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FAQ

Erkrankung bei Kindern Was steckt hinter den Hepatitis-Fällen?

Stand: 07.05.2022 13:25 Uhr

Die rätselhaften Hepatitis-Fälle bei Kindern nehmen weltweit zu. Woher kommt die Erkrankung? Gibt es einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie? Und worauf sollen Eltern achten?

Von Celina Milinski, SWR

Die WHO hat von weltweit steigenden Hepatitis-Infektionen unbekannten Ursprungs bei Kindern unter zehn Jahren berichtet. Laufende Untersuchungen von Blut- und Stuhlproben im Auftrag des Robert Koch-Institutes sollen Erkenntnis über auslösende Erreger schaffen.

Experten, wie der Generalsekretär der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin Dr. Burkhard Rodeck, vermuten sogenannte Adenoviren als mögliche Auslöser der Erkrankung und spekulieren zudem über mögliche Zusammenhänge zur Corona-Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen.

Was ist Hepatitis und welche Symptome zeigen sich?

Bei einer Hepatitis handelt es sich um eine Leberentzündung, der oft eine Virusinfektion vorausgeht. Die Hepatitisviren A bis E sind die bekanntesten Auslöser derartiger Infektionen. Die Schwere, der Verlauf und die Übertragung einer Hepatitis-Erkrankung ist abhängig von ihrem Typus. Kennzeichen einer Hepatitis sind erhöhte Leberwerte.

Eine Hepatitis kann sich jedoch unter anderem auch in Form von Erbrechen, Durchfall, Fieber, Unwohlsein und Gelbsucht äußern. Gegen das Virus des Typus B empfehlen das RKI und die Ständige Impfkommission die Impfung im Säuglingsalter. Eine Hepatitis-A-Immunisierung wird besonders für Risikopersonen und Reisende empfohlen.

In welchen Ländern treten derzeit vermehrt Fälle auf - und wie reagieren die Behörden?

Nachdem Großbritannien im März die ersten fünf Fälle meldete, wurden der WHO bis zum 1. Mai 2022 nochmals knapp 220 neue Erkrankungen in mittlerweile 20 weiteren Ländern bekannt, so der WHO-Sprecher Tarik Jasarevic am 3. Mai. In Deutschland wurden einzelne Fälle durch die Landesgesundheitsbehörden gemeldet.

Das Robert Koch-Institut rief in einem Schreiben an pädiatrische Fachgesellschaften sowie auf der offiziellen Webseite zu einer erhöhten Aufmerksamkeit bei Verdachtsfällen auf und verwies an die entsprechende Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz. Das RKI schätzt insbesondere die Fallzahlen des Vereinigten Königreich als ungewöhnlich hoch ein. Die Entwicklung in Deutschland sei weiter zu beobachten. Akute Hepatitis-Erkrankungen unklarer Ursache sind bei Kindern zwar selten, sie treten jedoch vereinzelt auch in Deutschland auf.

Welche Folgen hat die Erkrankung bei Kindern?

Das nach wie vor ungelöste Phänomen der sich weltweit verbreitenden Hepatitis bei Kindern lässt Experten rätseln. Besonders schwerwiegende Verläufe der Hepatitis treten insbesondere bei Betroffenen unter fünf Jahren auf. Nahezu zehn Prozent der betroffenen Kinder benötigten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation in Folge einer Hepatitis-Infektion eine Lebertransplantation.

Mindestens vier Kinder sind bereits in den vergangenen Wochen an der Leberentzündung gestorben. Aktuelle Laboruntersuchungen zeigten, dass bei der Mehrheit der betroffenen Kinder keine Hepatitisviren des Typus A bis E nachweisbar waren.

Was könnten Auslöser für die jüngsten Fälle der Kinder-Hepatitis sein?

Anstelle der klassischen Erreger wurden bei vielen Betroffenen Adenoviren des Typus 41 nachgewiesen. Bei 75 Prozent der erkrankten Kinder in Großbritannien fand man diese Viren. In der Regel lösen Adenoviren unter anderem leichte Erkältungssymptome und Magen-Darm-Infektionen aus.

Schwerwiegende Komplikationen wie Leberentzündungen, die bis zum Leberversagen führen können, sind bei Adenovirus-Infektionen eher untypisch. Derart gravierende Folgen treffen meist nur besonders immunschwache Personen. Als Ursache für Hepatitis bei gesunden Kindern war das Adenovirus bisher nicht bekannt. 

Könnte es einen Zusammenhang mit Corona oder einer Corona-Impfung geben?

Die WHO berichtet in fast 20 der insgesamt 200 gemeldeten Fällen von einer Doppelinfektion. Demnach scheinen sich die betroffenen Patienten sowohl mit dem Adenovirus als auch mit dem Coronavirus infiziert zu haben.  

Ein Zusammenhang mit der Corona-Impfung lässt sich nicht herstellen, da die betroffenen Kinder zum Zeitpunkt der Erkrankung ungeimpft waren. Die genaue Ursache der neuartigen Hepatitis-Erkrankungen ist jedoch noch immer unklar. Experten, darunter Rodeck, spekulieren jedoch, dass die Corona-Pandemie in direktem Zusammenhang mit den schweren Infektionen stehen könnte.

Inwiefern besteht eine Verbindung zu der Corona-Pandemie?

Rodeck und andere Experten vermuten, dass die Immunsysteme der Kinder, die insbesondere in den ersten Lebensjahren geprägt werden, durch Abstandhalten und andere Corona-Maßnahmen geschwächt wurden. In diesen bedeutsamen ersten Lebensjahren waren Kinder demnach durch etwaige Kontaktbeschränkungen weniger Viren ausgesetzt und konnten so keine entsprechenden Antikörper entwickeln.

Die deutlich verstärkten Hygienemaßnahmen können einerseits die Ansteckungsgefahr verringern, andererseits lässt jedoch die Leistungsfähigkeit eines dauerhaft unterforderten Immunsystems stetig nach.

Dies erhöht die Gefahr bei Kontakten mit Viren leichter infiziert zu werden und zu erkranken. Schwerwiegende Krankheitsverläufe, wie bei den Kinderhepatitis-Fällen, können demnach ein Resultat des fehlenden Trainings junger, naiver Immunsysteme sein, so Rodeck.   

Parallel dazu steht die Hypothese im Raum, dass wie auch bei den SARS-CoV-2-Varianten, eine aggressivere und ansteckendere Adenovirus-Variante entstanden sein könnte.  

Könnten die Hepatitis-Fälle durch verunreinigte Lebensmittel verursacht worden sein?

Hepatitis kann auch über verunreinigte Lebensmittel oder verunreinigtes Trinkwasser übertragen werden. Der Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum Lichtenberg, Tobias Tenenbaum, schließt jedoch aus, dass die jetzt beobachteten Hepatitis-Fälle bei Kindern durch eine Verunreinigung von Lebensmitteln ausgelöst wurden. Seine Stellungnahme basiert auf der Erkenntnis, dass bei den unterschiedlich betroffenen Altersgruppen kein gemeinsames Ernährungsmuster vorliegt.

Worauf müssen Eltern achten? 

Chefarzt Tenenbaum rät Eltern dazu, bei der Infektion mit einem Magen-Darm-Virus besonders die Haut und Bindehäute der Kinder zu beobachten. Verfärben sich diese gelblich, verdunkelt sich der Urin, oder wird der Stuhlgang heller, sollte man den Kinderarzt aufsuchen. Eine ausgeprägte Hand- und Badhygiene kann außerdem die Infektionsgefahr verringern.   

Wie schätzen Experten die Lage ein?

Auch wenn die bisher noch überschaubare Anzahl an gemeldeten Hepatitis-Fällen bei Kindern gering erscheint, sind durch das hohe gesundheitliche Risiko, das entstehen kann, Gesundheitsbehörden weltweit in Alarmbereitschaft, so der pädiatrische Infektiologe Tenenbaum. Die genaueren Ursachen der mysteriösen Hepatitis-Fälle bei Kindern werden auch weiterhin erforscht.  

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultu am 29. April 2022 um 17:37 Uhr.