Passanten gehen im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg an einem Restaurant vorbei. | dpa
Interview

Debatte über Lockerungen "Es braucht Vorsicht und Reaktionsfähigkeit"

Stand: 14.06.2021 17:51 Uhr

Die Temperaturen steigen, die Infektionszahlen sinken, die Menschen atmen auf. Wie viel Lockerung jetzt angebracht ist und ob im Herbst eine vierte Welle droht, erklärt Pandemie-Experte Brockmann im Interview.

tagesschau.de: Weil die Inzidenzwerte stetig sinken, treten mehr und mehr Lockerungen in Kraft. Auch das Aufheben der Maskenpflicht wird diskutiert. Was halten Sie davon?

Dirk Brockmann: Wir haben jetzt drei Wellen hinter uns. Da ist es ganz natürlich, dass wir je nach Situation neu diskutieren. Wenn die Fallzahlen steigen, sprechen wir über Einschränkungen, wenn die Fallzahlen längere Zeit sinken, wird über Lockerungen gesprochen.

Derzeit sind die Inzidenzen schon seit einigen Wochen im niedrigen Bereich, allerdings aufgrund von vielen verschiedenen Faktoren: Die wärmeren Temperaturen, wodurch sich die Leute mehr draußen aufhalten, Masken und AHA-Regeln, Reihentestungen in Schulen, das Impfen und so weiter. Dennoch kann - wenn wir nach Großbritannien blicken, wo schon sehr viel mehr Menschen geimpft sind - schnell eine Situation eintreten, in der die Zahlen wieder steigen, weil zum Beispiel eine neue, noch ansteckendere, Variante ins Land kommt.

Das heißt, wir müssen bei allem, was wir tun mit Bedacht vorgehen. Und daran denken, dass es nach wie vor sehr viele in der Bevölkerung gibt, die sich anstecken können. Insbesondere dann, wenn eine Virusvariante wie die indische Delta-Variante hinzukommt, die noch ansteckender ist als die britische, B1.1.7, die uns im Frühjahr die dritte Welle beschert hat.

Dirk Brockmann | privat
Zur Person

Dirk Brockmann ist Physiker und Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Modellierung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

"Nicht alles auf einmal"

tagesschau.de: Ist es vor diesem Hintergrund vielleicht zu viel an Lockerung, was gerade passiert, beziehungsweise im Gespräch ist? Auch die Bundesnotbremse wird ja wahrscheinlich Ende Juni auslaufen.

Brockmann: Ich denke, man sollte die Lockerungen nacheinander machen, nicht alles auf einmal. Und dann muss man genau beobachten, was passiert. Es braucht dabei eine Kombination aus Vorsicht und der Bereitschaft, gegebenenfalls schnell und regional differenziert zu reagieren.

Es sind ja immer mehrere Faktoren, die zum Sinken der Fallzahlen beitragen. Es kann also sein, dass - wenn man einen dieser Faktoren wegnimmt, wie beispielsweise die Maskenpflicht - es unterm Strich immer noch positiv bleibt. Aber wenn man nacheinander alle Faktoren wegnimmt, kann es eben auch sein, dass die Zahlen schnell hoch gehen.

"Das Prinzip Hoffnung"

Schon jetzt müssen deshalb Pläne erarbeitet werden, was zu tun ist, wenn die Zahlen wieder steigen. Wir wissen nicht genau, ob es noch eine vierte Welle geben wird. Wir wissen nicht genau, ob die Fallzahlen weiter sinken. Aber für beide Eventualitäten müssen wir vorbereitet sein und genau wissen, wie dann reagiert werden muss. Und zwar ohne dass lange Diskussionen und politische Abstimmungen notwendig sind. Leider sehe ich gerade nicht, dass das passiert. Im Moment herrscht eher das Prinzip Hoffnung, dass es schon gut gehen wird.

tagesschau.de: Auch im vergangenen Sommer waren - nach der ersten Welle - die Zahlen sehr niedrig und die Politik überbot sich mit Lockerungen. Das schlug im Herbst zurück. Laufen wir Gefahr, diesen Fehler jetzt zu wiederholen?

Brockmann: Das ging uns ja nicht nur im vergangenen Herbst so. Da hatten wir es ja noch mit der Wildtypvariante zu tun und es gab Warnungen, dass eine zweite Welle kommen könnte - und so ist es geschehen. Ein weiteres Mal ist es im Frühjahr passiert, als die Fallzahlen sanken, aber sich im Hintergrund - wie alle wussten - die damals neue Variante B 1.1.7 stark ausgebreitet und für exponentielles Wachstum gesorgt hat.

All diese Entwicklungen sind mit Ankündigung passiert. Und eigentlich müssten wir aus all diesen Dingen gelernt haben, dass diese Pandemie immer für eine Überraschung gut ist und man deshalb einerseits vorsichtig bleiben muss, andererseits vorbereitet auf alle Eventualitäten.

"Auch mit Herdenimmunität ist die Pandemie nicht besiegt"

tagesschau.de: Ist nicht die stetig steigende Impfquote ein echter Gamechanger, durch den sich die jetzige Situation von den vorherigen Wellen unterscheidet?

Brockmann: Es ist vollkommen klar, dass das Impfen einen positiven Effekt hat. Andererseits ist es völlig ausgeschlossen, dass das Impfen alleine verantwortlich ist für die derzeit guten Zahlen. Es ist ein Faktor und zwar ein wichtiger. Aber man kann nicht genau messen und wissenschaftlich belegen, wie stark dieser Faktor ist und wie stark andere Faktoren sind. Deshalb müssen wir weiterhin mit Bedacht vorgehen.

Und selbst wenn wir die Herdenimmunität von etwas über 80 Prozent erreicht haben, wird diese Pandemie noch nicht besiegt sein. Denn die Berechnungsmodelle gehen von einer homogenen Immunisierung der Bevölkerung aus. Die haben wir bei der Impfkampagne aber nicht, weil Kinder und Jugendliche unter 16 bislang weitgehend rausfallen. Und natürlich wird sich das Virus in dieser Altersgruppe weiter ausbreiten.

Das heißt, mittel- bis langfristig wird es - wie Christian Drosten gesagt hat - nur zwei Möglichkeiten geben: Entweder man wird geimpft oder man wird sich infizieren. Einen dritten Weg gibt es aufgrund der hohen Infektiosität dieses Virus nicht. Denn diese Pandemie wird sich noch lange auf der ganzen Welt halten.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Juni 2021 um 17:20 Uhr.