Selbstgemaltes Schild mit der Aufschrift "Ich will keine Impfung" | dpa

Corona-Pandemie Impfgegner - trotz schwerer Infektion

Stand: 23.11.2021 13:53 Uhr

Sie erkranken schwer und spielen Corona dennoch herunter, selbst wenn sie ins Krankenhaus kommen. Aus Sicht von Psychologen und Pflegern sind viele Ungeimpfte mit rationalen Argumenten nicht erreichbar.

Von David Meiländer und Christian Stracke, SWR

Die Welt von Werner Müller - bis zum vergangenen September war sie noch in Ordnung. Müller ist BWL-Professor an der Hochschule in Mainz und seit Anbeginn der Pandemie ein bekennender Corona-Kritiker und Impfskeptiker. "Ich bin ein Anhänger der natürlichen Immunisierung", sagt er zu Report Mainz. Müller glaubt nicht an die Gefährlichkeit des Virus.

Im September erkrankte er dann selbst, kam mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus, 18 Tage lang, überstand eine Lungenembolie. Seine Haltung aber habe das nicht verändert. "Warum sollte ich jetzt selbst diese Meinung ändern?", sagt Müller. "Dann müsste man mir unterstellen, dass ich vorher eigentlich Unsinn geredet habe."

30 Prozent noch ungeimpft

Noch immer sind rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ungeimpft und es scheint fast so, als würde das auch so bleiben. Eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums von Mitte Oktober fand heraus: 65 Prozent der derzeit nicht Geimpften wollen daran bis Mitte Dezember nichts ändern. Selbst die eigene Infektion scheint die Sicht auf die Krankheit und das Impfen oft nicht ändern zu können.

Isabella lebt irgendwo in Hessen. Ihren Namen haben wir auf ihren Wunsch hin geändert. Impfen kam für sie nie infrage. Die Krankheit hielt sie für harmlos und der Impfstoff war ihr irgendwie suspekt.

Im vergangenen Mai erkrankte sie dann, hatte sich Corona bei ihrem Sohn geholt. Die Wochen und Monate danach waren für sie nicht einfach. Die ständige Müdigkeit, Ohrensausen, Kopfschmerzen und am schlimmsten: der permanente Haarausfall. Täglich ein kleines Büschel - wochenlang. Noch heute kann sie nur zu 60 Prozent arbeiten. "Es hat schon emotional einiges mit mir gemacht. Ich habe zwischenzeitlich mal kurz gedacht, ich habe eine Depression", sagt sie.

Lieber schwere Corona-Folgen, als sich impfen zu lassen

Das Verblüffende aber ist: An ihrer Haltung zum Impfen hat das alles nichts geändert. Bis heute macht sie sich Gedanken, über bisher unbekannte Nebenwirkungen. "Mein Arzt hat mir gesagt, ich soll mich impfen lassen", sagt Isabella. "Aber das ist mir einfach zu pauschal."

Die schweren Folgen ihrer Krankheit würde sie lieber noch einmal durchleben, als sich dem Risiko der Impfspritze auszusetzen. "Schlimm wäre es für mich gewesen, wenn ich an Corona gestorben wäre." Auch in Zukunft werde sich daran nichts ändern.

"Wir erleben das praktisch jeden Tag"

Zwei Fälle über die Report Mainz auch mit Pflegern gesprochen hat. Unter anderem Michael Puncak, dem Pflegedienstleiter der Intensivstation am Christlichen Krankenhaus in Quakenbrück. Puncak steht in Vollmontur vor einer Patientin. Sie liegt auf ihrem Bett, die Haut kreidebleich, der Mund weit geöffnet. Ein Schlauch versorgt die Frau mit Luft.

Mit Impfskeptikern und Corona-Leugnern hat Puncak persönlich oft zu tun: Patienten und Angehörige, die mit dem medizinischen Personal diskutieren wollen. "Wir erleben das praktisch jeden Tag: Alles wird verleugnet. Es werden haarsträubende Sachen gesagt."

Angehörige erzählten ihm und seinen Kollegen, dass es Corona gar nicht gebe, dass das Impfen nicht helfe. Manchmal seien ihre Verwandten wenige Tage später dann tot. Wenn sie es doch schafften, sei da dieses triumphierende Lächeln, als hätten sie mit allem doch recht gehabt. "Wir versuchen hier keine Überzeugungsarbeit mehr zu leisten", sagt Michael Puncak. "Wir wissen, wie das ausgeht. Wir setzen unsere Ressourcen lieber am Patientenbett ein."

Situation in Krankenhäusern spitzt sich zu

Eine Situation, die immer dramatischer wird. "Es fängt jetzt wieder an wie im Frühjahr, dass wir praktisch auf Sicht fahren", sagt Puncak. Vergangene Woche sei jeden Tag ein Mensch auf seiner Station an Corona gestorben. Auch die Patientin auf dem Bett wird es möglicherweise nicht schaffen. Sie ist nicht geimpft und schon seit gut einem Monat hier. Ihre Infektion habe sie eigentlich schon überstanden, aber die Lunge sei so sehr mitgenommen, dass sie nicht mehr eigenständig atmen könne.

Psychologen: Anreize funktionieren nicht mehr

Auch der Psychotherapeut Christoph Schilling hat mit vielen solcher Fälle zu tun. Er arbeitet am Uniklinikum in Dresden, betreut dort auch die hauseigenen Intensivpfleger. Auch hier gebe es immer wieder Patientinnen und Patienten, die die Krankheit noch am Sterbebett herunterspielten. "Sie sind sozusagen mit rationalen Argumenten bis zum Schluss nicht erreichbar", so Schilling.  

Der Angstforscher Borwin Bandelow sieht das ähnlich, Appelle und Argumente kämen bei vielen Menschen nicht mehr an. "Weil bei diesen Leuten die Angst regiert und dann hört man eben auf die falschen Leute", sagt er. "Ich denke, Anreize werden da nicht mehr viel bringen. Man wird sie mit Bratwürsten oder Lotterien nicht mehr überzeugen können."

Patienten werden verlegt

Das aber scheint notwendig zu sein - auch um die Krankenhäuser vor der Überlastung zu bewahren. In Quakenbrück jedenfalls steht sie kurz bevor. "Wir waren in den vergangenen Wochen fast jeden Tag beim Rettungsdienst abgemeldet", sagt Michael Puncak. "Zwei Patienten aus der Notaufnahme mussten wir diese Woche schon in andere Krankenhäuser verlegen, weil die Intensivstation voll war."

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 23. November 2021 um 21:45 Uhr.

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Moderation 23.11.2021 • 20:11 Uhr

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