Der Schatten einer Frau, die ein Glas Wein trinkt, ist an der Wand in einer Kneipe zu erkennen | dpa

Alkoholismus und Lockdown Allein mit der Sucht

Stand: 17.12.2020 04:52 Uhr

Den ganzen Tag zu Hause, kaum soziale Kontrolle, wenig Ablenkung: Für Alkoholsüchtige kann der Lockdown eine zusätzliche Bedrohung sein. Auch, weil viele Gruppentherapien ausfallen.

Von Oliver Feldforth, HR 

"Ich habe mein ganzes Leben lang sehr gerne gearbeitet, war plötzlich elf Wochen alleine zu Hause", erzählt Peter, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, über seine Zeit im Home-Office. "Alles egal, ich kann ja trinken. Dabei ist es nicht einmal ein schöner Rausch."

Oliver Feldforth

Ein, zwei Bier nach Feierabend das war für ihn immer normal. Aber dann wurde Starkbier und Wodka daraus. "Und irgendwann", schildert er, "war es so weit, dass ich zwölf Stunden geschlafen habe und aufgestanden bin und das erste Starkbier getrunken habe". Peter lebt allein. Es wurde einsam im Home-Office.

Viele trinken täglich

So wie ihm geht es immer mehr Menschen in Corona-Zeiten. Und die neuen Beschränkungen könnten das noch verschärfen. Nach einer Umfrage vom Juli im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse KKH trinken jeder dritte Mann und rund jede fünfte Frau an mehreren Tagen pro Woche Alkohol, neun Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen teils sogar täglich. Die Corona-Krise habe die Situation noch verschärft: Fast ein Viertel derjenigen, die ohnehin schon mehrmals wöchentlich Wein, Bier, Sekt oder Hochprozentiges konsumieren, geben zu, dies seit der Pandemie häufiger zu tun, so die KKH.

Hans, auch er heißt eigentlich anders, trinkt abends gerne Wein. Oft eine Flasche. Zuviel, wie er selbst sagt. Dann kam Corona. "Der Lockdown hat sich so ausgewirkt, dass ich von zu Hause aus arbeite und dass ich Gelegenheit hatte auch schon tagsüber zur Flasche zu greifen", erzählt er. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das Bedürfnis hatte, früh anzufangen." Er zittere, aber wenn er trinke, höre das auf. "Ich habe mich eigentlich erst richtig einsatzfähig gefühlt."

Sowohl Hans als auch Peter haben sich Hilfe beim Caritasverband in Darmstadt gesucht. Beide machen einen Entzug.

Probleme werde mehr

Andrea Wiechert vom Suchthilfezentrum fällt vermehrt auf, dass Angehörige sich meldeten, weil Familienmitglieder mehr konsumierten. Vorher sei dies weniger sichtbar gewesen. Die Suchthilfe dort stellt schon seit Wochen fest, dass auch die Probleme mit Cannabis, Kokain und Online-Wetten zunehmen.

Wiechert sieht mit Sorgen in die Zukunft: "Wir gehen davon aus, dass wir noch in den nächsten Jahren die Folgen davon erleben werden, Menschen erkennen ja erst ab gewissem Zeitpunkt, den Leidensdruck, dass sie etwas ändern müssen."

Kaum Gruppentherapien

Gruppentherapien sind aktuell nur eingeschränkt möglich. Die Caritas hat inzwischen eine Warteliste.

Auch die Politik und die Wissenschaft nehmen sich des Themas an. Die Uni Erfurt arbeitet an einer Langzeitstudie im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Zahlen gibt es aber erst nächstes Frühjahr.

Peter und Hans hatten Glück, ihre Familien und Arbeitgeber gaben ihnen Rückhalt. Seit ihrem Entzug sind beide clean. Für eine anschließende ambulante Therapie müssen sie sechs Wochen Abstinenz nachweisen. "Das war der richtige Moment für mich in die Klinik zu gehen", sagt Hans. Ein heilsamer Schock. "Ich bin froh, dass ich jetzt alkoholfrei bin und sicher, dass es so bleibt".

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen Aktuell am 20. Oktober 2020 um 15:00 Uhr.