Teströhrchen für PCR-Tests in einem Labor | dpa
FAQ

Corona und Durchseuchung Warum sich mit Omikron vieles ändert

Stand: 19.01.2022 09:09 Uhr

Experten gehen davon aus, dass sich bald die meisten Menschen infiziert haben und das Virus seinen Schrecken verliert. Omikron wäre dann der Anfang vom Ende der Pandemie. Doch so weit ist es noch nicht. Warum?

Wie ist die Lage?

Die Omikron-Welle weitet sich seit Wochen auch in Deutschland rasant aus. Die Sieben-Tage-Inzidenz übersteigt längst deutlich die 500er-Marke. Heute wurden erstmals mehr als 100.000 Neuinfektionen vermeldet. Das ist so viel wie noch nie in der Pandemie. Allerdings unterscheidet sich die Entwicklung von früheren Anstiegen. Die Symptome bei Ansteckungen mit der Omikron-Variante sind offenbar tatsächlich überwiegend milder als etwa bei der Delta-Variante.

Das zeigen auch die Zahlen aus den Kliniken, wo derzeit hauptsächlich Menschen ohne Impfschutz intensivmedizinisch behandelt werden - auch wenn berücksichtigt werden muss, dass die Entwicklung auf den Intensivstationen mit Verzögerung einsetzt. "Derzeit können wir auf den Intensivstationen die Omikron-Welle noch nicht ausmachen", sagte etwa der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Gernot Marx, dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" am Wochenende.

Der Leiter des Kölner Lungenzentrums und wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, erwartet auch keinen schnellen Wiederanstieg der Zahl der Intensivpatienten. Während bei Delta rund jeder fünfte Corona-Patient, der in ein Krankenhaus kam, intensivmedizinische Versorgung benötigt habe, sei es bei Omikron nur ungefähr jeder Zehnte.

Allerdings: Derzeit stecken sich hauptsächlich jüngere Menschen mit vielen Kontakten an. In dieser Altersgruppe ist die Gefahr schwerer Verläufe ungleich geringer. "Wir sehen derzeit eine Verbreitung von Omikron bei den jüngeren Altersgruppen und noch nicht bei den über 60-Jährigen", bestätigt Karagiannidis. "Wir müssen abwarten, wenn Omikron auf die über 60-Jährigen und die Ungeimpften trifft." Gut möglich also, dass es dann auf den Intensivstationen wieder voll wird.

Und: Die Zahl der Fälle steigt so deutlich, dass dies Vorteile der milderen Variante wieder wettmachen könnte.

Was bedeutet das für die Strategie der Politik?

Die Politik ist in einer heiklen Situation. Einerseits soll sie auch weiterhin möglichst viele Menschen vor einem schweren Verlauf der Erkrankung schützen und gleichzeitig eine Überlastung der Kliniken verhindern. Andererseits können die Einschränkungen aufgrund der weniger aggressiven Variante von Monat zu Monat weniger gerechtfertigt werden. Die Politik muss einen Ausweg aus der Pandemie aufzeigen - ohne allzu große Risiken einzugehen.

Dazu kommt: Die Ampel-Regierung plant eine allgemeine Impfpflicht und geht davon aus, dass sie eine wichtige Grundlage für diesen Weg aus der Pandemie ist. Doch der mildere Verlauf der Variante und das gestiegene Risiko, sich trotz Impfungen anzustecken, macht es fraglicher, ob eine Impfpflicht in der Gesellschaft akzeptiert wird. Auch in der Politik sehen die Kritiker der Impfpflicht ihre Bedenken bestätigt. Aus der Mitregierungspartei FDP heißt es etwa: "Omikron ändert die Spielregeln."

Werden sich bald alle infizieren?

Hier scheinen sich die meisten Experten, inklusive der WHO, derzeit einig zu sein. "Wir werden uns über kurz oder lang alle mit Sars-CoV-2 infizieren", sagt etwa Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Er rechnet damit, dass es je nach Immunisierungsgrad der Bevölkerung Mitte des Jahres so weit sein könnte.

Der Virologe Christian Drosten sieht das ähnlich. Alle Menschen müssten sich früher oder später infizieren. "Ja, wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". Er sieht in Omikron so auch eine "Chance", aus dem Krisenmodus rauszukommen. Die ursprüngliche Idee, dass man Sars-CoV-2 komplett unter Kontrolle halten könne und müsse, sei nicht realisierbar.

Der Virologe Klaus Stöhr verweist auf die unmittelbare Entwicklung. "In den nächsten zwei bis drei Wochen wird es eine Unsicherheit geben, wie hoch die Inzidenz steigen wird", sagte er "Bild". Danach würden durch die starke Durchseuchung sehr viele Menschen eine natürliche Immunität bekommen, die "oben draufgepflanzt" werde auf die Immunisierung durch Impfungen. Beides zusammen werde zu einem anhaltenden Immunschutz führen. Auch das Boostern könnte so für die Mehrheit der Menschen obsolet werden.

Wann ist in Deutschland ein Strategiewechsel zu erwarten?

Das ist unklar. Klar ist, dass Experten zum jetzigen Zeitpunkt vor einer ungebremsten Durchseuchung warnen. Aber je mehr Menschen durch Impfungen oder Infektionen immunisiert seien, desto unwahrscheinlicher werde eine Überlastung des Gesundheitswesens, sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Dann sei die Sonderrolle von Sars-CoV-2 im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten nicht mehr gerechtfertigt.

Schmidt-Chanasit verweist auf die sinkenden Zahlen in Großbritannien. "Das kann man mit etwas Verzögerung auch hierzulande erwarten", sagt er. "Es gibt bisher keine Daten, die gegen dieses Szenario in Deutschland sprechen würden."

Experten rechnen mit hohen Inzidenzen noch für Januar und Februar. "Basierend auf den Daten aus anderen Ländern und unseren Maßnahmen in Deutschland könnte diese Welle in ein oder zwei Monaten überstanden sein", sagt Schmidt-Chanasit. "Hinzu kommt dann ab dem Frühjahr die starke Saisonalität des Virus. Die hat einen sehr starken Einfluss auf das Infektionsgeschehen - unabhängig von der Virusvariante."

Auch Lauterbach sagte bei RTL, dass der Höhepunkt der Omikron-Welle in Deutschland wahrscheinlich Mitte Februar erreicht sein dürfte. Der Zeitpunkt für eine neue Diskussion werde "im Frühjahr sein - nach dem Ende der Omikron-Welle", so Schmidt-Chanasit.

Zuletzt wurden bereits die Stimmen aus der Politik lauter, die einen Kurswechsel forderten. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte dem "Münchner Merkur": "Omikron ist nicht Delta. Das heißt: Wir müssen genau justieren, welche Regeln zwingend nötig, aber auch verhältnismäßig sind."

Welche Risiken gibt es?

Eine neue Virusvariante: Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt halten mehrere Experten eine aggressivere Variante als Omikron für eher weniger wahrscheinlich, möglich aber ist es - und niemand weiß, wie sich die Lage entwickelt.

"Dieses Szenario kann man zwar nicht ausschließen, es ist aber extrem unwahrscheinlich", sagt Schmidt-Chanasit. Auch Epidemiologe Zeeb hält eine noch infektiösere Variante als Omikron in der nahen Zukunft für unwahrscheinlich. Seine Hoffnung: "Im Moment durchlaufen wir die Omikron-Welle und bauen damit - am besten auf Basis geboosterter Impfungen - Immunität auf. Das ist auch für spätere Varianten wichtig."

Er sagt aber auch: Bei möglichen neuen Varianten sei biologisch zwar eher auszuschließen, dass sie noch ansteckender werden als Omikron. "Aber mit der gleichen Infektiosität und dann ungünstigeren klinischen Parametern, das kann es schon geben", sagte Zeeb.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt: Der Ungeimpfte, der jetzt eine Omikron-Infektion bekomme, werde im Herbst gegen andere Varianten wenig Schutz haben. Drosten sagte generell zu Mutationssprüngen des Virus im "Tagesspiegel": "Das wird in Zukunft weiter passieren, alle paar Jahre oder jetzt, zu Beginn der Pandemie, vielleicht auch öfter."

Die Kinder: Die Virologin Isabelle Eckerle weist darauf hin, dass bei dem Omikron-Szenario die Kinder bis fünf Jahren vergessen würden, die nicht geimpft werden können. Auch Omikron mache die Durchseuchung der Kinder nicht verantwortbar, schrieb sie auf Twitter.

Long-Covid: WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte vor den Folgen einer Corona-Erkrankung. Viele Menschen, die eine Infektion überlebt hätten, hätten mit länger anhaltenden gesundheitlichen Schwierigkeiten, Long Covid und Post-Covid-19-Syndrom, zu kämpfen. Virologe Martin Stürmer äußerte sich im ARD-Morgenmagazin zurückhaltend. "Wir wissen noch nicht genug darüber, wie sich Omikron bei Ungeimpften verhält. Da wäre ich noch sehr vorsichtig." Zudem fehlten Daten zu Langzeitfolgen wie Long-Covid für Omikron.

Auch Sandra Ciesek verweist im NDR-Podcast auf fehlende Erkenntnisse zu Langzeitfolgen. "Für eine Beurteilung unter Omikron ist es viel zu früh. Das bleibt eines der großen Fragezeichen und ist auch einer der Gründe, warum man nicht sagen kann: Wir lassen es jetzt einfach laufen."

Wäre das Modell Spanien auch für Deutschland sinnvoll?

Spanien kündigte vergangene Woche einen Kurswechsel an. Laut Ministerpräsident Pedro Sánchez arbeiten Experten daran, Covid-19 ähnlich wie eine Grippe zu handhaben. Statt jeden zu testen, könnten Stichproben erfasst und als Grundlage für ein Frühwarnsystem hochgerechnet werden.

Experten halten das Modell nicht für übertragbar auf Deutschland. "Entscheidend ist die Grundimmunität der Bevölkerung - entweder durch die Impfung oder eine überstandene Infektion", sagt Zeeb. Spanien hat eine Impfquote von mehr als 80 Prozent, Deutschland liegt derzeit bei rund 73 Prozent mit vollständiger Grundimmunisierung.

"Das heißt, Spanien ist näher an dieser endemischen Situation", sagt der Greifswalder Bioinformatiker Lars Kaderali, der zum Expertenrat der Bundesregierung gehört. Sehr grob gerechnet tragen laut Kaderali über 90 Prozent der spanischen Bevölkerung Corona-Antikörper in sich. "Und da sind wir doch in Deutschland erheblich von weg."

Warum ist die Impfung weiterhin wichtig?

Experten betonen, dass die Impfung die Voraussetzung dafür ist, dass die Durchseuchung die Gefahr verlieren kann. Das Virus sollte sich erst "auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes" verbreiten - sonst würden "zu viele Menschen sterben", sagte Virologe Drosten. "Wegen des hohen Anteils Älterer in der Bevölkerung müssen wir das in Deutschland über Impfungen machen", so Drosten im "Tagesspiegel".

Ähnlich argumentiert RKI-Chef Lothar Wieler: "Impfungen verhindern nicht unbedingt eine Ansteckung, das ist wahr. Aber sie sind der beste Schutz vor einem schweren Verlauf."

Von den besonders von einem schweren Verlauf bedrohten 24,1 Millionen Menschen, die mindestens 60 Jahre alt sind, sind 12,3 Prozent ungeimpft. Von den 45,3 Millionen 18- bis 59-Jährigen sind 19,3 Prozent oder knapp jeder Fünfte ohne Impfschutz.

Quelle: dpa

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 19. Januar 2022 um 05:37 Uhr und 06:08 Uhr.