Geöffnete Schlagbäume in der deutsch-französischen Stadt Scheibenhardt. | Bildquelle: Stephan Lenhardt, SWR

Scheibenhardt in der Pfalz Ein Dorf - zwei Nationen

Stand: 22.01.2019 07:39 Uhr

Das deutsche Scheibenhardt auf der einen Seite wird nur durch den kleinen Fluss Lauter vom französischen Scheibenhard getrennt. Das Dorf setzt viele Hoffnungen in den neuen Élysée-Vertrag.

Von Stephan Lenhardt, SWR

"Eine Brücke, zwei Gemeinden, Brüder, Schwestern hier und dort." So besingen Franzosen und Deutsche gemeinsam den zweiten Élysée-Vertrag. Sie sind auf die Brücke über den Bach gekommen, der ihrem Chor den Namen gab: die Lauter.

In wohl kaum einem anderen Ort der Republik sind sich Deutsche und Franzosen so nah wie hier. Auf der einen Seite Scheibenhardt in der Pfalz, Deutschland. Auf der anderen Seite Scheibenhard im Elsass, Frankreich. Dazwischen nur die Lauter. Seit rund 200 Jahren ist das einst gemeinsame Dorf geteilt.

"Die Menschen, die heute Europa ablehnen, die wissen doch gar nicht mehr, was Grenzen sind", sagt Jean-Paul Bordenkircher. Er ist Präsident des Lauterchors. Er kennt die Grenze in seinem Dorf noch aus Zeiten geschlossener Schlagbäume und Zollkontrollen. Frankreich und Deutschland sind heute die wichtigsten Handelspartner füreinander in Europa. 2017 betrugen die Im- und Exporte rund 170 Milliarden Euro. 

Französische Kindergartenkinder spazieren über die Brücke nach Deutschland. | Bildquelle: Stephan Lenhardt, SWR
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Für die französischen Kindern der "Ecole Maternelle" von Scheibenhard ist der Grenzübertritt nur noch ein Spaziergang.

Bürokratie - die Grenze der Freundschaft

Für ihre Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft haben sie in Scheibenhardt schon Preise gewonnen. Auf der Grenze gibt es jedes Jahr ein gemeinsames Brückenfest. Die Kinder, die jetzt über diese Brücke laufen, scheren sich ohnehin wenig um Staatsgrenzen: Die französischen Kinder besuchen ihre Freunde in der deutschen Kita "Sonnenschein". Das machen sie mehrmals pro Jahr. Es ist ein kleiner Fußmarsch mit großer symbolischer Bedeutung.

"Eigentlich müsste das doch jede Woche passieren", findet der französische Bürgermeister Francis Joerger. Als echter Europäer ist er mit Erreichtem nie zufrieden, sagt er. Obwohl die Kinder in der deutschen Kita Französisch lernen und auch die Kinder in der "Ecole Maternelle" in Scheibenhard die deutsche Sprache. Vor vielen Jahren hatten sie hier mal den Traum eines gemeinsamen Kindergartens. Er scheiterte an unterschiedlichen Bildungssystemen, an Hürden der Bürokratie, aber auch an Schranken im Kopf der Eltern. "Gerade in der Grenzregion brauchen wir weniger Bürokratie", findet der deutsche Bürgermeister Edwin Diesel.

Bessere Anerkennung von Schulabschlüssen

Der neue Élysée-Vertrag soll dafür die Grundlage schaffen. So soll er auch bei der Anerkennung von Schulabschlüssen helfen. Es gibt zwar binationale Abschlüsse, beispielsweise das "Abibac". 69 Schulen gibt es dafür in beiden Ländern. 

Seit seiner Gründung 1963 hat das Deutsch-Französische Jugendwerk neun Millionen Menschen Austauschprogramme ermöglicht. Klingt alles gut, aber: "Vor allem die Jugend im Ort ist nicht so leicht zueinander zu führen", findet Bürgermeister Diesel. In deutschen Schulen lernen sogar immer weniger Schüler Französisch: 2006 waren es 1,75 Millionen, zehn Jahre später nur noch 1,5 Millionen.

"Wir müssen weiterkommen"

"Viele Menschen denken vielleicht: Die Grenzen sind offen. Ich kann drüben einkaufen. Das ist doch toll. Aber das reicht nicht. Wir müssen weiterkommen", appelliert der französische Bürgermeister Jaeger. Das "Scheiweda Blättel" ist eine gemeinsame Dorfzeitung, geschrieben von Scheibenhardern und Scheibenhardtern. In der aktuellen Ausgabe beschreiben sie ihren Traum von Scheibenhardt der nahen Zukunft: Ein gemeinsamer grenzübergreifender Gemeinderat, finanziert von beiden Seiten und der EU. Eine gemeinsame Schule mit Räumen auf beiden Seiten der Lauter, gemeinsame Gottesdienste und eine gemeinsame Feuerwehr. Momentan werden deutsche Löschkräfte bei einem Brand in Frankreich nämlich nicht automatisch alarmiert. Natürlich helfen sie sich trotzdem gegenseitig, wie zuletzt beim Unwetter im Juni 2018.

"Neue Möglichkeiten für die Grenzregion"

"Der Vertrag gibt neue Möglichkeiten im Grenzgebiet auf. Und die müssen wir jetzt nutzen", sagt Thomas Gebhardt, CDU. Er ist der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises, in dem Scheibenhardt liegt. Mit seinem französischen Amtskollegen aus Paris ist auch er extra nach Scheibenhardt auf die Lauterbrücke gekommen, um den neuen Freundschaftsvertrag zu feiern. "Dann hoffen wir mal, dass auch Geld fließt", antworten die Bürgermeister fast zeitgleich. Im Hintergrund marschieren die Kindergartenkinder wieder über die Brücke. Sie hatten einen tollen Tag mit ihren Freunden auf der anderen Seite der Lauter.

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 22. Januar 2019 um 00:13 Uhr.

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