Eine Frau hält ein Schild mit der Aufschrift RIP Alexia in die Höhe | AFP

Gewalt gegen Frauen in Frankreich Weniger Femizide - dank rigider Maßnahmen

Stand: 08.03.2021 13:28 Uhr

Femizid - so bezeichnet man die Tötung von Frauen wegen ihres Geschlechts. Auch in Frankreich ist das ein großes Problem. Dass die Zahl der Getöteten dort inzwischen zurückgeht, ist vor allem Fraueninitiativen zu verdanken.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Weiße DIN-A4-Blätter pflastern immer wieder die Hauswände in vielen Pariser Straßen. Auf jedem Blatt steht in schwarzer Schrift ein Buchstabe. Zusammen gelesen ergeben die Zettel Sätze wie "Aimer n’est pas tuer", übersetzt: "Lieben ist nicht töten", oder: "Schütze nicht deine Tochter, sondern erziehe deinen Sohn".

Sabine Wachs ARD-Studio Paris

Unter anderem mit solch offensiven und illegalen Plakatierungsaktionen haben es Frauenrechtsorganisationen vor zwei Jahren geschafft, das Thema Femizide und häusliche Gewalt gegen Frauen in die Politik zu tragen:

"2019 haben Frauenrechtsorganisationen damit angefangen. Sie klebten die Zettel an die Wand, auf denen stand, 'Audrey, 21 Jahre, getötet in Bondy'. Sie nannten den Namen, das Alter und den Ort, an dem diese Frau getötet wurde", erklärt Ernestine Rouai. Sie leitet im Pariser Vorort Saint-Denis eine Beobachtungsstelle für Gewalt gegen Frauen und ist Mitglied des Rates für die Gleichstellung von Frauen und Männern. "Es war nicht mehr irgendeine Frau alle drei Tage, sondern diese Frau, die getötet wurde. Das hat die Taten sichtbar gemacht und dann auch eine Reaktion hervorgerufen."

Polizei reagiert schneller

Auf diesen gesellschaftlichen Druck hin, habe die französischen Regierung einen Runden Tisch zum Thema häusliche Gewalt gegen Frauen gegründet, erzählt Rouai. Femizide waren der Schwerpunkt, denn 2019 wurden 146 Frauen in Frankreich von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Gemeinsam mit Frauenrechtsorganisationen wurden verschiedene Maßnahmen beschlossen. Auch einfache, die jetzt erste Wirkung zeigen.

"2020 wurden 90 Frauen getötet. Die Zahl ist stark gesunken", so Rouai. Die Regierung habe unter anderem angeordnet, dass Anzeigen wegen häuslicher Gewalt direkt nachverfolgt werden. "Anders als vorher fahren die Polizisten jetzt sofort raus, wenn eine Frau den Notruf wählt. Und meist wird der gewalttätige Partner oder Ex-Partner auch in Gewahrsam genommen.“

Männer bekommen elektronische Fußfesseln

Das sei ein wichtiger Schritt gewesen, sagt Rouai, die sich noch an Zeiten erinnern kann, in denen Frauen am Notruftelefon einfach abgewimmelt wurden. 1700 Notruftelefone, ähnlich einem Hausnotruf für ältere Menschen, wurden an gefährdete Frauen übergeben. Männer, die ihre Frauen oder Ex-Frauen bedrohen, werden teils mit elektronischen Fußfesseln überwacht.

Nicht nur die Polizei, der gesamte Justizapparat hat reagiert. "Natürlich müssen wir noch mehr tun", räumt Justizminister Eric Dupond-Moretti ein, obwohl er die Zahl von 90 Femiziden als ersten Erfolg darstellt. "Wir haben einen Anfang gemacht, aber das reicht noch nicht. Wir müssen dran bleiben."

Denn vor allem die finanziellen Mittel für den Kampf gegen Gewalt an Frauen sind zu niedrig. Mit knapp einer Milliarde Euro hat das Ministerium für Gleichstellung eines der kleinsten Budgets unter den französischen Ministerien.

"Wir müssen gegen Stereotype ankämpfen"

Frauenrechtsorganisationen wie die Fondation des Femmes kritisieren es scharf, dass bisher nur jene Maßnahmen des Runden Tisches umgesetzt wurden, die relativ wenig kosten. "Wir schätzen zum Beispiel das Budget, das gebraucht wird, um Frauen in Not unterzubringen, auf 200 Millionen Euro. Ausgegeben werden aktuell aber nur 40 Millionen für Plätze in Frauenhäusern, außerdem muss Präventionsarbeit gemacht werden", sagt Sylvie Pierre-Brossolette von Fondation des Femmes. "Wir müssen gegen Stereotype ankämpfen, die zur Gewalt führen können. Damit muss man im Kindergarten beginnen. Die Regierung muss da weitergehen und dazu auch die notwendigen, finanziellen Mittel bereitstellen."

Das Thema Femizid ist in der Mitte der französischen Gesellschaft angekommen. Auch die Medien sind sensibilisiert und nutzen das Wort Femizid heute da, wo früher noch Familiendrama stand. Unterm Strich gab es in Frankreich aber 2020 immer noch 90 Frauen, die von ihren Partner oder Ex-Partner getötet wurden. Immer noch 90 zu viel.   

 

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. November 2019 um 09:10 Uhr.