Eine Hausärztin verabreicht einem Patienten die erste Impfung gegen Covid-19.  | dpa

Aufhebung der Impfreihenfolge "Das Rennen der Starken ist eröffnet"

Stand: 18.05.2021 19:03 Uhr

Der Deutsche Ethikrat und die Stiftung Patientenschutz warnen vor einer vorschnellen Aufhebung der Impf-Priorisierung - und sehen die Gefahr, dass sich die Stärkeren durchsetzen. Entscheidend sei der Impffortschritt.

Von Stefan Keilmann, tagesschau.de

Zum Beginn der Corona-Impfkampagne waren sich Politik und Wissenschaft noch einig: Zunächst sollten all jene geimpft werden, die ein besonders hohes Risiko für eine schwere Erkrankung haben - Ältere, Vorerkrankte oder Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten. Dafür erarbeitete die Ständige Impfkommission (STIKO) mit Hilfe der Leopoldina und des Deutschen Ethikrats eine Priorisierungsliste.

Stefan Keilmann

Heute, gerade mal ein halbes Jahr später, ist davon bald nicht mehr viel übrig: Viele Bundesländer preschten vor, gaben zunächst AstraZeneca und dann alle Impfstoffe in Arztpraxen frei. Nun zieht auch Bundesgesundheitsminister Spahn nach, die Priorisierung soll deutschlandweit ab dem 7. Juni aufgehoben werden. 

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, kritisiert gegenüber tagesschau.de, dass in einigen Bundesländern bereits jetzt die Impfreihenfolge aufgehoben wurde: "Es ist nach wie vor wichtig, jene zu schützen, die besonders gefährdet sind." Je mehr Menschen geimpft würden, desto mehr könne man sich auch von der Priorisierung lösen. "Entscheidend ist aber nach wie vor, dass die Menschen aus den Priorisierungsgruppen ein Angebot bekommen haben. Dann kann man die Impfungen für alle frei geben."

"Es gibt keine verlässlichen Daten"

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sieht im tagesschau.de-Interview sogar die Festlegung Spahns auf den 7. Juni als konkreten Termin skeptisch: "Das Ende der Priorisierung darf kein Datum bestimmen, sondern allein die Impfquote der Risikogruppen. Jedoch gibt es keine verlässlichen Daten darüber, wie weit der Impffortschritt bei den Menschen in gefährdeten Berufsgruppen und mit Vorerkrankungen ist."

Entsprechend deutlich ist auch seine Kritik am Bundesgesundheitsminister: "Als vor wenigen Wochen einige Bundesländer teilweise die Impfpriorisierung aufgehoben haben, warnte Jens Spahn noch vor einem Windhundrennen um Vakzine. Jetzt spielen die Bedenken seltsamerweise keine Rolle mehr."

Hoffen auf mehr Impfstoff

Buyx ist hingegen zuversichtlich, dass zu dem von Spahn geplanten Termin genug Impfstoff zur Verfügung steht: "Wenn die Lieferzusagen eingehalten werden, dann dürfte die Impfkampagne in drei bis vier Wochen weit genug sein, um die Priorisierung aufheben zu können - jedenfalls in den Hausarztpraxen."

Es gehe schließlich nicht darum zu warten, bis jede einzelne Person aus den Priorisierungsgruppen geimpft sei. Denkbar sei, ab einem ausreichenden Fortschritt bei der Impfkampagne auf eine Doppelstrategie zu setzen: "In den Praxen und bei Betriebsärzten wird freigegeben, in den Impfzentren könnten die verbliebenen Menschen der Priorisierungsgruppen geimpft werden."

Auch Patientenschützer Brysch mahnt, die Vorerkrankten nicht aus dem Blick zu verlieren: "Wenn ein 30-jähriger Familienvater trotz seiner Krebserkrankung in Berufstätigkeit kein Impfangebot erhält, dann wächst auch bei mir Verzweiflung über die aktuelle Entscheidung der Minister von Bund und Ländern."

Erste Risse bei der Solidarität

Wie schnell die gesellschaftliche Solidarität Risse zeigt, lässt sich derzeit am Beispiel AstraZeneca beobachten: Viele Ältere lehnen das Präparat wegen des schlechten Images ab - obwohl es von der STIKO für sie empfohlen wird. Für Jüngere ist es die einzige Chance, überhaupt in absehbarer Zeit an eine Impfung zu kommen, obwohl der Impfstoff für sie eigentlich nicht vorgesehen ist.

Das sei in der Tat ein großes Problem, bestätigt die Ethikrats-Vorsitzende Buyx: "Ich war schon immer gegen eine freie Wahl des Impfstoffs, so lange man nicht genug für alle zur Verfügung hat. Denn dadurch wird für die Nachrückenden alles unnötig verzögert." 

Und mit der Freigabe der Impfreihenfolge droht weiter gesellschaftlicher Sprengstoff: Denn auch wenn alle Lieferzusagen eingehalten werden, werden viele Menschen Wochen oder gar Monate auf einen Termin warten müssen. Die bereits vorhandene Ellenbogen-Mentalität drohe dann weiter zuzunehmen, warnt Brysch: "Das Rennen der Starken und Schnellen ist eröffnet. Schon heute ist in den Impfzentren und Arztpraxen zu erleben, wie robust und nachdrücklich Impfwillige ihren vermeintlichen Anspruch durchsetzen wollen."

"Ende der Ungewissheit"

Für Buyx ist es daher umso wichtiger, bereits jetzt eine möglichst breite Impfkampagne vorzubereiten: "Denn wenn ich weiß, dass ich in ein paar Wochen einen festen Termin habe, dann lässt sich das deutlich besser aushalten, als diese ewige Ungewissheit."

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sei es zudem wichtig, vor allem auch die jüngere Generation in den Blick zu nehmen und zu unterstützen: "Gerade junge Menschen und Familien werden in der Pandemie besonders belastet, je länger sie dauert. Sie sind zwar gesundheitlich nicht so direkt bedroht wie Ältere oder Risikogruppen, aber die psychischen, sozialen und ökonomischen Belastungen sind enorm."

"Mehr Hilfen für die jüngere Generation"

Ein erster Schritt könne beispielsweise sein, die durch flächendeckende Impfungen frei gewordene Testkapazitäten schnell und unkompliziert für Jüngere zur Verfügung zu stellen. Dies sei aber nur ein erster Schritt, betont Buyx: "Es braucht viel mehr kreative und zugleich zielgerichtete und großzügige Programme zur Unterstützung für verschiedene Gruppen wie etwa Auszubildende, Studierende oder eben Familien."

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 18. Mai 2021 um 19:09 Uhr.