Firat Tagal
Mittendrin

Künstler mit Behinderung in Pulheim "Wir sehen Kunst entstehen, die man liebt"

Stand: 15.10.2023 08:10 Uhr

Im kaethe:k Kunsthaus in Pulheim arbeiten Künstlerinnen und Künstler, die eine Behinderung haben. Kunstpädagogen und Sozialarbeiterinnen helfen ihnen dabei, sich zu entwickeln - als Menschen und in ihrer Kunst.

Mit schnellen, entschlossenen Bewegungen führt Firat Tagal den Pinsel über die Leinwand. Unten hat er eine große blaue Fläche gemalt, ein Schwimmbecken. Darüber kommen Rutschen zum Vorschein, in strahlendem Gelb und Orange. Ein Wasserpark in der Türkei sei das, sagt der 26-Jährige.

Tagal drückt sich lieber über Malerei aus als über große Worte. Aber fragt man ihn nach seinem Beruf, kommt die Antwort ohne Umschweife: "Ich bin Künstler. Ich male sehr groß, mit Acrylfarbe. Ich mische die Farben auch selbst."

#mittendrin in Pulheim: Kunst von Menschen mit geistigen und körperlichen Beinträchtigungen

Susanna Zrdzalek, WDR, tagesthemen, 12.10.2023 22:15 Uhr

Versteckte Talente

Dass Tagal ein besonderes künstlerisches Talent hat, ist Melanie Schmitt sofort aufgefallen. Sie leitet das 2020 in Pulheim bei Köln eröffnete kaethe:k Kunsthaus. Es ist ein Atelier für künstlerisch begabte Menschen mit Beeinträchtigung. Getragen wird es von der Gold-Krämer-Stiftung, die für ihre inklusiven Projekte bekannt ist.

"Firat war einer der ersten Bewerber, die an unseren Workshops teilgenommen haben. Seine Kunstlehrerin hat ihm von uns erzählt. Er hat sich mit ein paar kleinen Zeichnungen bei uns um einen Arbeitsplatz beworben, und hat schon im ersten Workshop auf riesige Papiere an der Wand gezeichnet. Das war für uns ein absoluter Wow-Effekt", sagt Schmitt.

Tagal habe seine Begabung wie ein Geheimnis in sich getragen. Bevor er ins kaethe:k kam, arbeitete er in einer Behindertenwerkstatt. Heute, drei Jahre später, erzählt er stolz von seinen Ausstellungen als Solo-Künstler. Er hat auch schon Werke verkauft.

Firat Tagal

Firat Tagals künstlerisches Talent blieb lange unentdeckt.

"Ich hatte nie eine Chance, mich zu beweisen"

Talente finden und fördern, nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch als Mensch - darum geht es dem Team aus Kunst- und Sozialpädagoginnen im Pulheimer Kunsthaus. Zwölf Künstlerinnen und Künstler arbeiten zurzeit hier, auf drei Stockwerke verteilt. Fast alle haben eine Förderschule besucht, waren danach in Behindertenwerkstätten oder in Hilfsarbeiterjobs.

So war es auch bei Elias von Martial. Der 27-Jährige putzte nach der Förderschule LKW in einer Werkstatt. Heute lernt er komplexe Animationsprogramme und besucht Kurse an einer Kunsthochschule.

Das kaethe:k habe ihn als Mensch völlig verändert, sagt er. "Ich hatte ja nie eine Chance zu beweisen, dass ich das kann. Ich wurde mein Leben lang irgendwo hingesteckt, wo ich eigentlich gar nicht sein wollte. Mir wurde immer gesagt: Das kannst du nicht, probier es erst gar nicht. Aber hier ist es ganz anders", sagt von Martial. In den drei Jahren, die er im Kunsthaus arbeitet, sei er erwachsener und selbstbewusster geworden.

Elias von Martial

Elias von Martial: "Ich hatte ja nie eine Chance zu beweisen, dass ich das kann."

Netzwerk für Künstler mit Behinderung

Am Tag des offenen Ateliers ist er es, der die rund 40 Besucher durch das Kunsthaus führt und die anderen Künstlerinnen und Künstler zu ihrer Arbeit interviewt. Auch das ist Teil des Programms des kaethe:k: Die begabten Frauen und Männer, die überwiegend in ihren Zwanzigern sind, werden mit dem Kunst- und Kulturbetrieb vernetzt, wenn sie so weit sind.

"Wir sind noch lange nicht an einem Punkt, wo es selbstverständlich vorgesehen ist, dass man als Mensch mit Behinderung Kunst- und Kulturschaffender wird. Deshalb ist das kaethe:k Kunsthaus neben einigen anderen Ateliers in Deutschland schon eine besondere Institution", sagt Leiterin Schmitt, die vorher in Frankfurt am Main bereits ein ähnliches Projekt mit aufgebaut hat.

Was sie antreibt, ist vor allem die schnelle Entwicklung der Künstlerinnen und Künstler - in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Werk. "Die Menschen verwandeln sich. Und wir sehen hier Kunst entstehen, die man liebt, die man sehen will. Wir finden, dass die Gesellschaft etwas verpasst, wenn sie da nicht hinguckt."

Potenziale stehen im Vordergrund

Welchen Weg sie einschlagen, steht den Künstlerinnen und Künstler im kaethe:k völlig offen. Elias von Martial möchte Animationskünstler werden und irgendwann an Kinofilmen mitarbeiten, am liebsten im Fantasy-Bereich.

Firat Tagal will als Maler Karriere machen. Für seine Familie ist sein Weg eine große Überraschung, sagt seine Mutter Gülüzar Tagal: "Ich bin richtig stolz auf meinen Sohn, er ist fleißig, er arbeitet gut mit. Und vor allem ist er begabt, was ich als Laie gar nicht gewusst hätte. Die Fachleute haben es herausgefunden und ich bin sehr froh, dass wir hier gelandet sind."

Welche Behinderung die Künstlerinnen und Künstler haben, steht nicht im Vordergrund. Die meisten von ihnen sind lange genug um ihre Defizite gekreist, findet Schmitt. Jetzt stehen ihre Potenziale im Vordergrund.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Oktober 2023 um 22:15 Uhr.