Hände in grünen Gummihandschuhen im Labor | picture alliance/dpa

Bundesweite Inzidenz bei 145,1 Warnungen, Unverständnis und Kritik

Stand: 30.10.2021 09:39 Uhr

Die Corona-Infektionen steigen weiter. Laut RKI liegt die Sieben-Tage-Inzidenz nun bei 145,1. Ärztepräsident Reinhardt hält Lockdown-Maßnahmen für Ungeimpfte für möglich. Kritik gibt es an Gesundheitsminister Spahn.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen ist erneut deutlich gestiegen. Wie das Robert Koch-Institut (RKI) am Morgen unter Berufung auf Daten der Gesundheitsämter mitteilte, erhöhte sich der Wert auf 145,1. Am Vortag hatte er bei 139,2 gelegen, vor einer Woche bei 100. Der Wert gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen an.

Laut den jüngsten Angaben des RKI wurden binnen 24 Stunden 21.543 Coronavirus-Neuinfektionen sowie 90 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus verzeichnet. Die Gesamtzahl der registrierten Infektionsfälle in Deutschland seit Beginn der Pandemie stieg damit auf 4.580.663, die der verzeichneten Todesfälle auf 95.696.

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt seit zwei Wochen kontinuierlich an. Am Freitag vor einer Woche hatte der Wert erstmals seit Mai wieder die Marke von 100 überschritten.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI am Freitag mit 3,50 an (Donnerstag: 3,31, Mittwoch: 3,07). Am Samstag und Sonntag wird der Wert nicht veröffentlicht. Bei dem Indikator muss berücksichtigt werden, dass Krankenhausaufnahmen teils mit Verzug gemeldet werden.

Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Lockerungen statt Schutz

Angesichts dieser Lage mehren sich die Mahnungen, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu behalten. So warnen Lehrerverband und Ethikrat davor, die Gesundheit vieler Schüler zu gefährden. Die Politik setze Lockerungen zu einem Zeitpunkt durch, an dem Gesundheitsschutzmaßnahmen eher zu intensivieren seien, kritisierte der Chef des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger in der "Rheinischen Post", mit Blick auf die Aufhebung der Maskenpflicht im Unterricht in einigen Bundesländern.

Die Vize-Vorsitzende des Ethikrats, Susanne Schreiber, sagte dem Blatt: "Auch, wenn schwere Verläufe bei Kindern seltener auftreten, werden bei starkem Infektionsgeschehen Hunderte von Kindern von Komplikationen betroffen sein." Und: "Eine Augen-zu-und-durch-Mentalität reicht hier nicht aus."

Zwar sind inzwischen zwei Drittel der Bevölkerung voll geimpft, doch für Ungeimpfte bleibt das Risiko eines schweren Verlaufs weiter hoch. Um die Pandemie überhaupt eindämmen zu können, wäre laut RKI eine Impfrate von 85 bis 90 Prozent bei den über Zwölfjährigen nötig - ergänzt durch Auffrischungsimpfungen, um der nachlassenden Wirkung zu begegnen.

Streeck: Pandemieverlauf entscheidet sich in Altenheimen

Der Virologe Hendrik Streeck denkt, dass sich der Pandemieverlauf in den Alten- und Pflegeheimen entscheidet. "Trotz der Impfung ist dort weiterhin der tödliche Hotspot der Pandemie. Das heißt vor allem: breitflächig eine Booster-Impfung anzubieten und in Alten- und Pflegeheimen konsequent und regelmäßig zu testen", sagte er der "Welt am Sonntag".

Zuletzt hatte es einen Corona-Ausbruch in einer Senioren-Residenz in Brandenburg gegeben, bei dem acht Bewohner starben. Insgesamt seien in der Einrichtung 42 Bewohner und 15 Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt, bestätigte das zuständige Gesundheitsamt. Nur etwa 50 Prozent der Beschäftigten in dem Heim seien geimpft gewesen.

Lockdown-Maßnahmen nur für Ungeimpfte diskutieren

Auch Ärztepräsident Klaus Reinhardt wirbt für gezielte Auffrischungsimpfungen und warnt vor größeren Belastungen der Kliniken. "Noch ist die Situation beherrschbar", sagte der Chef der Bundesärztekammer der Nachrichtenagentur dpa. Man wolle aber auf keinen Fall erneut erleben, dass Pflegekräfte aus anderen Bereichen auf Corona-Stationen aushelfen und zum Beispiel planbare Operationen abgesagt werden müssten. "Nach 18 Monaten Pandemie ist das Personal ausgebrannt, viele Pflegekräfte sind aus dem Dienst geschieden, deshalb können die Kliniken nicht mehr alle Betten belegen", betonte er im "Spiegel".

Reinhardt beklagte jedoch auch die niedrige Impfquote in Deutschland: "Es kann doch nicht sein, dass es mehr als zehn Millionen Erwachsene gibt, die noch immer nicht geimpft sind." Für Ungeimpfte forderte er deshalb im "Spiegel" strengere Maßnahmen: "Möglicherweise müssen wir bei weiter zunehmenden Fallzahlen eine gesellschaftliche Diskussion führen, ob Lockdown-Maßnahmen nur für Ungeimpfte gelten. Ich fände das gerechtfertigt, wenn es darum gehen sollte, die stationäre Versorgung zu sichern.

Es seien derzeit vor allem die Ungeimpften, die mit schweren Covid-Verläufen in den Kliniken behandelt werden müssten. Kinder oder andere Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können, sollten von strengeren Vorgaben "natürlich ausgenommen sein", so Reinhardt.

Kritik an Spahn nach Booster-Impfung-Aussage

Entschieden kritisierte Reinhardt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für dessen Aussage, es sei genug Impfstoff da, sodass alle, die wollten, eine Booster-Impfung bekommen könnten.

"Für die Notwendigkeit von Auffrischimpfungen für Menschen jeglichen Alters gibt es bisher keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland RND. Bei älteren Menschen könne die Booster-Impfung hingegen das Infektionsrisiko erheblich reduzieren, da im höheren Alter die Immunantwort häufig schwächer ausfalle und es daher zu Impfdurchbrüchen kommen könne. Deshalb empfehle die Ständige Impfkommission auch eine Covid-19-Auffrischimpfung für alle Menschen ab 70 Jahren, Vorerkrankte und Menschen aus bestimmten Berufen.

Er rate Bürgerinnen und Bürgern aus diesen Gruppen dringend, Angebote für Drittimpfungen wahrzunehmen. Reinhardt betonte: "Neben Impfungen in den Praxen brauchen wir möglichst viele niedrigschwellige Impfangebote am Arbeitsplatz, in Pflegeheimen und in Seniorenbetreuungseinrichtungen."

Dieser Kritik schloss sich das Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands, Armin Beck, an: "Wir sind verärgert, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Erwartungen schürt, Booster-Impfungen seien für alle möglich." Durch Spahns Äußerungen werde der Aufklärungs- und Diskussionsbedarf in den Praxen jetzt größer, sagte Beck. Wenn die Ständige Impfkommission ihre Empfehlung ausweite, würden die Hausärzte auch diese Personengruppen impfen, kündigte er an. Allerdings sind manche Arztpraxen bereits aus den Impfungen ausgestiegen und bieten diese nicht mehr an.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Oktober 2021 um 09:55 Uhr.