Die neue Vorsitzende der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich. | dpa
Analyse

Heinrich wird EKD-Präses Chance für eine Kirche mit Haltung

Stand: 08.05.2021 17:50 Uhr

Die Synode der Evangelischen Kirche hat die 25-jährige Philosophiestudentin Heinrich zur Vorsitzenden gewählt. Sie könnte eine neue Kirche mitprägen, die auch für religiös Heimatlose wieder attraktiv wird.

Eine Analyse von Tilmann Kleinjung, BR

Die Überraschung ist der EKD-Synode gelungen. Das Kirchenparlament hat eine 25-jährige Philosophiestudentin aus Regensburg zur Vorsitzenden gewählt. 54 Jahre liegen zwischen Anna-Nicole Heinrich und ihrer Vorgängerin als Präses der Synode, Irmgard Schwaetzer. Damit hat die evangelische Kirche an einem Tag gleich mehrere Generationen übersprungen und das höchste Ehrenamt im deutschen Protestantismus und damit viel Verantwortung in die Hände einer jungen Frau gelegt.

Tilmann Kleinjung

Heinrich hat in allen zentralen Fragen, die die EKD beschäftigen, künftig ein entscheidendes Wort mitzureden. Für katholische Ohren mag diese Mischung aus Frau, Jugend und Spitzenposition (je nach Standpunkt) exotisch, bedrohlich oder verheißungsvoll klingen.

Paradiesische Zustände in der evangelischen Kirche? Wer die Reformdebatten in der katholischen Kirche verfolgt, könnte leicht diesen Eindruck gewinnen. Frauen als Pfarrerinnen? Gibt es in der evangelischen Kirche schon lange. Verheiratete Geistliche ebenso. Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare? Auch das ist in den evangelischen Landeskirchen Gang und Gäbe.

Austritte auf hohem Niveau

Und dennoch plagen die Protestanten dieselben Sorgen wie ihre katholischen Geschwister. Sie werden immer weniger. Wenn im Sommer die Kirchen die offizielle Mitgliedschaftsstatistik veröffentlichen, wird der Trend bestätigt werden: Die Austritte bleiben auf hohem Niveau. Die Kirchen leeren sich in ökumenischer Verbundenheit. Da gewährt die Corona-Krise einen Blick in eine ungewisse Zukunft: Pfarrer, die vor halbleeren Kirchenbänken predigen. Im Hintergrund läuft eine Handykamera und verbreitet die Predigt ins Netz.

Die evangelische Kirche musste sich während der Pandemie vom Kirchturmdenken verabschieden - notgedrungen. Sie will, sie muss das in Zukunft zum strategischen Prinzip machen. Die Schätzung: Die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche wird sich bis zum Jahr 2060 noch einmal halbieren. Dann wird es an jeder Milchkanne 5G geben, aber keine flächendeckende Versorgung mit Kirchen. Allein schon aus finanziellen Gründen. Weniger Mitglieder zahlen weniger Kirchensteuern.

Ohne Engagement geht es nicht

Man mag das aus theologischen Gründen charmant finden, schließlich wird seit Luther das Priestertum aller Getauften hochgehalten. Tatsächlich aber läuft in der Kirche ohne Hauptamtliche wenig bis gar nichts. Auch das ließ sich in der Corona-Krise beobachten: Engagierte Pfarrerinnen oder Kirchenmusiker haben sich was einfallen lassen, haben das Gemeindeleben am Laufen gehalten. Wo Dienst nach Vorschrift geleistet wird, ist es sehr ruhig.

Die neue Präses der EKD Synode, Anna-Nicole Heinrich, hat bei ihrer Vorstellung beschrieben, wie sie in der evangelischen Kirche heimisch wurde, als Kind einer nicht-christlichen Familie aus der Oberpfalz: Sie hat eine Gemeinde gefunden, die sie als "offen, kommunikativ und super gewinnend" erlebt hat.

Klingt wie das Erfolgsrezept für die Kirche 2.0. Eine Kirche, die sich nicht einigelt, die nicht in ihren Traditionen erstarrt, die sich nicht abgrenzt, sondern verschiedensten Menschen eine Heimat bietet und diese vernetzt. Das hat erst einmal nichts mit Digitalisierung, modernen Gottesdienstformen oder coolen Predigten zu tun. Das ist auch keine Frage des Alters. Das ist zu allererst eine Frage der Haltung. Heinrich steht für so eine Kirche, die auch für religiös Heimatlose wieder attraktiv werden kann.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Mai 2021 um 17:00 Uhr.