Eine FFP-2-Maske liegt am Straßenrand inmitten von vertrockneten Blättern. | dpa

Corona-Maßnahmen Deutliche Kritik an "Freedom Day"-Idee

Stand: 19.09.2021 16:18 Uhr

Ein Ende der Corona-Beschränkungen in sechs Wochen? Mit seinem Vorschlag für einen "Freedom Day" hatte Kassenärztechef Gassen für Schlagzeilen gesorgt und wird nun kritisiert - auch aus dem Kanzleramt.

Die Forderung von Kassenärztechef Andreas Gassen nach einem sogenannten "Freedom Day", an dem alle Corona-Einschränkungen Ende Oktober aufgehoben werden, wird von Medizinern und Politikern scharf kritisiert. Kanzleramtschef Helge Braun lehnt die Forderung von Gassen ab.

Braun: "Kann noch eine weitere Welle geben"

Braun sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Von einem 'Freedom day' im Herbst (...) halte ich derzeit nicht viel. Denn es kann gut sein, dass es noch eine weitere Welle geben wird." Gut vier Millionen Menschen hätten sich bis heute infiziert, aber 20 Millionen noch keinen Impfschutz. "Das zeigt, wie groß eine neue Welle im schlechtesten Fall werden kann", so Braun. "Wir sollten erst eine Aufhebung der Beschränkungen versprechen, wenn der Prozentsatz der Durchgeimpften insbesondere in den höheren Altersgruppen deutlich gestiegen ist - wir also eine Gemeinschaftsimmunität erreichen", fügte Braun hinzu.

Gassen hatte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" die Politik in Deutschland aufgefordert, sich Großbritannien zum Vorbild zu nehmen. Dort waren am 19. Juli fast alle Corona-Beschränkungen aufgehoben worden. Gassen sagte, die Politik müsse eine klare Ansage machen: "In sechs Wochen ist auch bei uns 'Freedom Day'! Am 30. Oktober werden alle Beschränkungen aufgehoben!" Das ließe allen, die wollten, genug Zeit, sich noch impfen zu lassen.

Widerspruch zur ärztlichen Sorgfaltspflicht

Patientenschützer Eugen Brysch kritisierte, die Kassenärztlichen Vereinigungen seien "immer für eine Schlagzeile" zu haben. "Doch beim Blick in die Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeheime scheinen solche flotten Sprüche nicht anzukommen. Denn die Corona-Einschränkungen sind hier für jeden Patienten, Pflegebedürftigen und Angehörigen allgegenwärtig."

Niedersachsens Ärztekammer-Präsidentin Martina Wenker sagte der "NOZ", es widerspreche der ärztlichen Sorgfaltspflicht, "quasi Wetten auf zukünftige Krankheitsverläufe abzuschließen".

Kritik von mehreren Parteien

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte den Ansatz, "einfach mal auszutesten, was unser Gesundheitssystem aushält, wie viele Patienten auch intensiv behandelt werden können." Auch sei die Hoffnung "unrealistisch", durch die Ankündigung eines "Freedom Days" die Menschen zum Impfen motivieren zu wollen. Er schlug vor, das Ziel einer Impfquote von 85 Prozent der erwachsenen Bevölkerung auszugeben und anzukündigen, dass beim Erreichen der Marke wesentliche Lockerungen kommen könnten.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte dem NDR, jetzt so zu tun, "als sei die Pandemie ein Privatvergnügen und Ungeimpfte letztlich selbst dran Schuld und wir könnten uns jetzt von allen Schutzmaßnahmen verabschieden, das halte ich für zynisch".

Andrew Ullmann (FDP) sagte dem Sender zwar, er halte die Diskussion über eine Aufhebung der Corona-Regeln für richtig. Es sei jedoch zu früh dafür, ein konkretes Datum zu nennen. In den kommenden Wochen müsse man die Corona-Entwicklungen genau beobachten.

"Noch zu leichtsinnig"

Auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) stellt sich gegen Gassen. Sie halte die Forderung mit Blick auf den Herbst und Winter "noch für zu leichtsinnig", betonte Behrens gegenüber der "NOZ".

Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) ergänzte, niemand könne derzeit seriös garantieren, "dass wir die Situation dauerhaft im Griff haben". Sie sagte weiter: "Wir müssen die Impfbereitschaft weiter erhöhen. Daran müssen wir arbeiten, nicht an einem 'Freedom Day'".

Zuspruch von der AfD

Zuspruch erhält Gassen derweil von der AfD. Spitzenkandidatin Alice Weidel teilte mit: "Die Kassenärzte wissen besser als alle selbst ernannten Gesundheitsexperten um die Corona-Lage und den Zustand unseres Gesundheitssystems. (...) Die Notlage darf nicht zur neuen Normalität werden. Statt 2G-Regime und Lockdown für Ungeimpfte braucht Deutschland schnellstmöglich den Freiheitstag."

Über dieses Thema berichtete mdr aktuell am 19. September 2021 um 15:08 Uhr.