Ein Einfamilienhaus mit Solarzellen auf dem Hausdach steht hinter einer grünen Hecke. | dpa

Strom durch Solaranlagen Über die Dächer zur Energiewende?

Stand: 06.10.2022 18:05 Uhr

In Deutschland soll mehr Energie mithilfe von Solaranlagen gewonnen werden - noch wird das Potenzial des Sonnenstroms zu wenig genutzt. Doch dafür müssten Bürokratiehürden abgebaut und Personallöcher gestopft werden.

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Von April bis Oktober braucht Tobias Bücklein für sein Haus in Konstanz keinen Strom von außen. Den produziert seine Solaranlage auf dem Dach. Zudem gibt es einen Batteriespeicher, für nachts oder wenn die Sonne mal ein paar Tage nicht scheint.

Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Als sich Bücklein im Jahr 2017 für die Solaranlage entschieden hat, war das Schwierigste: die Bürokratie. "Ich fand es einen enormen Aufwand, sodass man eigentlich schon gar keine Lust mehr hatte, es zu machen", erzählt der Hausbesitzer. Eine Baugenehmigung braucht es meist nicht, aber das Baurecht ist in allen 16 Bundesländern anders. Dazu kommen Steuerfragen, die Anmeldung bei der Bundesnetzagentur und beim Netzbetreiber. Der kauft den überschüssigen Strom, der von der Solaranlage ins Netz gespeist wird, ab.

Ampelkoalition will Weg zur hauseigenen Solaranlage erleichtern

Das Ziel der Ampelkoalition von SPD, Grünen und FDP ist, dass mehr Dächer für Photovoltaik genutzt werden. Als ein wichtiger Baustein, um erneuerbare Energien auszubauen - für den Klimaschutz und mehr Unabhängigkeit in Energiefragen.

Deshalb hat die Bundesregierung eine Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes beschlossen, damit soll die Solaranlage auf dem eigenen Dach leichter möglich sein. Unter anderem müssen Netzbetreiber ab 2025 ein Portal für Anfragen zur Verfügung stellen. Auch die Einspeisevergütung wird erhöht, es gibt also etwas mehr Geld für den selbst erzeugten Strom.

 

Erst zehn Prozent der Dachflächen genutzt

Und es gibt viel Potenzial auf den Dächern: Mehr als zehn Millionen Einfamilienhäuser sind laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens EUPD Research für Solaranlagen geeignet. Hinzu kommen demnach Mehrfamilienhäuser, Büro- und Industriegebäude - bisher wird erst rund ein Zehntel der Dachflächen genutzt. 

Im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP steht der Plan, dass Solardächer für gewerbliche Neubauten Pflicht werden sollen, bei privaten Neubauten die Regel. Noch gibt es keine bundesgesetzliche Vorgabe, aber erste Bundesländer legen vor: In Baden-Württemberg müssen seit Mai neue Wohngebäude mit einer Solaranlage ausgestattet werden. Berlin und Hamburg verpflichten ab 2023 dazu, Niedersachsen ab 2025.

 Wichtiger Baustein für deutsche Energieziele

Aber was bringen Solaranlagen auf allen Dächern? "Wir gehen davon aus, dass wir allein mit den Dächern so um die zehn Prozent des deutschen Energiebedarfs decken können", sagt Volker Quaschning, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Das allein reicht also nicht, um die Energiewende hinzubekommen. Der Anteil der Solardächer ist aber nötig, wenn Deutschland seine Ausbauziele erreichen will: Bis 2030 sollen 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien kommen. "In der Summe müssen wir in Deutschland etwa ein Drittel über die Solartechnik abdecken. Das heißt, was wir momentan machen, müssen wir glatt verzehnfachen", erklärt der Professor für regenerative Energiesysteme. Zudem brauche es natürlich den Ausbau bei der Windkraft und den Netzen, so Quaschning. Auch deutlich mehr Speicherkapazität sei nötig, wenn mal länger die Sonne nicht scheint und kein Wind weht.

Solarstrom vom Feld

Kleine Solaranlagen auf jedem Dach können nur eine Ergänzung sein, so sieht es Andreas Luczak, Professor an der Fachhochschule Kiel: "Wirtschaftlicher ist in den allermeisten Fällen die große Anlage auf der freien Fläche." 

Das nährt Befürchtungen, dass Solarinvestoren künftig der Landwirtschaft die Äcker streitig machen. Doch es gibt auch Ideen, beides miteinander zu kombinieren: durch Solarmodule auf Gewächshäusern oder mithilfe auf hohen Gerüsten gebauter Anlagen, unter denen die Felder weiter bestellt werden können. Die sogenannte Agri-Photovoltaik hat laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg enormes Potenzial. Mit Solaranlagen könnten die Flächen effizienter genutzt werden als etwa mit Mais oder anderen Energiepflanzen, aus denen sogenannter Biosprit hergestellt wird. 

Eine Branche mit Gewinnpotenzial

Neben Dächern und Feldern können auch viele Orte im urbanen Raum für Solarkraft genutzt werden: Von überdachten Plätzen über Lärmschutzwände bis hin zu Fassaden, woran etwa das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie forscht. Ein Laborgebäude, das auf drei Seiten mit Solarmodulen eingekleidet ist, erzeugt dort im Jahr so viel Energie, dass es für sechs Einfamilienhäuser reichen würde. Doch die Kosten für Solarfassaden sind hoch und die Dachanlagen deutlich effizienter. 

Vor allem hängt es im Moment jedoch an Material und Personal: Die Wartezeit für eine Solaranlage beträgt derzeit einige Monate. Zudem fehlen Fachleute in den Ingenieurbüros und im Handwerk. Die Spezialisierung und ein Ausbau der Produktion hierzulande kann sich lohnen. Wenn unser Energiesystem auf erneuerbare Energien umgestellt wäre, bräuchte es jährlich 40 Millionen Solarmodule, um die Anlagen in Betrieb zu halten. So hat es das Fraunhofer-Institut ISE ausgerechnet. Damit lassen sich mehrere Milliarden Euro verdienen. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Oktober 2022 um 09:52 Uhr.