Hände greifen nach einem Impfausweis. | dpa

Impfskandal in Friesland Fälschte Beschuldigte den Impfausweis?

Stand: 12.08.2021 11:49 Uhr

Eine Krankenschwester im Kreis Friesland soll statt eines Corona-Vakzins Kochsalzlösung verimpft haben. Ihr Anwalt erklärte, die Spritzen hätten teils doch Vakzin enthalten. Nun wird der Frau auch Urkundenfälschung vorgeworfen.

Die Ermittlungen gegen eine frühere Mitarbeiterin des Impfzentrums Friesland weiten sich aus. Neben möglichen Manipulationen von Corona-Impfungen wird ihr nun auch Urkundenfälschung vorgeworfen. Die Krankenschwester soll nach Informationen des NDR ihren Impfpass gefälscht haben. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg will sich im Tagesverlauf dazu äußern.

Der Rechtsanwalt der Beschuldigten meldete sich derweil zu Wort und widersprach den bisherigen Äußerungen von Polizei und Landkreis im Fall der möglichen Impfmanipulation: "Unzutreffend ist, dass durch das Verhalten unserer Mandantin jemals Impfdosen verabreicht wurden, die lediglich aus Kochsalzlösung bestanden", sagte der Anwalt Christoph Klatt dem Evangelischen Pressedienst epd. Stattdessen habe sie versucht, den Impfstoff-Verlust durch eine versehentlich zerbrochene Ampulle auszugleichen, indem sie die Spritzen mit Resten aus mehreren anderen Ampullen aufgezogen habe.

Der Frau wird vorgeworfen, im April in mindestens sechs Fällen im Impfzentrum Schortens-Roffhausen den Impfstoff gegen eine Kochsalzlösung ausgetauscht zu haben. Als Grund habe sie laut den Ermittlern angegeben, dass ihr eine Ampulle mit dem Vakzin zerbrochen sei. Aus Furcht vor einer Entlassung habe sie dann die Spritzen lediglich mit Kochsalz aufgefüllt.

Mehr als 8500 Menschen zu Nachimpfung aufgerufen

Am Dienstag teilte der Landkreis dann mit, dass die Ermittler nicht ausschließen könnten, dass die Frau bereits zuvor mehrfach ausschließlich Kochsalz verwendet habe. Darum müssten nun 8557 Menschen nachgeimpft werden, denen zwischen 5. März und 20. April eine Spritze verabreicht wurde.

An die möglichen Betroffenen schickte der Landkreis Info-Briefe und E-Mails, um über die Situation aufzuklären. Zudem wurde ein eigenes Info-Telefon (0800) 0 00 51 60 eingerichtet. Mehr als 3600 Menschen meldeten sich inzwischen für eine Nachimpfung an.

Ein "einmaliger Vorfall"

Das genaue Ausmaß des Falls ist aber weiter unklar. Der Anwalt der Krankenschwester widersprach der Darstellung einer fehlerhaften Injektion in mehr als 8500 Fällen. Er betonte: Es habe sich um "einen einmaligen Vorfall" gehandelt. "Unsere Mandantin handelte weder aus einer politischen Motivation heraus, noch hat sie Impfwilligen lediglich Kochsalzlösung verabreicht."

Dass seine Mandantin versucht habe, den verschütteten Impfstoff mit Resten aus anderen Ampullen auszugleichen, habe sie zudem der Polizei bei den ersten Befragungen mitgeteilt. Dies sei jedoch von den Behörden bisher nie erwähnt worden. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg bestätigte, "dass das in der ersten Vernehmung tatsächlich angeklungen ist".

Staatsanwaltschaft ermittelt zunächst in sechs Fällen

Auch die Sprecherin der Polizei-Inspektion Wilhelmshaven, Janina Schäfer, bestätigte diese Aussage der Frau. Allerdings mache sie nun "von ihrem Schweigerecht Gebrauch". Für die Ermittler gelte es nun, die Ausmaße des Skandals möglichst exakt einzugrenzen, sagte Schäfer. Sie handelten also im rechtlichen Rahmen der Gefahrenabwehr.

Der oldenburgische Staatsanwalt Matthias Rennecke sagte dem epd, seine Behörde ermittele zum Straftatbestand der gefährlichen Körperverletzung in mittelbarer Täterschaft. Dabei würden die sechs Fälle aus dem April betrachtet. "Insgesamt gilt die Unschuldsvermutung", betonte Rennecke. Sowohl für die sechs Fälle als auch für die möglicherweise rund 8500 weiteren betroffenen Impfungen "brauchen wir die überwiegende Wahrscheinlichkeit einer Täterschaft, um Anklage zu erheben".

Die Polizei hatte impfkritische Posts der Frau bei Facebook gefunden. Die bloße Vermutung einer Straftat oder der Verdacht, es könne nicht ausgeschlossen werden, die Frau habe weitere Spritzen manipuliert, reiche für eine Anklage nicht aus, stellte Rennecke klar. Auch könne sich der Straftatbestand im laufenden Verfahren noch ändern.

Bei einer Verurteilung im Fall einer gefährlichen Körperverletzung in mittelbarer Täterschaft droht laut Gesetz eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 12. August 2021 um 13:30 Uhr.