Angela Merkel | dpa

Merkel im Wirecard-U-Ausschuss Die letzte Zeugin

Stand: 23.04.2021 04:37 Uhr

Gestern der Vizekanzler, nun die Kanzlerin: Heute wird Angela Merkel vom Wirecard-Untersuchungsausschuss befragt. Politisch gefährlich dürfte der Auftritt nicht werden - doch unangenehm allemal.

Von Tom Schneider, ARD Hauptstadtstudio

Eine bessere Geschichte kann sich die Regierung einer Wirtschaftsnation kaum wünschen: Ein Unternehmen mit modernem Antlitz steigt kometenhaft in die Spitzengruppe der deutschen Großkonzerne auf. Von 2018 an war Wirecard im DAX notiert. Eine weltweite digitale Zahlungstechnologie Made in Germany. Das Land der Maschinen- und Schraubenbauer, das auf die Tech-Giganten des Silicon Valley antwortet: Wirecard war fast zwingend auch ein Fall für die Kanzlerin.

Tom Schneider ARD-Hauptstadtstudio

"Dass ich den Gesprächswunsch eines gerade in den DAX aufgestiegenen Technologieunternehmens spontan angenommen habe, scheint für mich naheliegend", berichtete Anfang der Woche Dorothee Bär, die als Staatsministerin an der Seite der Bundeskanzlerin für die neue, digitale Welt zuständig ist.

Wirecard warb intensiv um Zugang zur deutschen Regierungszentrale, das haben Hunderte Stunden Anhörungen im Untersuchungsausschuss zur Wirecard-Pleite zutage gefördert.

Fragen zur China-Reise

Wenn Angela Merkel heute als vorerst letzte Zeugin unter den politisch Verantwortlichen vor dem Ausschuss aussagt, werden viele dieser Momente nochmals aufgerufen werden: Lobbyisten, die Gesprächsanbahnungen versuchten und die Interessen von Wirecard platzieren wollten; Regierungsmitarbeiter, die Wirecard-Vorstände trafen; Regierungspolitiker, die auf Auslandsreisen für Wirecard warben.

Die Kanzlerin selbst wird vor allem Fragen zu einer China-Reise im September 2019 beantworten müssen, auf der sie sich persönlich gegenüber dem chinesischen Staatschef für Marktchancen Wirecards stark machte. Ein dreiviertel Jahr später gab es die deutsche Technologiehoffnung nicht mehr. Der tiefe Fall von Wirecard ist deshalb zumindest auch für Merkel peinlich.

Die Frau von Herrn R.

"Die Kanzlerin hat beim wichtigsten Mann Chinas für Wirecard lobbyiert, deswegen wollen wir gern wissen, warum ihr Wirecard so wichtig war", sagt Fabio De Masi, Obmann der Linkspartei im Wirecard-U-Ausschuss. Zwar hat Merkel offenbar nie selbst Kontakte zu Wirecard-Verantwortlichen gehabt. Auch den geschassten und möglicherweise kriminellen einstigen Vorstandschef Markus Braun hat sie nie getroffen.

Das engere Umfeld der Kanzlerin hatte hingegen Kontakte zu Wirecard, zuweilen ganz kuriose. Da ist etwa der Fall des Wirtschaftsberaters der Kanzlerin, Lars Hendrik Röller, ehemaliger Wirtschaftsprofessor, heute der wichtigste Vertraute Merkels in Wirtschaftsfragen. Über ihn liefen verschiedene Anbahnungsversuche von Wirecard.

Auch die Idee, die Interessen des Unternehmens auf die besagte China-Reise mitzunehmen, ging über seinen Schreibtisch. Ins Staunen kam der Ausschuss, als in einer E-Mail gar die Ehefrau des Kanzlerinnenberaters auftauchte, die - obwohl Hausfrau - offenbar Kontakte zu chinesischen Unternehmen zu vermitteln versuchte.

Türöffner Guttenberg

Als Lobbyist mit direktem Draht zur Kanzlerin betätigte sich auch der ehemalige CSU-Hoffnungsträger Karl Theodor zu Guttenberg. Wirecard beauftragte seine Firma Spitzberg Partners für viel Geld mit Interessenvertretung. In einem Gespräch wies zu Guttenberg die Kanzlerin auf die Ziele von Wirecard auf dem chinesischen Markt hin und bat um wohlwollende Unterstützung.

Zu einem direkten Kontakt zwischen Merkel und Wirecard-Vorstandsmitgliedern kam es hingegen nie. Vielleicht war es die instinktive Vorsicht der Kanzlerin, vielleicht spielte auch die Warnung eines Leihbeamten eine Rolle. Ausgerechnet der empfahl - wohl mit Blick auf Presseberichte über Unregelmäßigkeiten in der Unternehmensbilanzierung -, lieber die Finger von Wirecard zu lassen und einen Gesprächswunsch abzulehnen.

Andere Berater der Kanzlerin agierten bezüglich der Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in den Wirecard-Bilanzen ähnlich arglos wie viele andere Regierungs-und Verwaltungsstellen in dem Fall. Die Kanzleramtsbürokratie, soviel legte der U-Ausschuss bisher frei, machte im Fall Wirecard jedenfalls auch nicht gerade den besten Eindruck.

Unangenehm für Merkel

Politisch gefährlich dürfte der Auftritt vor dem U-Ausschuss der Kanzlerin nicht werden. Die Rolle der Lobbyisten in ihrem Umfeld ist dennoch unangenehm für die stets so nüchtern und kontrolliert agierende Merkel. Ob sie selbst mehr preisgeben wird als der Ausschuss ohnehin schon weiß, ist nicht wahrscheinlich. Spannende Fragen an die Kanzlerin ergeben sich zwar auch aus den Aussagen der zwei ehemaligen Geheimdienstkoordinatoren Manfred Schmidbauer und Klaus-Dieter Fritsche. Wirecard war auch bemüht um Kontakte in die Welt der Geheimdienste. Dass Merkel sich für den Ausschuss in diese Welt begibt, ist mehr als unwahrscheinlich.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. April 2021 um 09:00 Uhr.