Annette Kurschus | dpa
Analyse

EKD-Ratsvorsitzende Kurschus Nur die Macht des Wortes

Stand: 10.11.2021 16:56 Uhr

Die evangelische Kirche hat bei der Bekämpfung sexualisierter Gewalt viel Zeit verloren. Die neue Ratsvorsitzende Kurschus will das Thema nun zur Chefsache machen. Aber kann ihr das gelingen?

Von Tilmann Kleinjung, BR

"In unserer Kirche steht eine Erneuerung an, deren Radikalität wir erst zaghaft ahnen." Mit diesem Satz hat sich Annette Kurschus am Sonntag vor der Synode präsentiert. Als eine, die um den Ernst der Lage weiß, aber nicht das eine Patentrezept mitbringt. Bescheiden, aber nicht naiv.

Tilmann Kleinjung

Die neue Ratsvorsitzende der EKD kann an vielen Stellen an das anknüpfen, was ihr Vorgänger Heinrich Bedford-Strohm bereits angefangen hat. Sie wird, sie muss neue Akzente setzen und dürfte einige Dinge anders machen als der bayerische Landesbischof.

Mit der "radikalen Erneuerung" hat Bedford-Strohm ja bereits angefangen. Mit Konzepten für eine Kirche der Zukunft, in der sich eben nicht mehr alles um den Kirchturm, um die Ortsgemeinde dreht. Die Kirchenbindung nimmt rasant ab, darauf muss sich die evangelische Kirche einstellen und die Menschen an anderen Orten erreichen. Auch im Netz. Auch mit digitalen Formaten. Da war der ehemalige Ratsvorsitzende Bedford-Strohm Pionier.

Ausgleich herstellen

Seiner Nachfolgerin Kurschus muss es nun gelingen, den Ausgleich zwischen der digitalen Avantgarde und der Stammklientel herzustellen. Die Kerngemeinde bilden immer noch Menschen, denen der Sonntagsgottesdienst wichtig ist, die nicht auf den Seniorenkreis am Nachmittag verzichten wollen und die an entscheidenden Punkten in ihrem Leben auf die Kirche setzen: Taufe, Trauung, Bestattung.

Die neue Netzgemeinde und die klassische Kirchengemeinde zusammenzubringen, das ist die Herausforderung, vor der die EKD und Kurschus stehen. Eine Herkules-Aufgabe. Die Kirchen verlieren Jahr für Jahr Mitglieder und damit auch Mittel. Damit einhergeht der gesellschaftliche Bedeutungsverlust. Die Christen werden zur Minderheit, sie müssen lauter werden, damit ihre Stimme gehört wird.

Schüchterner, zurückhaltender

Für den medial sehr versierten Bedford-Strohm war das kein Problem. Er hat die Öffentlichkeit gesucht, und die Öffentlichkeit ihn. Kurschus scheint da etwas schüchterner, zurückhaltender. Das muss nicht schlecht sein; seltene, aber gut platzierte Wortmeldungen können eine große Wirkung entfalten. Doch abtauchen darf eine Ratsvorsitzende nicht, sie ist - böse gesagt - die Klassensprecherin der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und die EKD-Ratsvorsitzende darf nicht in die einzelnen Landeskirchen hineinregieren. Sie hat nur die Macht des Wortes.

Deshalb klingt die Ankündigung von Kurschus, die Aufarbeitung des Missbrauchs in evangelischen Einrichtungen und Gemeinden zur Chefsache zu machen, sehr ambitioniert. Eines der Grundprobleme bei der Aufklärung der evangelischen Missbrauchsgeschichte ist ja gerade dieser protestantische Föderalismus, in dem jede Landeskirche für sich entscheidet, wie sie ein Thema angeht. Die neue Ratsvorsitzende kann aber ihre Kirche vor sich hertreiben.

Viel Zeit verloren

Die EKD hat schon zu viel Zeit verloren bei der Bekämpfung sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen. Davon können Betroffene, die den Mut finden, sich bei einer Landeskirche zu melden, immer wieder ein trauriges Lied singen. Sie fühlen sich nicht auf Augenhöhe behandelt, müssen um die Anerkennung regelrecht kämpfen. Belastbare Zahlen, wie sie die katholische Bischofskonferenz in einer umfassenden Studie vorgelegt hat, gibt es in der evangelischen Kirche noch nicht.

Und so vermittelte die EKD lange den Eindruck, als handle es sich nur um Einzelfälle, als habe man sich im Windschatten des katholischen Missbrauchsskandals weggeduckt. Diesem Eindruck widersprach die neue Ratsvorsitzende gleich bei ihrem ersten Auftritt. Die Aufarbeitung von Gewalt und Missbrauch in der Kirche ist nicht nur Vergangenheitsbewältigung, sondern eines der zentralen Themen für die Zukunft der evangelischen Kirche. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. November 2021 um 14:00 Uhr.