Tote Fische schwimmen an der Wasseroberfläche des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder. | dpa
FAQ

Umweltkatastrophe in der Oder Was über das Fischsterben bekannt ist

Stand: 16.08.2022 14:36 Uhr

Tonnen tote Fische - und niemand weiß, warum: Seit gut einer Woche beschäftigt die Umweltkatastrophe in der Oder die deutschen Behörden. Was ist bislang über das Fischsterben bekannt?

Wie wurde die Umweltkatastrophe auf deutscher Seite bekannt?

Zuerst berichteten Angler am 9. August über ein massives Fischsterben in der Oder. Anschließend warnte die Stadtverwaltung Frankfurt (Oder) die Bevölkerung vor dem Kontakt mit dem Oderwasser und dem Verzehr von Fischen aus dem Fluss. Am Donnerstag schaltete sich dann das Landeskriminalamt ein und nahm Wasserproben zur Ermittlung der Ursachen. Gleichzeitig warnten die Landkreise entlang der Oder nach und nach vor den Gefahren durch das Flusswasser. Schon deutlich früher war das ungewöhnliche Fischsterben in Polen aufgefallen - aber zunächst nicht an die deutsche Seite gemeldet worden: Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben schon Ende Juli erste Hinweise darauf, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben.

Was weiß man über die Ursachen?

Die Ursache für das massive Fischsterben ist nach wie vor unbekannt. Experten aus Polen und Deutschland sollen nun in einer gemeinsamen Taskforce die Ursachen ermitteln. Das Brandenburger Landesumweltamt hat inzwischen erste Laborergebnisse ausgewertet. Die am Montagabend vom Landeslabor Berlin-Brandenburg in einer ersten Tranche übermittelten Ergebnisse hätten keine besonders hohen Werte für Metalle wie Quecksilber gezeigt, teilte der Sprecher des Umweltministeriums mit. Eine einzelne Ursache für die Umweltkatastrophe lasse sich nicht erkennen. "Die noch nicht vollständigen und noch nicht umfassenden und abgeschlossenen Untersuchungen zu Nährstoffen lassen bisher keine Hinweise auf eine singuläre Ursache für das Fischsterben in der Oder zu", erklärte Ministeriumssprecher Sebastian Arnold. "Weiterhin werden hohe Salzfrachten und ein hoher Sauerstoffgehalt festgestellt."

Auf der Webseite des Landesumweltamts lässt sich ablesen, dass sich die Werte im Fluss vom 7. August an dramatisch veränderten. So schnellten der Sauerstoffgehalt, der pH-Wert, die Trübung und andere Werte schlagartig nach oben, während die Menge von Nitrat-Stickstoff deutlich abfiel.

Anfang August hatte die Umweltbehörde in Niederschlesien (Südwesten Polens) mitgeteilt, dass bei Wasserproben vom 28. Juli an zwei Stellen die giftige Substanz Mesitylen nachgewiesen wurde. Bei späteren Proben, auch an anderen Stellen im Fluss, wurde kein Mesitylen mehr festgestellt. Auch der von deutschen Behörden zunächst geäußerte Verdacht, erhöhte Quecksilberwerte könnten die Ursache für das Fischsterben sein, hat sich nicht erhärtet.

Warum gibt es heftige Kritik an den polnischen Behörden?

Seit Bekanntwerden der Katastrophe auf deutscher Seite wächst der Unmut gegenüber den polnischen Behörden. Das Bundesumweltministerium beklagt, dass die für solche Ereignisse übliche Meldekette nicht funktioniert habe. Die deutschen Behörden hätten sich von der polnischen Seite "nicht gut informiert" gefühlt. Dass Informationen über das Fischsterben aus Polen die deutsche Seite erst sehr spät erreicht hätten, erschwere jetzt das Identifizieren der Schadensursache, erklärte Bundesumweltministerin Steffi Lemke. Warum die Informationen so spät ankamen und sogar den polnischen Regierungschef Mateusz Morawiecki erst in der vergangenen Woche erreichten, blieb zunächst unklar. Am Sonntag waren die zuständigen Regierungsvertreter aus Deutschland und Polen zu Beratungen zusammengekommen, um die Koordination zu verbessern.

Könnten in Polen Giftstoffe in die Oder gekippt worden sein?

Polens Regierung vermutet, dass der Fluss mit Chemie-Abfällen vergiftet wurde. "Es ist wahrscheinlich, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde, und das in voller Kenntnis der Risiken und Folgen", sagte Regierungschef Morawiecki. Die polnische Polizei hat eine Belohnung von umgerechnet 210.000 Euro für die Aufklärung ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. In polnischen sozialen Medien wurde zeitweise spekuliert, eine Papierfabrik in der Nähe des Ortes Olawa habe den Fluss verseucht. Das Unternehmen hat dies dementiert und erklärt, dass es weder Mesitylen noch Quecksilber für seine Produktion verwende. Beide Stoffe hatten zunächst im Verdacht gestanden, die Katastrophe verursacht zu haben.

Wie schätzen die deutschen Behörden das Ausmaß der Katastrophe ein?

Das Bundesumweltministerium spricht von einer "fürchterlichen Umweltkatastrophe" mit länderübergreifenden Auswirkungen. "Das, was wir jetzt beobachten in der Oder, das Fischsterben auf polnischer und auf deutscher Seite, ist aus unserer Sicht ein großes Ereignis. Es ist ein großer Schadensfall, der unbedingt aufgeklärt werden muss", sagte Ministeriumssprecher Ulrich Schulte. Der BUND-Gewässerexperte Sascha Maier schätzt die Menge der in den vergangenen Tagen verendeten Fische in der Oder auf bis zu 100 Tonnen. Das sei eine Hochrechnung auf Grundlage der Meldungen über einzelne Sammelaktionen, sagte der Experte der Umweltorganisation der dpa. Die Umweltkatastrophe betreffe die Oder auf etwa 500 Kilometer Länge.

Könnte sich das Fischsterben ausweiten?

Das wird derzeit befürchtet. In Mecklenburg-Vorpommern sind die zuständigen Behörden in Alarmbereitschaft. Im Fokus steht dabei vor allem das Stettiner Haff, ein inneres Küstengewässer, in das die Oder mündet und das mit der Ostsee verbunden ist. Derzeit würden Proben aus dem Haff zur Analyse entnommen, erklärte Till Backhaus, Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern. Indes wurden im Stettiner Haff auch Ölsperren eingerichtet, um eine größere Ausbreitung von möglichen Fischkadavern zu verhindern.

Quelle: dpa