Interview

"Frauen haben den Fußball zivilisiert"

Philosoph Precht erklärt die Fußball-Euphorie "Frauen haben den Fußball zivilisiert"

Stand: 22.06.2012 00:52 Uhr

Fußball sei der Religionsersatz unserer Gesellschaft, sagt der Philosoph Precht. Und: Die Spiele seien nicht mehr Kampf oder Krieg, sondern friedliche Events. Im tagesschau.de-Interview erklärt er, wie Frauen den Fußball zivilisiert haben und wie aus der "Fast-Asi-Truppe" der 80er das nette Team von heute wurde.

tagesschau.de: Was fasziniert uns so am Fußball, warum fiebern wir mit?

Richard David Precht: Fußball hat den Charakter eines Events - eines Großevents - und auch viele Menschen, die sich beim Fußball gar nicht auskennen, möchten bei diesem Event dabei sein. Ein zweiter Aspekt: Fußball ist - wie manches andere auch - in unserer Gesellschaft Religionsersatz geworden. Das Bedürfnis, sich mit vielen anderen Menschen zusammenzuschließen und ein großes gemeinschaftliches Erlebnis zu haben, ist ursprünglich ein religiöses Bedürfnis. Das artikuliert sich heute zum Beispiel beim Fußball. Sie können das aber auch in großen Konzerten erleben oder bei der Love Parade.

alt Richard David Precht

Zur Person

Richard David Precht, geb. 1964 in Solingen, ist Philosoph und Publizist. In seinem Bestseller "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" verknüpft Precht philosophische Fragen mit Ergebnissen aus der Hirnforschung und Psychologie. Weitere Bücher: "Liebe - ein unordentliches Gefühl" und "Die Kunst, kein Egoist zu sein".

tagesschau.de: Früher war Fußball ja eine Männer-Domäne. Heute schauen beide Geschlechter gleichermaßen begeistert und glücklich beim Public Viewing. Was hat sich verändert?   

Precht: Auch das hat damit zu tun, dass Fußball heute eher Event ist als sportlicher Kampf beziehungsweise Krieg. Das hat die Fan-Kultur verändert. Ich kann mich erinnern, wie ich 1990 in einer Kölner Kneipe das WM-Endspiel gesehen habe: Die Atmosphäre war unerträglich aggressiv. Bei jedem Foul der Deutschen an einem argentinischen Spieler wurde gejohlt und geklatscht. Dass mehr und mehr Frauen beim Public Viewing oder in den Stadien mit dabei sind, hat den Fußball zivilisiert. Es werden nicht mehr in erster Linie Aggressionen ausgelebt, sondern eher Freude und Begeisterung. Natürlich gibt es nach wie vor auch die gewaltbereiten Fans. Aber auch das gehört mit zu Großereignissen, dass Menschen diese nutzen, um zuzuschlagen und ihre Aggressionen auszuleben. Insgesamt aber muss man sagen: Die Aggressivität rund um den Fussball hat ganz deutlich abgenommen.

tagesschau.de: Gilt das nur für den Fußball - oder hat sich das Land insgesamt verändert?

Precht: Die Volksaggressivität in Deutschland hat stark abgenommen. Das erste Mal konnte man das bei der Weltmeisterschaft 2006 sehen. Ein ganzes Land freute sich und feierte das Fußball-Ereignis. Aus Patriotismus ist Party-Otrismus geworden. Das ist ein großer Fortschritt.

tagesschau.de: Aber auch die Spieler treten anders auf als früher, oder?

Precht: Wir haben in der Tat eine sehr sympathische Nationalmannschaft. Das konnte man von den deutschen Mannschaften nicht immer sagen. Wenn Sie sich die Spieler der 80er-Jahre anschauen, dann waren die von ihrem Auftreten ganz anders - fast so eine Asi-Truppe. Derzeit haben wir eine unglaublich sympathische und freundliche Mannschaft mit Spielern, die sehr bescheiden auftreten. Da können wir uns wirklich freuen.

Deutsche Fans auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor in Berlin
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Torjubel unter freiem Himmel - Fußball ist längst mehr Event als sportlicher Kampf. Und jeder will dabei sein.

"Beim Fußball arbeiten wir Frust und Feindseligkeiten ab"

tagesschau.de: Wir freuen uns ja nicht nur, sondern identifizieren uns mit dem deutschen Team. Warum brauchen wir diese Identifikation?

Precht: Interessant ist, dass wir uns ja mit einem Land nicht wirklich identifizieren können. Ich kann mich mit meiner Familie identifizieren, mit meinem Freundeskreis oder auch mit dem Stadtteil, in dem ich lebe. Aber wie soll sich zum Beispiel eine Bäckersfrau aus Ludwigshafen mit einem Professor aus Oldenburg identifizieren? Beide erleben sich nicht als Teil einer Gemeinschaft. Ein Land, gar eine Nation mit über 80 Millionen Menschen, ist eine abstrakte Größe. Damit kann man sich nicht identifizieren, deshalb schlägt der Patriotismus naturgegeben auch immer über die Stränge, wird kitschig und pathetisch. Wenn wir uns aber mit den Spielern auf dem Platz identifizieren, so nehmen wir einen Umweg, um uns mit etwas zu verbinden, was eigentlich zu groß für uns ist. Um im Fachjargon zu sprechen: Die Elf auf dem Rasen sind eine metonymische Verkürzung dessen, was Deutschland ist. 

Das Ganze hat dabei durchaus eine sehr positive Wirkung: Wir arbeiten Frust, Feindseligkeiten und andere angestaute Emotionen beim Fußball-Schauen ab.  Das macht die Gesellschaft friedfertiger. Es geht ja beim Fußball auch nicht nur um Freude und Glück, sondern auch um Trauer und Niederlagen. Zum Beispiel das Ausscheiden dieser technisch so brillanten russischen Mannschaft, die gegen die viel schwächeren Griechen verloren hat. Im Fußball geht es nicht immer gerecht zu, es kommen nicht immer die Richtigen weiter - das erfahren wir ja auch anderenorts oft. Fußball spiegelt also in verkürzter Form das Leben wider.

Die Teamplayer - warum die deutsche Elf uns so begeistert

tagesschau.de: Schauen wir auf die Spiele der Deutschen. Was genau sorgt für Begeisterung und Euphorie?

Precht: Wir freuen uns an einer Mannschaft, die sehr sympathisch ist, die sehr gut als Team funktioniert und bei großen Turnieren über sich hinauswächst. Die Niederländer sind das klassische Gegenbeispiel und sind deshalb zu Recht ausgeschieden. Eigentlich haben sie die besseren Spieler als die Deutschen, aber sie funktionieren nicht als Mannschaft. Obwohl mehrere deutsche Spieler es mit den Stars aus der niederländischen Mannschaft kaum aufnehmen können, sind sie viel stärker: Denn sie agieren als Team. Das ist ihr Erfolgsrezept und eine ganz große Leistung des Trainers.

Public Viewing zur Fußball-EM 2008 in Dresden (Archiv)
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Gut drauf mit Flagge: 2008 feierten Millionen drei Wochen lang die sympathische Fußball-Nationalmannschaft - und sich selbst.

tagesschau.de:  Ist eine Figur wie Mario Gomez deshalb so umstritten, weil er eher als Einzelkämpfer und Star agiert?

Precht: Gomez ist für die meisten Menschen kein Sympathie-Träger. Er wirkt arrogant - ein Fehlurteil! Wenn man ihn in Interviews hört, dann ist er das gar nicht. Aber ihm fehlt - im Gegensatz zu Klose - jede Volkstümlichkeit. Da kommt es dann zu Fehlinterpretationen, wie wir sie zu Anfang der Europameisterschaft gehört haben: Gomez agiere als Einzelkämpfer. Wenn man sein Spiel genau anschaut, lässt sich dieser Eindruck nicht aufrechterhalten.

tagesschau.de:  Ist der Teamgedanke, den die deutsche Elf verkörpert, etwas, das wir auf unsere Gesellschaft übertragen können - von dem sich also etwas lernen lässt?

Precht: Natürlich könnte man auf diese Idee kommen: Wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie beliebt Özil oder die beiden polnischstämmigen Spieler Podolski und Klose sind, dann könnte man sagen, dies ist ein besonders gelungenes Beispiel für Integration. Mir ist das zu einfach. Die Gesellschaft funktioniert nach anderen, komplexeren Regeln. Im Arbeitsleben zählen andere Dinge als auf dem Fußball-Platz. Aber alles in allem kann man sicher sagen: Dass wir Spieler wie Özil und Podolski haben, trägt schon zur Toleranz gegenüber Ausländern in der Gesellschaft bei.

tagesschau.de:  Letzte Frage - Ihr Tipp fürs Viertelfinale?

Precht: Die Deutschen werden ihre Mühe haben gegen die Griechen - und am Ende ein 1:0 schaffen.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

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