Demonstranten haben sich in der Nähe des Tagebaus eingehakt. | REUTERS

Räumung von Lützerath Tausende bei Demo, viele an der Abbruchkante

Stand: 14.01.2023 21:25 Uhr

Protesttag voller Konfrontationen: Tausende Menschen haben nahe Lützerath gegen die Braunkohleförderung demonstriert. Wiederholt kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, während die Abrissarbeiten weitergingen.

Die Lage rund um das Dorf Lützerath im rheinischen Braunkohlerevier hat sich nach Einbruch der Dunkelheit beruhigt. Viele Demonstrantinnen und Demonstranten verließen den unmittelbaren Bereich, nachdem die Polizei dazu aufgerufen hatte.

Tagsüber hatte es wiederholt Zusammenstöße zwischen Klima-Aktivisten und Polizisten gegeben. Die Polizei setzte am Rande der Großdemonstration gegen die Räumung des Ortes Wasserwerfer, Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Man habe "unmittelbaren Zwang" anwenden müssen, um die Demonstranten daran zu hindern, nach Lützerath vorzudringen, so ein Polizeisprecher.

Es habe auch Verletzte gegeben. Wie viele könne er nicht sagen. Zur Anzahl der Einsatzkräfte machte die Behörde keine Angaben.

Tausende Menschen bei Lützerath

Lützerath, ein Ortsteil von Erkelenz westlich von Köln, ist seit Tagen von der Polizei abgeriegelt und mit einem doppelten Zaun umgeben. Die wenigen Gebäude der Siedlung werden derzeit abgerissen, um es dem Energiekonzern RWE zu ermöglichen, die darunter liegende Kohle abzubaggern.

Dagegen protestierten trotz Dauerregens und starker Windböen viele Tausend Menschen im benachbarten Ortsteil Keyenberg - viele davon friedlich. Die Polizei sprach von 15.000 Teilnehmern. Etwa 5000 von ihnen hätten sich nicht an der Versammlung beteiligt, sondern sich sofort Richtung Abbaukante und Lützerath bewegt.

Die Veranstalter gehen von höheren Zahlen aus: Der BUND, als einer der Organisatoren, ging schätzungsweise von 35.000 Menschen aus, die Initiative Alle Dörfer Bleiben sogar von 50.000.

In Tagebau eingedrungen

Einige Demonstrantinnen und Demonstranten durchbrachen Polizeiketten und drangen bis zur Abbruchkante, einige sogar in den Tagebau selbst vor. Die Polizei versuchte, die Menschen zurückzudrängen. Bis zur Tagebaukante zu laufen, sei lebensgefährlich, weil der Boden durch den Regen aufgeweicht sei und Erdrutsche drohten, warnte die Polizei. "Ich bin absolut entsetzt, wie normale Versammlungsteilnehmerinnen und -teilnehmer sich dazu hinreißen lassen, hier den absoluten Gefahrenbereich zu betreten", sagte der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach der Nachrichtenagentur dpa.

Menschen demonstrieren an der Abbruchkante gegen den Tagebau Garzweiler in der Nähe des Dorfes Lützerath in Erkelenz | AP

Demonstranten an der Abbruchkante - die Polizei hält dies für lebensgefährlich. Bild: AP

Polizeifahrzeuge beschädigt

Nach Polizeiangaben attackierten einzelne Demonstranten Einsatzwagen der Polizei und warfen Pyrotechnik in Richtung der Beamten. Ein Sprecher erklärte, Reifen seien zerstochen und Außenspiegel abgetreten worden.

Ein Sprecher auf der Kundgebungsbühne hatte zuvor explizit aufgerufen, sich über Anweisungen der Polizei hinwegzusetzen. Er finde es legitim, wenn die Teilnehmer versuchten, in das abgesperrte Lützerath vorzudringen, sagte er: "Lasst euch von der Polizei nicht aufhalten. Wir sind mächtig. Wir sind auf der Seite der Gerechtigkeit. Wir lassen uns von diesem repressiven System nicht aufhalten. Wir stoppen diesen Tagebau. Macht alles, was ihr für richtig haltet."

Thunberg: "Kampf nicht zu Ende"

Hauptrednerin bei der Kundgebung war die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg. "Lützerath ist noch da, und solange die Kohle noch in der Erde ist, ist dieser Kampf nicht zu Ende", sagte die 20-Jährige. Es sei ihr unbegreiflich, dass im Jahr 2023 noch immer Kohle abgebaggert und verfeuert werde, obwohl zur Genüge bekannt sei, dass der dadurch ausgelöste Klimawandel in vielen Teilen der Welt Menschenleben koste. "Deutschland als einer der weltweit größten Verschmutzer hat eine enorme Verantwortung", mahnte Thunberg.

Aktivisten bleiben im Tunnel

In Lützerath selbst ging die Räumung unterdessen weiter. Einsatzkräfte kletterten auf Bäume, auf denen Aktivisten ausharrten. Nach Angaben des Energiekonzerns RWE liefen zudem Vorbereitungen, um zwei Aktivisten aus einem Tunnel zu holen. "Die Kräfte gehen sehr behutsam vor, hier kann kein schweres Gerät eingesetzt werden, weil das die Menschen in den unterirdischen Bodenstrukturen gefährden würde", sagte Polizeipräsident Weinspach.

Der Abriss der bereits geräumten Gebäude wurde am Samstag ebenfalls fortgesetzt. Darunter war auch das frühere Wohnhaus des Landwirts Eckardt Heukamp. Er war der letzte Bauer in Lützerath gewesen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. Januar 2023 um 21:00 Uhr.