverständlich nicht veröffentlicht." Die Überprüfung sei ein großer Aufwand, aber so könne Missbrauch gestoppt werden. Auch Leser würden sich melden und seien bestürzt, so Chefredakteur Heer.

Bei Amtsblättern wie der "Stadtrundschau Ostfildern" in der Nähe von Stuttgart erschien eine Anzeige einer "ungeimpften Krankenschwester", die einen "neue Tätigkeit sucht". Die Vertriebsgesellschaft des Blattes hatte die Anzeige überprüft, als "Grenzfall" eingestuft und zunächst zugelassen. Aber angesichts der Diskussion um eine "zentral gesteuerte Kampagne" habe die Geschäftsleitung entschieden, "Anzeigenaufträge mit diesem Inhalt in der Zukunft abzulehnen", wie der Geschäftsführer mitteilt.

Ein Journalist des RBB hatte stichprobenartig mehrere solcher Anzeigen in einem Lausitzer Anzeigenblatt untersucht: Bei keinem einzigen Anruf war jemand erreichbar. Als "plakative Stimmungsmache" bezeichnet der Stuttgarter Krankenhauschef Jürgensen solche Anzeigen, wenn sie fingiert sind.

Unsichere Lage in den Heimen

Etwas anders als in den Kliniken könnte sich die Beschäftigungslage in den Heimen entwickeln. Pflegeeinrichtungen in der Region Stuttgart berichten derzeit nur von Einzelfällen, in denen Pflegekräfte gekündigt hätten, weil sie nicht geimpft seien.

Ein Altenheim in Winnenden, das Haus im Schelmenholz, hat 150 Mitarbeitende. Davon seien etwa zehn noch nicht geimpft, sagte Direktorin Kristina Baumstark dem SWR. Sie plane ab März ohne diese Kräfte, und dann könnte es eng werden: "Es könnte schon im schlimmsten Fall passieren, dass wir dann keine neuen Bewohnerinnen und Bewohner mehr aufnehmen können." Baumstark will versuchen, noch einzelne Beschäftigte zu überzeugen, sich doch noch impfen zu lassen.

Auch im Pflegeheim in Vaihingen an der Enz fürchten sie, dass die einrichtungsbezogene Impfpflicht dazu führt, dass der harte Pflegejob noch härter wird, weil weniger Pflegekräfte die gleiche Arbeit machen müssen.

Pflegerin Sienel glaubt aber, dass die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht helfen könnte: "Eine allgemeine Impfpflicht für alle würde das Ganze entschärfen. Das Miteinander wäre einfacher, der Umgang wäre einfacher und nicht so viele Kollegen würden dem Beruf den Rücken kehren, die würden alle bleiben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. Januar 2022 um 13:09 Uhr.