Ein junger Jude steht anlässlich der "Internationalen Nacht der Überlebenden" der Jewish Claims Conference zur Chanukka-Feier vor dem Jüdischen Gemeindezentrum vor einem beleuchteten Davidstern.  | picture alliance/dpa

Juden in Deutschland "Einfach normal leben" - aber wie?

Stand: 27.01.2021 04:45 Uhr

Viele Juden in Deutschland wollen "normal" leben. Doch eine Debatte in Hamburg zeigt: Der Weg dorthin ist nicht für alle derselbe. Wie umgehen mit dem historischen Erbe und dem Antisemitismus?

Von Natalia Frumkina, tagesschau.de

Leere, Riss, Bruch - wie nennt man das, was der Holocaust im jüdischen Leben in Deutschland hinterlassen hat? In Hamburg ist diese Lücke sichtbar: Der Platz, auf dem vor der Reichspogromnacht die prachtvolle Bornplatzsynagoge stand, ist heute leer. Nur ein Bodenmosaik erinnert an den Grundriss und das Deckengewölbe des 1938 geschändeten und später abgerissenen Gebäudes. Doch schon bald soll das Gotteshaus zurückkehren: Die jüdische Gemeinde Hamburg plant, mit Unterstützung von Bund und Stadt, die Synagoge wieder auferstehen zu lassen. Am selben Ort und als das ursprüngliche Gebäude wiedererkennbar.

Natalia Frumkina tagesschau.de

Nur - geht das so einfach? Daran gibt es Zweifel. Das Beispiel der Bornplatzsynagoge zeigt einen Zwiespalt, der über die Grenzen Hamburgs hinaus gilt: Wie kann jüdisches Leben in Deutschland heute gestaltet und wie die Erinnerung und das Gedenken an das Geschehene im öffentlichen Bewusstsein integriert werden? Etwa 200.000 Menschen jüdischen Glaubens leben heute in Deutschland, die meisten von ihnen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. 1933 zählte das Deutsche Reich noch rund 500.000 Jüdinnen und Juden, 1950 waren es nur 15.000.

Teilnehmer einer Mahnwache stehen auf dem Joseph-Carlebach-Platz, auf dem der Grundriss der Bornplatzsynagoge, die von den Nationalsozialisten zerstört wurde, zu sehen ist.  | picture alliance/dpa

Der Joseph-Carlebach-Platz, auf dem der Grundriss der Bornplatzsynagoge zu sehen ist. Bild: picture alliance/dpa

"Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen", schreibt eine Gruppe von Historikerinnen und Historikern in einem offenen Brief. Sie müsse "angenommen werden, um Schlussfolgerungen aus ihr zu ziehen". Eine Synagogen-Rekonstruktion könne die Illusion erzeugen, "es sei nie etwas geschehen". Gleichzeitig betonen die Unterzeichner, dass sie nicht gegen den Wiederaufbau argumentieren, sondern für eine breite Diskussion darüber, wie jüdisches Leben hier neu und zeitgemäß gedacht und gestaltet werden kann.

Mehr Sichtbarkeit im Kampf gegen Antisemitismus?

Konkrete Architekturpläne für die neue Synagoge gibt es noch nicht. Doch für die jüdische Gemeinde Hamburg mit ihren rund 2500 Mitgliedern ist klar: Man wolle "nicht irgendeine Synagoge irgendwo, sondern die Bornplatzsynagoge da, wo man sie uns weggenommen hat", betont der Vorsitzende Philipp Stricharz.

Dabei sind sich sowohl die Unterstützer als auch die Kritiker über eines einig: Das jüdische Leben in Hamburg und in Deutschland soll wieder aufblühen. Der Wunsch kommt von den Gemeinden selbst, und auch von außen werden Jüdinnen und Juden angeregt, sich selbstbewusst in der Gesellschaft zu positionieren. So hatte sich Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher für mehr Sichtbarkeit des jüdischen Lebens in der Stadt ausgesprochen. Damit - und auch mit dem Synagogenneubau - soll unter anderem dem wachsenden Antisemitismus entgegengetreten werden. So wirbt etwa die Kampagne "Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge" für den Neubau und wird von namhaften Politikerinnen und Prominenten unterstützt.

Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister von Hamburg, und Carola Veit (SPD), Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, stehen vor einem Plakat mit der Aufschrift "Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge" | dpa

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher bei der Vorstellung der Kampagne "Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge". Bild: dpa

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

An dieser Stelle kommt in die Diskussion um die Frage, wie Modernität mit dem Gedenken verbinden, eine dritte Variable hinzu. Denn trotz der Rufe nach mehr Sichtbarkeit wollen viele Angehörige der Gemeinschaft ihr Judentum aus Sorge vor antisemitischen Anfeindungen und Übergriffen nach außen hin lieber unsichtbar machen: Möglichst nicht auffallen, keine Kipa in der Öffentlichkeit tragen, am besten gar nicht erst erzählen, dass man jüdisch ist.

Miriam Rürup, Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Uni Potsdam und eine der Erstunterzeichnerinnen des offenen Briefs, hält den durch den Kampagnenslogan hergestellten Zusammenhang zwischen Synagogenbau und Bekämpfung des Antisemitismus daher für problematisch. "Es ist eine Symbolpolitik, die was von Ablasshandel hat. Als könnte eine architektonische Versöhnungsgeste Geschichte wiedergutmachen und als könne man Antisemitismus loswerden, indem wir, Jüdinnen und Juden, uns selbstbewusst nach außen präsentieren", lautet der Einwand der Historikerin. Dabei sei es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Antisemitismus zu bekämpfen.

Eine Position, die auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Hamburg so unterschreibt. Und dennoch widerspricht Stricharz den Argumenten der Kritiker: "Leere Plätze und den Zugang zum Judentum nur über Gedenkschilder und die Erinnerung an den Tod und Verderben zu vermitteln, das ist genau der falsche Weg und wird nicht einen einzigen Antisemiten umstimmen."

Für "Begegnungen auf Augenhöhe"

Was aber helfen könne, Ressentiments und Vorurteilen entgegenzutreten, sind Begegnungen mit den Menschen, die sie treffen - davon ist Mascha Schmerling überzeugt. Sie ist eine der Koordinatoren von "Meet A Jew", einem Projekt des Zentralrats, das ebendies ermöglichen soll und jüdische Gesprächspartner etwa an Schulen und Vereine vermittelt. "Viele Jüdinnen und Juden wünschen sich eine Normalisierung in der öffentlichen Wahrnehmung. Sie wollen, dass das Judentum auch jenseits der Schlagzeilen um antisemitische Vorfälle wahrgenommen wird", sagt sie. Natürlich könne eine Synagoge keinen Antisemitismus bekämpfen, das könnten nur Menschen. Daher wünscht sich die Hamburgerin, dass der neue Bau - egal wie er aussehen wird - auch eine Stätte für "Begegnungen auf Augenhöhe" wird.

Modernes Judentum und Gedenken: Für Schmerling ist das kein Spannungsfeld. Erinnern sei ein wichtiger Teil der jüdischen Tradition. "Aber es ist auch wichtig zu zeigen, dass es wieder jüdisches Leben gibt, dass es bunt und vielfältig ist." Ansonsten bliebe das Wort "jüdisch" abstrakt und eine Projektionsfläche.

Die Wahrnehmung des Judentums normalisieren: Dieser Wunsch vereint auch den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Hamburg und die Historikerin. "Gelebtes Judentum, jeden Tag, mitten in der Stadt - das ist notwendig", sagt Stricharz. "Dass das Judentum einfach nicht weiter groß thematisiert wird, sondern wie selbstverständlich zu einem Menschen dazu gehört", das erhofft sich Rürup. Die Richtung ist dieselbe. Der Weg dahin steht zur Diskussion: In Hamburg wird mit einer Machbarkeitsstudie jetzt erst einmal geprüft, was überhaupt möglich ist.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Januar 2021 um 15:08 Uhr.