Die Hand einer älteren Frau auf einer Laptoptastatur | AFP

Offline in Corona-Zeiten Status abgehängt

Stand: 15.02.2022 04:54 Uhr

Impfnachweis per App, Online-only-Tickets, digitale Anmeldung bei Ämtern: Corona hat der Digitalisierung einen Schub gegeben. Doch was ist mit denjenigen ohne Smartphone oder ganz ohne Internet?

Von Stefan Maier, SWR

Man sieht Rudi Hoffarth den Offliner förmlich an: Er sitzt in seinem engen Büro, das er passend "Räuberhöhle" nennt, inmitten vollgestopfter Bücherregale, Aktenordner füllen den Raum. Der 80-Jährige schreibt Bücher, hält Vorträge. Er nutzt zwar einen PC, aber nur als Schreibmaschine, ein Smartphone besitzt er nicht, aus Überzeugung. Für ihn sind Handys Zeitdiebe, er will nicht ständig erreichbar sein.

Stefan Maier

Trotzdem leidet er unter den Nachteilen seines Verzichts. "Wenn man ins Familienbad gehen möchte", sagt er, "dann braucht man eine App und muss die Eintrittskarte entweder am PC oder mit dieser App bestellen. Aber wenn man das nicht hat, fällt der Besuch im Familienbad ganz einfach weg."

Tickets für Kinos, Zoos, Museen - alles Einrichtungen, die Ältere gerne nutzen - gibt es häufig nur noch online. Anrufen oder gar an der Kasse bezahlen ist dann nicht mehr möglich.

Rudi Hoffarth | SWR

Offline aus Überzeugung: Rudi Hoffarth Bild: SWR

Viele sind betroffen

Fast 50 Prozent der über 70-Jährigen nutzen kein Internet, sind sogenannte Offliner. Besonders betroffen seien Ältere, Frauen und Menschen mit geringer Bildung, sagt der Vorsitzende des Seniorenrates Baden-Württemberg, Eckart Hammer. "Wir haben hier so etwas wie eine digitale Spaltung in der Gesellschaft, ein großer Teil der Menschen ist einfach abgekoppelt." Das gelte nicht nur fürs Schwimmbadticket, sondern auch für Bankgeschäfte, die für Ältere schwer zugänglich seien. Viele Dienstleistungen seien nur noch online erhältlich, Postfilialen würden ausgedünnt, immer mehr Menschen seien damit abgeschnitten vom gesellschaftlichen Leben.

In manchen Fällen ist die freiwillige oder unfreiwillige Internet-Abstinenz sogar mit finanziellen Einbußen verbunden. Rudi Hoffarth hat vier Kinder, seine jüngste Tochter ist auf den Rollstuhl angewiesen, sie leidet unter chronischen Schmerzen. Manche der Medikamente, die die Ärzte verschreiben, werden von der Krankenkasse übernommen, manche nicht.

Die Tochter kann sie nicht bezahlen, sie lebt von der Grundsicherung. Also zahlen die Eltern und bestellen möglichst kostengünstig bei der Internetapotheke. "Ich habe das bisher per Brief gemacht", sagt Hoffarth, "und musste dann feststellen, wenn ich's im Internet bestellt hätte, hätte ich ein Drittel weniger bezahlen müssen." Er hat den Verdacht, dass manche Firmen den zeit- und kostenintensiveren analogen Schriftverkehr bewusst unattraktiv machen, um die Kunden in die digitale Kommunikation förmlich zu zwingen.

Ravensburger Vesperkirche | SWR

Das kostenlose Angebot der "Vesperkirche" spricht sich im Winter nur langsam herum. Das Internet als Informationsquelle nutzt kaum einer der Gäste. Bild: SWR

Armut kann auch digital stigmatisieren

Im großen Raum der evangelische Stadtkirche in Ravensburg stehen Tische und Stühle im Seitenschiff, es gibt täglich eine warme Mahlzeit sowie Kaffee und Kuchen kostenlos. Es ist Ausdruck christlicher Nächstenliebe in den kalten Monaten. Die "Vesperkirche" wendet sich an die Bedürftigen in der Stadt. Aber das Angebot spricht sich jeden Winter nur langsam herum, denn die wenigsten Besucher nutzen das Internet, um davon zu erfahren. Wer überhaupt ein Handy besitzt, verzweifelt oft daran. "Weil meine Tochter in Griechenland wohnt", sagt Erna Flur, "wollte ich, dass man sich auch sieht, dass man anders miteinander kommunizieren kann." Aber es klappt nur selten - woran das liegt, weiß sie nicht. "Ab und zu kriege ich es durch Zufall hin."

Veronika Reich | SWR

Veronika Reich hat zwar ein Smartphone, kann damit aber nur telefonieren. Bild: SWR

Auch Veronika Reich besitzt ein Smartphone, hat aber nie gelernt, es anders als zum Telefonieren zu nutzen. Sie arbeitet ehrenamtlich in der Vesperkirche. Die 59-Jährige putzt die Toiletten für die Gäste, obwohl sie einen Lohn dafür gut gebrauchen könnte. Sie lebt von Aushilfsjobs. Für sich und ihren behinderten Sohn, der bei ihr lebt, bleiben ihr vier- bis fünfhundert Euro im Monat. Kürzlich war sie beim Bürgeramt der Stadt, wurde aber abgewiesen: Termine würden nur Online vergeben. "Es kann sich ja nicht jeder online anmelden", sagt Reich. Wer kein Handy habe, könne es auch nicht. "Von daher ist man also schon alleingelassen."

Digitale Teilhabe und digitale Abstinenz

Dass selbst Ämter Termine nur noch online vergeben, halten viele Experten für besonders skandalös. Der Landesseniorenrat Baden-Württemberg erhebt deshalb zwei zentrale Forderungen. Erstens: Zugang zum Internet für alle gesellschaftlichen Gruppen, auch für Arme, Alte, für Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen. Dazu den Netzausbau im öffentlichen Raum und Schulungen. Denn sich ein Smartphone leisten zu können, heißt noch nicht, es auch bedienen zu können. Zweitens aber: das Recht auf digitale Abstinenz. Niemand dürfe gezwungen sein, digital zu kommunizieren. Wer kein Internet wolle, dem müssten Behörden oder Kultureinrichtungen weiterhin analog Zugang bieten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Februar 2022 um 22:25 Uhr.