Impfmobil des Deutschen Roten Kreuzes in Bremen. | radiobremen

Bundesweit beste Quote Warum Bremen beim Impfen spitze ist

Stand: 03.11.2021 10:27 Uhr

Fast 80 Prozent aller Bremerinnen und Bremer sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft. In keinem anderen Bundesland ist die Quote so hoch. Wie macht Bremen das?

Von Robert Otto-Moog, Radio Bremen

Auf dem Ziegenmarkt im Bremer Steintor-Viertel staut sich der Verkehr. Dort, wo die Menschen sonst für Obst, Blumen oder Käse anstehen, warten sie jetzt auf eine Spritze. 140 Bremerinnen und Bremer haben sich an diesem Herbsttag im Impfmobil des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gegen Corona impfen lassen, wenige Stunden später werden es deutlich mehr als 200 sein.

Eine Woche, nachdem in einer der einst größten Impfzentren Deutschlands auf dem Bremer Messegelände die letzte von rund 470.000 Spritzen verabreicht worden ist, wird in dem Stadtstaat nahezu pausenlos weitergeimpft. Im Schnitt wurden zuletzt jeden Werktag mehr als 1000 Dosen verabreicht - die niedergelassenen Ärzte nicht mitgerechnet. Schließlich will der Zwei-Städte-Staat in den kommenden Wochen die 80-Prozent-Impfquote bei den Zweitimpfungen erreichen.

Im Land Bremen sind dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge inzwischen 78,4 Prozent aller Menschen vollständig geimpft - bundesweit der absolute Spitzenwert. Dahinter liegen das Saarland (73,2), Hamburg (72,1) und Schleswig-Holstein (71,6). Der Bundesdurchschnitt liegt bei 66,8.

Wie hat es ausgerechnet das kleine Bremen geschafft, so viel mehr seiner Einwohnerinnen und Einwohner zu impfen, als alle anderen?

Armut und hoher Migrationsanteil

"Es scheint eine Kombination von mehreren Faktoren zu sein", sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Wichtig sei aber vor allem gewesen, dass Bremen schnell erkannt habe, dass es vor allem um die richtige Ansprache in strukturschwachen Stadtteilen gehe. "Neben dem Aufbau und Betrieb von gut funktionierenden Impfzentren."

Das Impfmobil des Deutschen Roten Kreuzes in Bremen. | radiobremen

Per Impfmobil direkt zu den Menschen. Bild: radiobremen

Tatsächlich hat Bremen früh untersucht, in welchen Stadtteilen besonders viele Infektionen auftraten - laut Senat als erste Großstadt in Deutschland. Das Ergebnis: Dort, wo die Armut groß und der Migrationsanteil hoch ist, steckten sich besonders viele Menschen an. In Bremen und Bremerhaven gibt es zahlreiche solcher Viertel. Und genau dort ist die Skepsis gegenüber dem Staat und seinen Behörden oft besonders groß.

"Darauf haben wir uns eingestellt", sagt Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard. "Wir sind schwerpunktmäßig in genau diese Stadtteile gegangen, haben dort geimpft. Das ist auf jeden Fall einer unserer Erfolgsfaktoren gewesen", so die Linkspolitikerin. Hinzu komme die enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Hilfsorganisationen und den Verantwortlichen vor Ort: Quartiersmanagement, Ortsämter, Vereine, Glaubensgemeinschaften, Stadtteilinitiativen.

"Wir sind da, wo die Menschen sind"

"Die Verantwortlichen vor Ort treiben das voran", sagt auch Jörg Rolfs, beim DRK Bremen für die Logistik zuständig. Und damit auch für die beiden Impftrucks des DRK. Fast jeden Tag sind die Fahrzeuge unterwegs und impfen Menschen praktisch vor ihrer Haustür. Rund 200 sind es jedes Mal, egal ob vor dem Weserstadion, am Freimarkt oder vor den Hochhäusern in Osterholz-Tenever. "Wir sind da, wo die Menschen sind", sagt Rolfs.

Das Steintor ist einen Steinwurf entfernt vom Bremer Rotlichtviertel. In die andere Richtung geht es zu einem autonomen Jugendzentrum. Das Publikum hier ist bunt gemischt, die Menschen stehen an für erste oder zweite Impfungen, einige auch für die Auffrischungsimpfung. Viele kommen gezielt, andere spontan, die Einkaufstaschen noch in der Hand. Laufkundschaft ist nicht selten.

Die Bewohner Bremens lassen sich impfen. | radiobremen

"Wir sind da, wo die Menschen sind", sagt Jörg Rolfs vom DRK. Bild: radiobremen

Neben den beiden Trucks, die das DRK bereits im April auf eigene Initiative geplant hat, gibt es noch je einen Impfbus in Bremen und Bremerhaven. In Spitzenzeiten waren zudem bis zu 20 mobile Teams zeitgleich im Einsatz. Rund 100.000 Impfdosen wurden laut Gesundheitsressort mobil verabreicht. "Impfmobile gehören zu den wichtigsten Bestandteilen einer erfolgreichen Impfkampagne wie in Bremen", sagt Epidemiologe Zeeb. Auch nach dem Ende des großen Impfzentrums sollen lokale und mobile Möglichkeiten bleiben.

Konzept der "kurzen Wege"

Auf der Suche nach dem Bremer Erfolgsrezept erscheint auch immer wieder das Bild der "kurzen Wege" - sowohl sprich- als auch wortwörtlich. "Es wurde den Bremern einfach gemacht, sich impfen zu lassen", sagt der Virologe Andreas Dotzauer von der Universität Bremen. Und das nicht nur im Vergleich zum zersiedelten Nachbarn Niedersachsen "Die Stadt ist übersichtlich", sagt Dotzauer. "Die beiden anderen Stadtstaaten Hamburg und Berlin haben es da mit ganz anderen Größen zu tun."

Senatorin Bernhard glaubt dennoch, dass das Bremer Modell zumindest in Teilen auch anderswo funktioniert hätte. "Viele unserer Entscheidungen hätten auch in anderen Ländern oder Kommunen getroffen werden können", sagt sie. Die direkte Ansprache der Menschen etwa. Gesundheit sei eine soziale Frage. "Gesundheitsangebote, Aufklärung, Informationen müssen dorthin, wo die Menschen sind und nicht nur in die Stadtteile oder Gegenden, in denen es sowieso schon viele Arztpraxen und einen guten Zugang zu Informationen und Versorgung gibt", sagt sie.

Die Mitarbeiter des Bremer DRK machen in jedem Fall weiter, nicht nur im Steintor. Aktuell kümmern sich die Helfer darum, die Trucks winterfest zu machen. Bei 80 Prozent Impfquote muss schließlich noch nicht Schluss sein. "An uns wird es nicht scheitern", sagt DRK-Mann Rolfs.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Oktober 2021 um 13:08 Uhr.