Drei Mädchen mit ihren Schulsachen an einem Tisch | dpa

Belastung junger Menschen "Großteil wird gut durch Pandemie kommen"

Stand: 29.04.2021 09:13 Uhr

Die Studienlage ist eindeutig: Kinder und Jugendliche sind in der Pandemie enormen Belastungen ausgesetzt. Doch es gibt auch einen Lichtblick: Ein großer Teil von ihnen steckt das wohl ziemlich gut weg.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Seit Monaten fast keine sozialen Kontakte außerhalb der Familien, Mangel an Sport und Bewegung, zu viel Zeit an Handys und Spielekonsolen, schlechte Laune, depressive Verstimmungen: So schildern Eltern in einer nicht repräsentativen Online-Umfrage von BR24 die Situation ihrer Kinder nach mehr als einem Jahr Corona-Krise.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Doch solche Erfahrungsberichte geben immer nur einen Ausschnitt wieder. Seit Beginn der Pandemie gibt es deshalb Bemühungen, die tatsächlichen Auswirkungen der Corona-Krise auf Kinder und Jugendliche wissenschaftlich zu untersuchen. Inzwischen gibt es zahlreiche Einzel-Studien und Erhebungen. Auf Deutschland bezogen gibt es allerdings bislang nur eine Längsschnitt-Studie, die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Das Besondere daran ist, dass die - größtenteils - gleiche Gruppe von Menschen mehrfach befragt wurde und so Rückschlüsse auf die Entwicklung der Belastungen im Verlauf der Pandemie möglich sind.

Belastung nahm nach zweiter Welle nochmals zu

Bei der ersten Befragung, die nach dem ersten Lockdown zwischen Ende Mai und Anfang Juni stattfand, wurden mehr als 1000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1500 Eltern per Online-Fragebogen befragt. Damals fühlten sich 71 Prozent der 11 bis 17-Jährigen durch die Pandemie seelisch belastet. Zwei Drittel von ihnen gaben eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Vor Corona sei dies nur bei einem Drittel der Kinder und Jugendlichen der Fall gewesen, so die Forschenden des UKE.

Bei der zweiten Befragungsrunde von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 wurden mehr als 1000 Kinder und mehr als 1600 Eltern nach der gleichen Methode befragt. Mehr als 80 Prozent von ihnen hatten schon bei der ersten Befragung teilgenommen. Von den Ergebnissen waren die Forschenden selbst überrascht: Die subjektive seelische Belastung der Kinder und Jugendlichen ist noch einmal angestiegen auf mehr als 80 Prozent.

Mehr Ängste und Sorgen, mehr depressive Verstimmungen

"Eigentlich hatten wir erwartet, dass eine gewisse Adaption an die Krise stattfindet. Dass die Belastung nach dem zweiten Lockdown nochmal deutlich zunimmt, hätten wir so nicht gedacht", sagt die Leiterin der COPSY-Studie und Forschungsdirektorin, Ulrike Ravens-Sieberer, im Gespräch mit tagesschau.de. Auch die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen hat sich im Verlauf der Pandemie weiter verschlechtert. Sieben von zehn gaben eine geminderte Lebensqualität an. In der ersten Befragung waren es sechs von zehn.

Wie schon während der ersten Befragung litt auch zehn Monate nach Beginn der Pandemie noch jedes dritte Kind unter psychischen Auffälligkeiten. Ängste und Sorgen hatten bei der zweiten Befragung nochmal deutlich zugenommen. Ebenso depressive Symptome und Niedergeschlagenheit sowie psychosomatische Beschwerden wie Kopfweh und Bauchschmerzen.

40 Prozent haben keine Bewegung mehr

Dass sich die Pandemie mittel- und langfristig auch auf die körperliche Gesundheit auswirken könnte, zeigen die Studiendaten ebenfalls. Denn auch das Gesundheitsverhalten der Kinder habe sich verschlechtert: Doppelt so viele Kinder wie bei der ersten Befragung gaben an, keinen Sport mehr zu machen, 40 Prozent berichteten, überhaupt keine Bewegung mehr zu haben. Stattdessen verbrachten sie immer mehr Zeit mit dem Smartphone oder am PC - auch wegen des Homeschoolings.

Fast jedes dritte Kind mit Hinweisen auf psychische Auffälligkeiten und mehr als 80 Prozent, die sich belastet fühlen - das sind beunruhigende Zahlen. Doch die Studie hat ebenfalls ergeben, dass "ein sehr großer Teil der Kinder und Familien, wenn nicht der größte, gut durch die Pandemie kommen werden", sagt Ravens-Sieberer. Die Situation sei für alle zweifellos belastend und diese Sorgen und Nöte müsse man auch ernst nehmen. Allerdings sei eine Verschlechterung des emotionalen Zustands und das Gefühl von Belastung auch eine angemessene Reaktion auf die Krise. "Man muss das gut im Blick behalten, man darf das aber nicht verwechseln mit psychischen Störungen oder Erkrankungen, die auch therapiert werden müssten", so Ravens-Sieberer.

"Sorge um kleine Gruppe von Kindern"

Die Kinder, die vorher schon in ihren Familien gut aufgefangen waren, schafften den Umgang mit der Krise in der Regel gut. Diese Kinder könnten auf Ressourcen zurückgreifen und entwickelten zum Teil sogar einen kreativen Umgang damit, indem sie beispielsweise digitale Geräte für sich nutzten, um soziale Kontakte zu halten. Sorgen macht sich Ravens-Sieberer hingegen um "eine kleine Gruppe von Kindern, die keine Unterstützung im häuslichen Umfeld haben, um die müssen wir uns kümmern".

Von der Politik wünscht sie sich deshalb für die Zukunft, Strukturen aufzubauen, damit solche Kinder nicht mehr durchs Raster fallen können: "Es darf nicht dem Zufall überlassen sein, ob ein Kind von der Schule Kontaktangebote bekommt oder die Hausaufgaben kontrolliert werden, sondern Hilfsangebote müssen strukturell verankert sein."

Mehr Stress, mehr Konflikte in Familien

Zu ähnlichen Ergebnissen wie die COPSY-Studie kommen zahlreiche andere Studien, die mehrheitlich auf die erste Welle der Pandemie Bezug nehmen. In einer Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit von Mai 2020 etwa gaben 18 beziehungsweise 19 Prozent der mehr als 1000 befragten Kinder und Jugendlichen an, sich häufig Sorgen wegen der Pandemiefolgen oder einer Erkrankung zu machen.

Viele Erhebungen kommen - wie auch die COPSY-Studie - zu dem Schluss, dass sich der Zustand von Kindern und Jugendlichen, die bereits vor der Pandemie psychische Störungen oder Erkrankungen hatten, verschlechtern kann. Schul- und Kitaschließungen führten bei den Kindern häufig zu Stress, mehr Konflikten in den Familien. Gerade in Familien mit jüngeren Kindern unter 14 waren die Belastungen höher als in Familien mit älteren Kindern, wie die COSMO-Studie der Universität Erfurt ergab. Mit der Zeit glich sich das Belastungsempfinden aber an.

Risiko der häuslichen Gewalt gestiegen

Beim Thema häusliche Gewalt in der Pandemie fehlen nach wie vor belastbare wissenschaftliche Daten. Weltweit gibt es Berichte über eine gestiegene Inanspruchnahme von Hilfsangeboten für Betroffene. Auch Beobachtungen von Ärzten, Psychotherapeuten, Familien-Gerichten und Kinderschutz-Ambulanzen stützen diesen Verdacht.

Das Bundesfamilienministerium betrachtet die Entwicklungen mit Sorge. Es sei nicht davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche die Belastungen der Pandemie "einfach so wegstecken" und nach der Pandemie "einfach wieder so funktionieren", teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Das Ministerium habe deshalb bereits viele Maßnahmen ergriffen, beispielsweise die Anpassung des Kinderzuschlags, zusätzliche Mittel für die Kindertagesbetreuung und Ganztagsbetreuung in Grundschulen sowie ein geplantes Aktionsprogramm für Kinder und Jugendliche zum Abbau von Lernrückständen und zur Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. April 2021 um 20:00 Uhr.