Eine Krankenschwester verteilt Medikamente auf der Covid-19-Intensivstation des Klinikum ·Rechts der Isar· in München. | dpa

Mediziner sind skeptisch Wunderpille gegen Corona gesucht

Stand: 16.12.2021 11:42 Uhr

Weltweit suchen Forschende nach einem wirksamen Medikament gegen Covid-19. Eingenommen wie eine Kopfschmerztablette sollen sie frühzeitig vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen. Wie ist der Stand der Forschung?

Von Tim Diekmann, SWR

Das Bild, das ein britischer Mediziner im November auf Twitter verbreitet, geht um die Welt. Auf dem weißen Krankenhaustisch stehen nach Präparaten sortiert all jene Medikamente, die ein Corona-Patient auf der Intensivstation jeden Tag unter anderem verabreicht bekommt: Paracetamol gegen die Schmerzen, Propofol und Midazolam zur Sedierung, Herz-Kreislauf-Medikamente, Mittel zur künstlichen Ernährung und zur Entspannung der Muskeln. Ein Medikamenten-Cocktail, der die Patienten am Leben halten soll. "Wir geben im Schnitt auf der Intensivstation täglich 15 verschiedene Medikamente, viele davon zeitgleich", berichtet Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Tim Diekmann

Auf das rettende Medikament, das schwer erkrankte Covid-Patienten wieder gesund macht, wartet der Intensivmediziner, der auch an Leitlinien zur Behandlung von Corona-Patienten miterarbeitet hat, noch. Denn die meisten Medikamente lindern bislang nur die Symptome der Erkrankung oder machen den Aufenthalt auf der Intensivstation erträglich. "Bei 0,6 Prozent der Covid-19 Patienten entwickelt sich momentan so eine schwere Lungenentzündung, dass man auf Intensivstation behandelt werden muss", sagt Intensivmediziner Kluge im Gespräch mit tagesschau.de. Aber keines der Medikamente "zaubere" diese Lunge gesund. Die heute eingesetzten Medikamente würden die Sterblichkeit um jeweils drei bis vier Prozent senken. Das sei eine kleine Hilfe, aber kein Durchbruch, so Kluge.

Antivirale Mittel im Fokus

Die Hoffnung auf ein Wundermittel gegen Covid-19 treibt Forschende weltweit an. Nach Angaben des US-Verbandes BIO werden zur Zeit mehr als 600 verschiedene Medikamente erprobt, die gegen Covid-19 helfen sollen. Besonders im Fokus sind antivirale Mittel, die das Virus daran hindern, in Körperzellen einzudringen. "Die meistgewählte Strategie, um das zu erreichen, ist, die besten Antikörper von gesundeten Menschen zu nehmen und im Labor nachzubauen", erklärt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller vfa. Einige solcher Antikörper werden schon heute zur Behandlung von Corona-Patienten eingesetzt. Das Problem: Sie helfen vor allem in einem frühen Stadium der Infektion. Wer erst einmal im Krankenhaus liegt, trägt das Virus schon mehrere Tage in sich. In der Zeit kann es sich kräftig vermehren.

Medikamente, wie etwa Remdesivir, setzen dagegen in der Zelle an und versuchen das Virus an der Vermehrung zu hindern. Der Ansatz des Herstellers Gilead Sciences galt zu Beginn der Pandemie, im Sommer 2020, als vielversprechend. Inzwischen raten medizinische Fachgesellschaften von der Anwendung bei beatmeten Patienten ab, da keine Wirksamkeit einer Therapie mit Remdesivir abgeleitet werden könne.

Zwei neue Präparate in Tablettenform

Mit hoher Wirksamkeit werben nun die Hersteller MSD und Pfizer für zwei neue antivirale Mittel. Pfizers Medikament Paxlovid soll nach Konzernangaben die Gefahr einer Krankenhauseinweisung wegen einer Corona-Infektion um 89 Prozent senken. Molnupiravir von MSD um immerhin 30 Prozent. In Großbritannien ist das Mittel seit Anfang November zugelassen.

Das Besondere: Molnupiravir und Paxlovid werden - anders als bisherige Medikamente - nicht als Infusion verabreicht, sondern in Tablettenform. "Der Vorteil ist, dass die Medikamente bereits früh zuhause als Tablette eingenommen werden können", beschreibt Intensivmediziner Kluge die mit den Neuentwicklungen verbundenen Hoffnungen. Bislang sind beide Präparate in der EU nicht zugelassen. Wenn es so weit ist, will aber auch Deutschland auf die Medikamente setzen. Auf Anfrage von tagesschau.de heißt es vom Bundesgesundheitsministerium: Das Ministerium stehe mit den Unternehmen in Verhandlung, um Kontingente für Deutschland zu sichern und zeitnah für die Versorgung zur Verfügung zu stellen.

Impfungen bleiben wichtigster Schutz

Wie groß der Einfluss dieser Medikamente auf die Pandemie sein wird, ist noch unklar. Es wird aber wohl Impfungen nicht verzichtbar machen, sagt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller: "Diese Medikamente schaffen es nicht, dass die Krankheit schnell verschwindet. Auch wenn die Infizierten nicht ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation müssen, dann können sie trotzdem noch ziemlich krank werden." Dagegen helfe nur geimpft zu sein, so der vfa-Sprecher.

Allzu große Hoffnungen setzt auch Intensivmediziner Kluge nicht auf die beiden Neuentwicklungen: "Game-Changer" seien beide nicht. Die Effekte der Medikamente seien nicht so greifbar, wie die einer Impfung. "Der Hauptfokus sollte auf der Impfkampagne liegen."

Über dieses Thema berichtete der BR am 13. Juli 2021 um 07:20 Uhr.