Kinderrucksäcke hängen im Eingangsbereich eines Kindergartens. | dpa

Hohe Infektionszahlen Wie Kitas mit Omikron kämpfen

Stand: 17.02.2022 11:38 Uhr

Auch wenn die Zahlen sinken, die Corona-Lage bleibt angespannt. In Kitas gibt es deutlich mehr Ansteckungen als in früheren Pandemie-Phasen. Eine Testpflicht wie an Schulen gibt es nicht in allen Bundesländern.

Von Johanna Wahl, SWR

Erst kann es Theresa kaum erwarten, an der Reihe zu sein, dann verliert sie plötzlich die Lust und es braucht etwas Geduld. Das kleine Mädchen mit dem Zopf sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter und macht einen Lolli-Corona-Test. Theresa ist drei Jahre alt und geht in die Kita "Birkenbergstrolche" im rheinland-pfälzischen Roxheim. Erst seit vergangener Woche gibt es die Möglichkeit, dass sich die Kleinkinder dienstags und freitags neben ihrer Kindertagesstätte testen lassen, eine Kooperation mit einem privaten Dienstleister.

Johanna Wahl

Jessica Bott beschreibt die aktuelle Situation als enorme Belastung für sich und ihre Familie. "Ich überlege jede Woche, ob ich Leon überhaupt noch hier abgeben kann. Wir wollen uns auf keinen Fall Corona einfangen. Ich habe noch ein kleines Baby zuhause." Aber die Mutter will ihrem Sohn auch nicht die Kindergarten-Freunde vorenthalten.

Lollitest in der Kita "Birkenbergstrolche". | Johanna Wahl / SWR

Lolli-Test bei den "Birkenbergstrolchen" Bild: Johanna Wahl / SWR

Infektionen in Kitas nehmen zu

Die Infektionszahlen in Deutschland gehen zwar leicht zurück, sind aber immer noch nahe am Rekordniveau. Eine Belastungsprobe für Familien und Betreuungseinrichtungen. Das macht sich gerade auch in Kindertagesstätten bemerkbar. In der vergangenen Woche waren bundesweit rund 70.000 Corona-Fälle bei Kindern unter sechs Jahren bekannt. Laut Robert Koch-Institut nahmen die Ausbrüche in Kindertagesstätten zu Beginn dieses Jahres rasch zu. Außerdem übersteigt die Zahl der Ausbrüche bei Weitem das Niveau der dritten und vierten Welle.

Für die Epidemiologin Berit Lange ist die Entwicklung nicht überraschend. Kita-Kinder gehörten zu der Gruppe, die zu einem großen Teil nicht geimpft sind, außerdem könnten in Kitas keine Abstände eingehalten werden, Kleinkinder trügen keine Masken und es würde auch nicht so umfangreich getestet wie in Schulen.

"Das individuelle Risiko für jedes einzelne Kleinkind ins Krankenhaus zu kommen, ist aber nach wie vor gering", betont die Leiterin der klinischen Epidemiologie vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. "Aber aufgrund der hohen Infektionszahlen und da Kleinkinder im Vergleich zu älteren Kindern nach einer gemeldeten Infektion ein höheres Hospitalisierungsrisiko haben, haben wir in der Omikronwelle einen deutlichen Anstieg der Krankenhausaufnahmen in der Altersgruppe 0 bis 4 Jahre gesehen." Regelmäßiges Testen könne die Infektionszahlen senken.

Nicht alle nutzen das Angebot

Nicht alle Eltern nutzen das freiwillige Testangebot der Kita "Birkenbergstrolche". Marvin Gutruf ist grundsätzlich dagegen, dass seine Tochter hier getestet wird. Für Kinder sei das eine Zumutung. Andere schaffen es schlicht zeitlich nicht. Zur Rush Hour um 8:30 Uhr hat sich eine kleine Schlange vor der Teststation neben der Kita gebildet. Eine halbe Stunde kann es dauern.

Kerstin Wagner leitet die Kita, in der fast 140 Kinder betreut werden. Sie würde sich wünschen, alle Familien machten von der Testmöglichkeit Gebrauch. 30 Corona-Fälle gab es in den vergangenen Wochen in ihrer Kita. Vor Kurzem habe ein Kleinkind mehrere Erzieherinnen angesteckt, erzählt sie.

Kerstin Wagner | Johanna Wahl / SWR

Kita-Leiterin Wagner: 30 Corona-Fälle in den vergangenen Wochen Bild: Johanna Wahl / SWR

Keine einheitliche Linie bei Testpflicht

In Rheinland-Pfalz sind anlasslose Tests für Kita-Kinder - anders als für Schulkinder - keine Pflicht. In Baden-Württemberg hingegen müssen auch Kita-Kinder getestet werden, in Berlin und Niedersachsen gibt es ebenfalls eine solche Testpflicht. Kita-Leiterin Wagner fordert das auch in ihrem Bundesland. "In Schulen muss dreimal in der Woche anlasslos getestet werden. Das brauchen wir für Kitas auch. Das halte ich für zumutbar."

Die rheinland-pfälzische Landesregierung aber will auch weiterhin bei anlasslosen Testungen von Kita-Kindern auf Freiwilligkeit setzen. "Aus Rückmeldungen ist bekannt, dass eine flächendeckende Verpflichtung zum Testen von zahlreichen Eltern kritisch gesehen wird", betont das Bildungsministerium. Der Landeselternausschuss lehnt eine Testpflicht in Kitas mehrheitlich ab.

Kritik an Absonderungsregel

Kita-Leiterin Wagner beobachtet, dass nach einem Corona-Fall andere Kinder oder Erzieherinnen in der Gruppe erst zeitversetzt erkranken. Daher stört sich die Pädagogin an den aktuellen Absonderungsregeln. Ist ein Kind infiziert, müssen die anderen Kinder aus der Gruppe abgeholt werden, können aber nach einem negativen Antigentest am folgenden Tag wieder in die Einrichtung kommen. "Das kann fürs Infektionsgeschehen nicht sinnvoll sein", sagt sie. Das Bildungsministerium sieht in der Regelung einen Kompromiss zwischen Gesundheitsschutz auf der einen Seite und dem Recht auf Bildung und Betreuung auf der anderen Seite.

Die Bundeselternvertretung sieht die gelockerten Absonderungsregelungen zwiegespalten. Das Infektionsgeschehen werde so nicht gebremst. "Wir werten es aber als Zeichen des Entgegenkommens gegenüber Familien. Wenn überall gelockert wird, muss zuerst bei den Familien etwas getan werden", betont Bundeselternsprecher Asif Stöckel-Karim.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Januar 2022 um 16:36 Uhr in der Sendung "Forschung aktuell" sowie Bayern 1 am 10. Februar 2022 um 12:40 Uhr in der Sendung "Mittags in Schwaben".