An der Fassade des Historischen Rathauses in Münster, wo sich die Teilnehmer der G7 treffen, weht eine G7 Fahne.  | dpa

G7-Außenminister in Münster Weltpolitik im Friedenssaal

Stand: 03.11.2022 11:07 Uhr

Im Historischen Rathaus von Münster wurde vor mehr als 370 Jahren der Westfälische Frieden verhandelt. Heute startet hier das G7-Außenministertreffen. Die Liste der Themen ist lang: der Umgang mit China, der Ukraine-Krieg und die Proteste im Iran.

Von Björn Dake und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Münster

Es ging um weit mehr als nur ein bisschen Frieden. 1648 war ein außergewöhnliches Jahr für die Weltgeschichte - und für die Stadt Münster. Einen Schlüsselmoment hat der Niederländer Gerard Ter Borch festgehalten. Sein Gemälde zeigt, wie im Historischen Rathaus von Münster der spanisch-niederländische Friedensschluss beschworen wird. Kurz darauf folgte am selben Ort - diesmal ohne malenden Zeugen - der Westfälische Friede, der blutige Kriegsjahrzehnte in Europa beendete und der als Meilenstein auf dem Weg zu einer europäischen Friedensordnung gilt.

Dieses Friedensabkommen nennt Außenministerin Annalena Baerbock "eine der Geburtsstunden des modernen Völkerrechts". Im Interview mit den "Westfälischen Nachrichten" sagte sie: "Dieses Erbe müssen wir bewahren." Es war eine bewusste Entscheidung, ihre Amtskolleginnen und -kollegen der G7, der sieben mächtigen demokratischen Industriestaaten, nach Münster einzuladen. Möge der symbolische Ort seine Wirkung entfalten. Und doch gibt sich wohl niemand der Illusion hin, dass die beiden Tage einen ähnlich friedensstiftenden Effekt haben werden wie die Ereignisse vor mehr als 370 Jahren.

 

"Kern der internationalen Krisenreaktion"

G7 - das sind Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, USA, Kanada und Japan. Im Mai war die Gruppe in Weissenhäuser Strand an der Ostsee zum ersten formellen Treffen in der deutschen Präsidentschaft zusammengekommen. Jetzt Münster. Es ist bereits die insgesamt zehnte Zusammenkunft in diesem Jahr: Der russische Krieg gegen die Ukraine hat die Arbeitsweise der G7 verändert. So beschreiben es Menschen mit langjähriger Erfahrung in der internationalen Diplomatie.

Galt es in früheren Jahren, persönliche Kontakte zwischen Außenministern zu verbessern oder über große Linien nachzudenken, sind die G7 jetzt intensiv in tagesaktuellen, ganz praktischen Aufgaben engagiert: die Ukraine bei ihrer Energie-Infrastruktur unterstützen oder die Winterhilfe koordinieren. Aus Sicht von Baerbock sind die G7 in diesem Jahr zum "Kern der internationalen Krisenreaktion" geworden.

Auch Afrikanische Union vertreten

Die Auswirkungen des Krieges reichen weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Ein Beispiel dafür ist das, was Gastgeberin Baerbock früh "Kornkrieg" genannt hat: die Blockade von Getreideexporten durch Russland. Ein unter Mitwirkung von Türkei und UNO vermitteltes Abkommen hatte Russland am Samstag ausgesetzt. Das müsse aufhören, forderte die Grünen-Politikerin daraufhin: "Ob Familien in Libanon, Niger oder Bangladesch ihre nächste Mahlzeit bezahlen können, darf nicht von den Kriegsplänen des russischen Präsidenten anhängen."

Mittlerweile können Schiffe wieder auslaufen. Das könnte für eine gewisse Erleichterung in Münster sorgen. Ernährungssicherheit ist eines der Themen, dass die G7 mit ihren Gästen aus Ghana und Kenia besprechen wollen. Beide Länder sind derzeit nichtständige Mitglieder im UN-Sicherheitsrat. Auch die Afrikanische Union wird vertreten sein. Die G7 wollen das Signal senden, kein elitärer kleiner Kreis zu sein, der sich abschotte.

Wie umgehen mit China?

Gut möglich, dass Baerbock in Münster am Rande der Arbeitssitzungen oder bei einem der vielen bilateralen Treffen auf die China-Politik der Bundesregierung angesprochen wird. Dass das staatliche chinesische Unternehmen Cosco sich an einem Terminal im Hamburger Hafen beteiligen darf, hatte Fragezeichen aufgeworfen - auch innerhalb der Ampel-Koalition. Das Auswärtige Amt erarbeitet zurzeit federführend eine China-Strategie.

Bundeskanzler Olaf Scholz kündigt unterdessen kurz vor seiner Abreise nach Peking schon einmal eine neue China-Politik an. In einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt er: "Es ist klar: Wenn sich China verändert, muss sich auch unser Umgang mit China verändern." Scholz ist zwar gegen eine wirtschaftliche Entkopplung. Einseitige Abhängigkeiten müssten aber abgebaut werden. Die G7 dürften in Münster besonders intensiv die Situation von Taiwan analysieren.

Und so ist die Liste der Gesprächsthemen lang: der Umgang mit China, der Krieg in der Ukraine oder die Proteste im Iran. Zwei Tage dauert das Treffen. Die G7-Außenministerinnen und -minister werden im Friedensaal von Münster auf Porträts derjenigen Männer schauen, die 1648 am Westfälischen Frieden mitgewirkt haben. Es ist ein Treffen an historischem Ort unter Bedingungen der Gegenwart. Am Tisch sitzen jetzt auch Frauen. Die Zeit der reitenden Boten ist vorbei. Die ersten Regierungsflugzeuge, unter anderem die Maschine mit US-Außenminister Antony Blinken, waren bereits am Mittwochabend am Flughafen Münster/Osnabrück gelandet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. November 2022 um 11:00 Uhr.