Eine Frau legt am eine Blume nieder, um einer getöteten Frau zu gedenken.  | dpa

Studie zu Femiziden Weder "Beziehungstat" noch "Ehedrama"

Stand: 19.02.2022 10:00 Uhr

Wenn Frauen von ihren Partnern getötet werden, ist oft von "Beziehungstat" die Rede. Doch das Phänomen hat einen Begriff: Femizid. Nun startet dazu die erste evidenzbasierte Studie in Deutschland.

Von Cecilia Knodt, SWR

In Esslingen tötet ein Mann seine Frau. Zwei Schüsse in den Brustkorb, weil sie sich von ihm scheiden lassen und mit den beiden Töchtern ausziehen wollte. Nun muss er sich vor dem Landgericht Stuttgart verantworten.

Cecilia Knodt

Solche Fälle dürften nicht als "Ehedrama", "Familientragödie" oder "Beziehungstat" abgetan und verharmlost werden, findet Psychologin Deborah Hellmann: "Das ist Mord oder Totschlag und der richtet sich systematisch gegen Frauen." Hellmann ist Professorin an der Hochschule für Polizei NRW. Gemeinsam mit zwei Kriminologen aus Baden-Württemberg und Niedersachsen leitet sie die erste evidenzbasierte Studie zu Femiziden in Deutschland.

Femizid meint die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist. So die bekannteste Definition der US-Soziologin und Feministin Diana Russell von 1976. Doch bis heute gibt es weder in der Wissenschaft noch in der Gesellschaft einen Konsens über die genaue Verwendung des Begriffs, wissenschaftliche Daten ebenso wenig. Letzteres wollen Hellmann und ihr Forschungsteam nun ändern.

Erste systematische Studie

Mann tötet die eigene Frau, Freundin oder Ex-Freundin - 139 Mal ist dieser Tatbestand im Jahr 2020 passiert, sagt die Kriminalstatistik. Im Vergleich dazu: 30 Mal wurden Männer im gleichen Jahr Opfer von tödlicher Partnerschaftsgewalt.

Hellmann und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen und vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen wollen über Partnerschaftsgewalt hinaus gehen und auch die bisherigen Grauzonen der Statistiken beleuchten, etwa frauenfeindliche Morde von Bekannten, Kollegen oder im Prostitutionsmilieu. Dazu werden sie die Strafverfahrensakten des Jahres 2017 aus den Bundesländern Berlin, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen analysieren.

352 Tötungen von Frauen werden sie dazu untersuchen. Wie viele davon waren Femizide? Wie sind die Staatsanwaltschaften mit den Fällen umgegangen? Welche Rollen spielen finanzielle und soziodemografische Umstände oder Alkoholkonsum? Für die Auswertung dieser Fragen sollen auch Rechtwissenschaftlerinnen, Soziologen und Kulturwissenschaftler hinzugezogen werden. Sie ist auf drei Jahre angelegt. Die Forschenden erhoffen sich am Ende Aufschluss darüber, ob es typische Risikokonstellationen gibt, die häufiger zu Femiziden führen.

Reaktionen in Deutschland

Frauenverbände wie der Deutsche Juristinnenbund fordern schon länger mehr Aufklärung und Prävention. Im Bundestag macht sich die Fraktion der Linkpartei seit 2020 für eine Beobachtungsstelle für Femizide und regelmäßige Lageberichte stark. Bisher allerdings erfolglos.

Es brauche dringend die Daten der Studie, um die politische wie auch die gesellschaftliche Debatte anzuregen, findet auch Hildegard Kusicka vom Landesfrauenrat Baden-Württemberg: "Diese Gewalttaten dürfen nicht länger in den privaten Bereich bagatellisiert werden. Schließlich ist für eine Frau der gefährlichste Ort ihr Zuhause."

Das Ausland ist schon weiter

In den USA werden alle Beziehungstaten als Femizide zusammengefasst, in den Straßen Lateinamerikas ist das Wort "femicidios" seit Jahren gebräuchlich. Die "Zapatos Rojos"-Frauenbewegung protestiert mit symbolträchtigen roten Schuhen in mehreren Ländern gegen Gewalt an Frauen. In Spanien hat das Parlament 2004 ein erstes Gesetz explizit zum Schutz von Frauen erlassen, seit diesem Jahr werden frauenfeindliche Tötungen dort gesondert erfasst.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen sei Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse, sagte Bundesfrauenministerin Anne Spiegel. Die Regierung plant daher mehr Plätze in Frauenhäusern, um Frauen und Mädchen besser zu schützen. Den Begriff Femizid scheut die Grünen-Politikerin jedoch bisher.

Deborah Hellmann hofft, dass die Verwendung gebräuchlicher wird, vor allem um die Prävention anzutreiben. Sie will mit ihren Studienergebnissen einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, damit das Thema auch in Deutschland noch besser wahrgenommen wird. Dies könnte auch eine andere rechtliche Einordnung in der Justiz bewirken. Noch sind Femizide kein eigener Straftatbestand. Auf welcher Grundlage die Stuttgarter Richter im Esslinger Mordprozess urteilen, steht noch aus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. September 2021 um 17:30 Uhr.