Ein Arzt impft in einer Hausarztpraxis eine Patientin gegen das Coronavirus. | dpa

Ende der Priorisierung Große Erwartungen - wenig Impfstoff

Stand: 05.06.2021 03:10 Uhr

Ab Montag kann sich jeder gegen Corona impfen - aber nur theoretisch, denn es fehlt weiterhin Impfstoff. Dass das Ende der Priorisierung manche Probleme sogar verschärft, zeigen Erfahrungen aus Baden-Württemberg.

Von Thomas Denzel, SWR und Natalie Akbari-Haddad, SWR

Das Telefon klingelt fast ununterbrochen. Vor drei Wochen hat die baden-württembergische Landesregierung die Impf-Priorisierung bei Hausärzten aufgehoben. Seitdem hat Arzthelferin Melanie Marx Duskoli es fast nur noch mit Anruferinnen und Anrufern zu tun, die einen Impftermin wollen. "Die Leute möchten und die Leute fordern", erzählt sie. "Wir haben auch schon ein unmoralisches Angebot gehabt, sprich: Wenn ich einen Termin kriege, dann könnt Ihr soundso viel Geld haben."

Thomas Denzel
Natalie Akbari-Haddad

Bestechung, Beschimpfungen, Drohungen

Neben Bestechungsversuchen kämen auch Beschimpfungen und Drohungen vor, berichtet Hausarzt Michael Eckstein, der die Praxis im badischen Reilingen betreibt. "Ich kenne einige Kollegen, die wirklich barsch angegangen werden. Die dann auch ein bisschen Angst haben und in dem Zwiespalt stehen: Gebe ich dem nach oder nicht?"

Die Erwartungshaltung der Patienten ist wegen der offiziellen Freigabe der Impfung hoch. Die Menge an verfügbarem Impfstoff aber weiterhin klein. Jede Woche reserviert Eckstein den kompletten Dienstag für Impfungen. Doch pro Woche bekommt er gerade einmal 20 Impfdosen. Er sei deshalb noch nicht einmal mit allen alten und chronisch kranken Patienten durch.

Priorisierung gilt de facto weiter

Also gilt in seiner Praxis die eigentlich abgeschaffte Priorisierung weiter. "Solange Mangel herrscht, muss ich priorisieren", erklärt der Mediziner. "Sonst liefe es ja nach dem Windhund-Prinzip: Die Schnellsten und die Stärksten und die, die am lautesten rufen, kommen dran. Und alle anderen fallen hinten runter."

Die Hausärzte in Baden-Württemberg berichten, dass in einigen Fällen Patienten, die tatsächlich krank sind, stundenlang vergeblich versuchen, ihren Arzt zu erreichen. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg rief deshalb dazu auf nicht wegen Impf-Terminen in den Praxen anzurufen, weil es ohnehin kaum Impfstoff gebe. "Wir können auch in den kommenden zwei bis drei Wochen kaum Erst-Impfungen durchführen, sagt Norbert Metke, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. "Der vorhandene Impfstoff reicht gerade, um die Zweit-Impfungen durchzuführen."

"Wenigstens fällt der Papierkram weg"

Eine etwas andere Sicht hat der Hausärzteverband Baden-Württemberg. Dort heißt es, es sei trotz allem höchste Zeit gewesen, die Priorisierung aufzuheben. Schließlich habe es ohnehin schon zu viele Schlupflöcher gegeben, die sehr häufig genutzt werden und für die Ärztinnen und Ärzte kaum nachprüfbar seien. "Es kamen plötzlich sehr viele mit Attesten, die ihnen bescheinigten, dass sie zum Beispiel die Oma pflegen oder eine Schwangere im Haushalt haben", berichtet Frank-Dieter Braun, der stellvertretende Vorsitzende des Verbands.

"Ohne die Priorisierung fällt wenigstens der ganze Papierkram weg," sagt Braun. Eine Beschleunigung der Impfkampagne - wie von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erhofft - sei aber dennoch nicht zu erwarten: "Wenn Herr Spahn nicht nur Verordnungen, sondern mehr Impfstoff liefern würde, dann wäre das etwas Anderes."

Impfzentren können nicht steuern

Von Montag an fällt die Priorisierung auch in den Impfzentren - in Baden-Württemberg und bundesweit. Sich davon eine Beschleunigung der Impfkampagne zu erwarten, hält Bernd Kühlmuß, der das Impfzentrum in Ulm leitet, für "Unfug". "Eine Beschleunigung brächte die Öffnung für alle ja nur, wenn wir bisher nicht allen Impfstoff hätten spritzen können. Und das war nicht der Fall." Tatsächlich sei der Impfstoff immer knapp gewesen. Wenn sich daran nichts ändere, dann könnten die Impfzentren - anders als die Hausärzte - die gerechte Verteilung nicht selbst in die Hand nehmen, weil sie keinen Einfluss auf die Terminvergabe haben.

"Und das ist ein Problem", findet der Impfzentrum-Leiter. "Eben hat sich die Verkäuferin gefreut, dass ihre Berufsgruppe nun dran ist - und plötzlich dürfen alle." Mehr Menschen konkurrieren nun um immer noch zu wenig Impfstoff, und die Impfzentren können diesen Wettbewerb nicht steuern. "Soll sich ein 55-Jähriger mit Vorerkrankung, der sich Sorgen um sein Überleben macht, tatsächlich mit einem 20-Jährigen um Impfstoff streiten, der schlicht wieder Party machen will?", fragt Kühlmuß.

Ob die Erfahrungen in Baden-Württemberg ein Bild der künftigen bundesweiten Situation zeichnen, wird davon abhängen, ob sich etwas bei der verfügbaren Menge an Impfstoff tut. Die Bundesregierung rechnet für Juni jedenfalls mit einer deutlichen Verbesserung der Liefermengen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Juni 2021 um 21:45 Uhr.