Die Ache in Berchtesgaden ist über die Ufer getreten. | dpa

Hochwasser Land unter auch in Sachsen und Bayern

Stand: 18.07.2021 15:36 Uhr

Schwere Überschwemmungen haben Teile von Bayern und Sachsen getroffen. Vielerorts mussten Menschen in Sicherheit gebracht werden. Der Landkreis Berchtesgadener Land rief den Katastrophenfall aus. Mindestens eine Person kam ums Leben.

Überflutete Straßen, Erdrutsche, evakuierte Häuser und mindestens ein Todesopfer: Nach starkem Regen hat der Landkreis Berchtesgadener Land in Oberbayern am späten Samstagabend den Katastrophenfall ausgerufen. Die Feuerwehr war nach sintflutartigem Regen im Dauereinsatz.

Nach Angaben des Landrats Bernhard Kern hat es zwei Todesopfer gegeben. Ein Opfer sei allerdings an einer natürlichen Ursache verstorben. Aber auch das könne mit dem Unwetter zusammenhängen, sagte Kern. 890 Hilfskräfte sind im Berchtesgadener Land derzeit im Einsatz. Der Einsatzleiter sprach von dramatischen Szenen. Es habe bis zu 500 Einsätze gegeben. Die Lage bleibt angespannt, denn die nächste Regenfront ist bereits angekündigt.

Ache-Pegelstand auf Rekordniveau

Betroffen waren vor allem die Orte Berchtesgaden, Bischofswiesen, Schönau am Königssee, Marktschellenberg und Ramsau im äußersten Südosten Bayerns. Dort trat das Wasser stellenweise über die Ufer und überflutete Straßen. Hänge rutschten ab. Einzelne Häuser mussten deshalb geräumt werden, rund 130 Menschen wurden vor den Fluten in Sicherheit gebracht. In Marktschellenberg war dem Landratsamt zufolge der Ortsteil Scheffau von der Außenwelt abgeschnitten. "Es kommen ständig Notrufe rein", sagte ein Polizeisprecher in Rosenheim.

Die Lage sei dramatisch, sagte ein Sprecher der Integrierten Leitstelle Traunstein. Das Wasser schieße aus den Bergen, gleichzeitig stiegen die Pegelstände des Flusses Ache an. Bilder zeigen Straßen, die sich in reißende Bäche verwandeln. Menschen waten knietief im Wasser.

In Marktschellenberg haben die ersten Aufräumarbeiten begonnen. Keller müssen leergepumpt werden, am Straßenrand türmen sich Baumstämme und Äste. Die Straßen, wie zum Beispiel die B305, sind verschmutzt mit Kies und Sand und müssen gereinigt werden. Über 60 Marktschellenberger mussten aus ihren Häusern und Wohnungen evakuiert werden. Es wurde niemand verletzt, einige Menschen wurden jedoch angesichts der traumatischen Erlebnisse psychologisch betreut.

Keine Gefahr mehr in Oberstdorf

In einem Gebirgsbach nahe Oberstdorf konnte die Feuerwehr eine Verklausung lösen, an der sich Wasser bedrohlich angestaut hatte. Das Wasser konnte kontrolliert abfließen, es gehe keine Gefahr mehr davon aus, sagte ein Sprecher der Polizei.

Im Stillachtal hatte querliegendes Holz das Wasser gefährlich angestaut. Hätte sich die natürlichen Sperre plötzlich gelöst, wäre mit einer Flutwelle in Richtung Oberstdorf zurechnen gewesen. Die Feuerwehr stellte zum Schutz Betonbarrieren beim Langlaufstadion südlich des Ortskerns von Oberstdorf auf.

Söder, Scholz und Herrmann vor Ort

In Passau stiegen die Wasserstände der Flüsse deutlich an. Die Polizei schleppte vorsorglich Autos an Parkplätzen an der Donau ab, wie eine Sprecherin sagte. Anwohner hätten trotz Hochwasserwarnungen versäumt, ihre Fahrzeuge umzuparken. "Wenn wir sie nicht abschleppten, dann schwimmen die Dinger bis Österreich", sagte die Polizeisprecherin.

Im Landkreis Altötting steigen die Pegelstände an der Salzach aufgrund der starken Regenfälle im Berchtesgadener Land und Österreich. Das Wasserwirtschaftsamt Traunstein hat deshalb eine Hochwasserwarnung für den Landkreis Altötting herausgegeben. Es bestehe eine Überschwemmungsgefahr für bebaute Gebiete, so das Amt. In der Stadt Burghausen werden für den Nachmittag Wasserstände über Meldestufe 3 prognostiziert, sodass auch bebautes Gebiet überschwemmt werden könnte.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sind am Nachmittag im Hochwassergebiet eingetroffen. Sie wurden nach Angaben eines Sprechers zunächst in Berchtesgaden von Landrat und Einsatzleiter über die aktuelle Situation informiert. Anschließend wollten sie sich auch in Schönau am Königssee ein Bild von der Lage machen.

Überschwemmungen in der Sächsischen Schweiz

Immense Regenfälle verursachten auch in Teilen Sachsens heftige Überschwemmungen. In der Sächsischen Schweiz waren mehrere Ortslagen von Städten und Gemeinden nicht mehr erreichbar. Besonders betroffen seien Neustadt, Sebnitz, Bad Schandau, Reinhardtsdorf-Schöna und Gohrisch, teilte das Landratsamt mit.

Nach Auskunft des Landeshochwasserzentrums hatte es im Einzugsgebiet der Kirnitzsch und der Sebnitz innerhalb von 24 Stunden teils mehr als 100 Liter pro Quadratmeter geregnet. Daraufhin waren die Wasserstände zahlreicher Flüsse rapide angeschwollen.

Bahnverkehr nach Tschechien unterbrochen

Die Bahnstrecke zwischen Bad Schandau und dem tschechischen Dečin wurde gesperrt. Die Störung werde voraussichtlich bis zum Nachmittag dauern, teilte die Deutsche Bahn mit. "Züge des Fernverkehrs enden und beginnen in Dresden Hauptbahnhof." Dies betrifft vor allem die Verbindung Hamburg-Berlin-Dresden-Prag. Auch im Nahverkehr kam es zu Ausfällen, Ersatzverkehr durch Busse habe wegen schwieriger Straßenverhältnisse nicht eingerichtet werden können, hieß es.

In den ostsächsischen Landkreisen Bautzen und Görlitz setzte starker Regen Straßen und Keller unter Wasser. Zudem stiegen die Wasserstände im Gebiet der Lausitzer Neiße erheblich an. Am Pegel in Zittau wurde die Alarmstufe 4 überschritten. Aus Westsachsen wurde ebenfalls örtlich von Problemen mit überfluteten Kellern berichtet, etwa in Hohenstein-Ernstthal, Oberlungwitz und Wüstenbrand. Teils errichteten Anwohner Blockaden, um ihre Häuser zu schützen.

Das Landeshochwasserzentrum in Sachsen gab mittlerweile Entwarnung für die Nebenflüsse der Oberen Elbe. "Mit dem Nachlassen der Niederschläge ab den Nachtstunden beruhigte sich die Lage, und die Wasserführung in den Fließgewässern fiel deutlich", teilten die mit. Nur noch am Pegel der Wesenitz in Bischofswerda wurde demnach in der Region Alarmstufe 1 erreicht. In den Unterläufen von Kirnitzsch, Lachsbach und Wesenitz fielen die Wasserstände deutlich.

Zivilschutzalarm in Teilen Österreichs

Sintflutartige Regenfälle erfassten in der Nacht auch Teile Österreichs. Im Stadtgebiet von Hallein im Bundesland Salzburg sei Zivilschutzalarm ausgelöst worden, ebenso wie in Mittersill im Pinzgau sowie in Kufstein in Tirol. In der Stadt Salzburg wurde der Hochwasserschutz entlang der Salzach aufgebaut.

In Hallein überfluteten die Wassermassen Teile der Altstadt. Ein Bach war am Abend nach Polizeiangaben zu einem reißenden Strom angeschwollen. Einsatzkräfte retteten mit Booten und Lastwagen Menschen, die in ihren Häusern eingeschlossen waren. Das Wasser floss laut Behörden am späten Abend teilweise wieder ab.

Die Lage in Hallein ist jedoch weiterhin angespannt. Die Behörden seien dabei, tiefer gelegene Teile der Stadt gegen eine neuerliche Überflutung zu sichern, sagte ein Sprecher. Mehrere Dutzend Bewohner einer Siedlung in einem Stadtteil mussten vorsorglich ihre Wohnungen räumen. Zugleich seien Aufräumarbeiten in der Altstadt im Gange. "Wir gehen von einem Millionenschaden aus", so der Stadtsprecher. Einige Gebäude sowie Teile der Infrastruktur seien schwer beschädigt. Zum Glück werde nach bisherigen Erkenntnissen niemand vermisst oder sei verletzt worden.

In Kufstein wurden die Menschen aufgefordert, Gebäude nicht zu verlassen und sich in höhere Stockwerke zurückzuziehen. Im Stadtgebiet erreichte das Wasser der Zulaufbäche des Inns bereits die Straßen. Wegen möglicher Erdrutsche wurde ein Teil der Felbertauernstraße gesperrt. Auch in Wien herrschte unter anderem wegen überfluteter Keller oder Unterführungen Hochbetrieb bei den Feuerwehren.

Verwüstungen in Westdeutschland

In den vergangenen Tagen hatten Unwetter vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Mehr als 150 Menschen starben durch die Fluten.

Der Schwerpunkt der Katastrophe in Rheinland-Pfalz liegt im Kreis Ahrweiler. Allein dort kamen nach Angaben der Polizei Koblenz 110 Menschen ums Leben. Weiterhin werden Menschen vermisst.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. Juli 2021 um 23:15 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Moderation 18.07.2021 • 13:53 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation