Ein Schild an einem Strand in Malaga, Spanien, empfiehlt zwei Meter Abstand zu anderen Personen zu halten.  | dpa

Corona-Risiko beim Reisen Per Urlaubsflieger in die vierte Welle?

Stand: 18.06.2021 05:16 Uhr

Sinkende Inzidenzen und immer mehr Geimpfte, viele Menschen hoffen auf einen unbeschwerten Urlaub - fast ohne Corona. Doch droht durch die Reisewelle ein Rückschlag für den Herbst wie im vergangenen Jahr? Vier Experten geben Ratschläge, wie das Risiko einer vierten Welle verringert wird.

Von Stefan Keilmann, tagesschau.de

Seit Wochen sinkt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland, zudem kommt die Impfkampagne gegen Corona voran: Jeder Zweite hat hierzulande bereits die erste Impfung erhalten. Umso mehr hoffen viele Menschen nun auf ein baldiges Ende der Pandemie und ein Stück Normalität. Die Reiseveranstalter verzeichnen einen Rekordanstieg bei den Buchungen, in vielen Urlaubsregionen Deutschlands ist kaum noch ein Zimmer für die Ferien zu ergattern.

Stefan Keilmann

Aber was bedeutet das für die Bekämpfung der Pandemie? Im vergangenen Sommer waren die Inzidenzen auch niedrig, viele Menschen verreisten inner- und außerhalb Europas - und brachten teilweise das Virus wieder mit. Laut einer Sonderauswertung des Robert Koch-Institut war zwischenzeitlich jede zweite Neuinfektion auf eine Auslandsreise zurückzuführen.

Doch lassen sich die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr so einfach auf den Sommer dieses Jahres übertragen? Schließlich sind viele Menschen durch Impfungen geschützt - aber es gibt deutlich ansteckendere Virus-Mutanten wie beispielsweise die Delta-Variante. Daher warnen Expertinnen und Experten bereits davor, dass es im Herbst zu deutlich mehr Ansteckungen kommen könnte.

Wie ist Urlaub im zweiten Corona-Sommer möglich - und was muss passieren, damit es danach nicht zu einer vierten Welle im Herbst kommt? tagesschau.de hat Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen befragt.

Ralf Bartenschlager, Virologe

Prof. Dr. Ralf Bartenschlager, Universität Heidelberg | privat
Zur Person

Prof. Dr. Ralf Bartenschlager ist Präsident der Gesellschaft für Virologie und leitet die Abteilung für Molekulare Virologie an der Universität Heidelberg.

"Ich glaube, hier muss man unterscheiden, ob man vollständig immunisiert ist - und damit meine ich beide Impfungen - oder ob man noch nicht oder erst einmal geimpft wurde. Bei einer vollständigen Immunisierung ist sicherlich mehr Urlaub möglich als bei fehlender oder Teil-Immunisierung, auch wenn man durch Testung einen gewissen Ausgleich schaffen kann. Grundsätzlich sollte das Urlaubsziel auch in diesem Sommer mit Bedacht gewählt werden. Dabei sollte man die Inzidenz, die Impfquote und das Vorhandensein von besorgniserregenden Varianten - wie etwa der Delta-Variante - im Zielgebiet bedenken.

Wir müssen die Sommermonate nutzen, um eine vierte Welle im Herbst/Winter zu vermeiden. Vorrangig ist hier die Impfung zu nennen, und die muss vollständig sein. Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass die zweite Impfung gerade im Hinblick auf den Schutz vor den SARS-CoV-2-Varianten sehr wichtig ist. Außerdem müssen wir bei Rückreisenden aus dem Ausland die Eintragung von Infektionen insbesondere mit SARS-CoV-2-Varianten so weit wie möglich minimieren."

Kai Nagel, Mobilitätsforscher 

Kai Nagel | privat
Zur Person

Prof. Dr. Kai Nagel ist Physiker und Leiter des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik an der Technischen Universität Berlin. Er untersucht mithilfe eines Simulationsmodells - das auch reale Mobilfunkdaten nutzt - wie sich das Coronavirus in Schulen, am Arbeitsplatz und auf Reisen verbreitet.

"Unsere Simulationen zeigen, dass wir momentan aufgrund des raschen Impffortschrittes und des Sommers in einer Situation sind, in der wir einen gewissen Spielraum für Lockerungen haben. Daher ist nun auch das Reisen wieder möglich, solange gewisse Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden und im Reiseland die Inzidenz bzw. der Anteil gefährlicher Mutationen nicht deutlich höher ist als in Deutschland. Es gelten dabei beim Reisen die gleichen Grundsätze wie auch hier. Erstens: Wo immer möglich, Aktivitäten (also z.B. Restaurantbesuche) draußen durchführen. Zweitens: In Innenräumen Masken tragen. Und drittens: Kontexte mit hoher Personendichte vermeiden.

Unsere Simulationen zeigen jedoch auch, dass eine Herbstwelle wahrscheinlich ist, wenn der Impfschutz durch eine Mutation abnimmt. Aus diesem Grund sollten touristische Reisen in Regionen mit gefährlichen Mutationen unbedingt vermieden werden, und wenn sie doch stattfinden, an eine Quarantäne (auch für Geimpfte / Genesene) nach Rückkehr gebunden sein. Es ist zwar nicht davon auszugehen, dass dadurch ein Eintrag dieser Mutationen vollständig verhindert werden kann, er kann aber zumindest verlangsamt werden."

Gérard Krause, Epidemiologe

 Gérard Krause | Verena Meier/HZI
Zur Person

Prof. Dr. Gérard Krause ist einer der führenden Epidemiologen in Deutschland. Er leitet unter anderem die Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

"Wie die epidemiologische Lage der Pandemie sich in der zweiten Jahreshälfte entwickeln wird, ist nicht allein davon abhängig, wie wir die Urlaubszeit gestalten. Ganz maßgeblich wird hier auch sein, inwieweit es gelingt, die vorrangigen Zielgruppen vollständig zu impfen, wie gut die Impfung gegen neu aufkommende Varianten des Virus wirkt und wie die herbstlichen Umweltbedingungen die Verbreitung des Virus wieder begünstigen.

Ebenfalls wichtig ist, wie erfolgreich der öffentliche Gesundheitsdienst in der Lage sein wird, auftretende lokale Ausbrüche begrenzt zu halten. In dem Maße, in dem gesamtgesellschaftliche Einschränkungen von Mobilität und Kontakten entfallen, nimmt die Bedeutung des fallbezogenen Kontaktpersonenmanagements zu. Erschwerend kommt hier hinzu, dass inzwischen die Gesundheitsämter möglicherweise nicht wieder wie bis vor kurzem auf umfängliche personelle Verstärkung zurückgreifen können. Hier werden gut fokussierte und optimierte Prozesse benötigt."

Clemens Wendtner, Chefarzt

Clemens Wendtner | privat
Zur Person

Prof. Dr. Clemens Wendtner ist Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing. In seiner Klinik lagen zu Beginn der Pandemie die ersten Corona-Patienten Deutschlands.

"Mit Vernunft genießen - das sollte unser Motto für den Sommer sein. Nach Monaten der Einschränkungen ist die Sehnsucht nach Sonne und Ferne verständlicherweise groß und die Entwicklung der Inzidenz ermöglicht uns wieder mehr Freiheiten. Das ist gut und richtig, solange wir die Sicherheit mit im Blick behalten. Letztes Jahr sind die Fallzahlen nach den Ferien angestiegen, wir haben im Herbst auf unseren Stationen vor allem Reiserückkehrer versorgt.

Daraus müssen wir lernen und, insbesondere mit Blick auf die Mutationen, Sicherheitsmaßnahmen weiterhin konsequent mit den Lockerungen verknüpfen. Und: Wir müssen durch die Sonnenstrahlen hindurch unseren Weitblick erhalten, im Sommer die Impfungen stetig voranbringen, das Impftempo hochhalten. Je höher der Impfschutz im Herbst, desto flacher eine mögliche vierte Welle. Dann haben wir gute Chancen, dass die Monate der Einschränkungen endgültig der Vergangenheit angehören."

Die Corona-Varianten und ihre Namen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt ab sofort auf neutrale Bezeichnungen für die Varianten des Coronavirus. Sie sollen nicht mehr nach den Ländern benannt werden, in denen sie zuerst entdeckt wurden. Damit will die WHO Diskriminierung und Stigmatisierung verhindern.

Alpha heißt die zuerst in Großbritannien aufgetauchte Variante B.1.1.7.

Beta lautet der Name für die in Südafrika entdeckte Variante B.1.351.

Gamma steht für die in Brasilien nachgewiesene Variante P.1.

Delta bezeichnet die zunächst in Indien gefundene Variante B.1.617.2.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 17. Juni 2021 um 17:08 Uhr.