Jobcenter | dpa

Diskriminierungsbericht Jobcenter bevorzugen "leichte" Fälle

Stand: 29.06.2017 15:09 Uhr

In Deutschlands Jobcentern und Arbeitsagenturen existieren laut einer Studie "teils gravierende Diskriminierungsrisiken". Weil Arbeitsvermittler leichtere Fälle bevorzugten, blieben Alleinerziehende, Migranten oder Behinderte oft auf der Strecke.

Fast jeder Dritte in Deutschland hat bereits diskriminierende Situationen erlebt. Das geht aus dem neuen Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Behindertenbeauftragten und der Integrationsbeauftragten hervor. Sie kritisieren vor allem "teils gravierende Diskriminierungsrisiken" bei der Arbeitsvermittlung. Jobcenter und Arbeitsagenturen gewährten nicht allen Erwerbslosen die gleiche Unterstützung. Betroffen seien Gruppen, die es auf dem Arbeitsmarkt ohnehin schwer hätten. Dazu zählen etwa Alleinerziehende, Menschen mit Behinderungen oder Migranten.

Nachteile werden verstärkt

Dies widerspreche dem gesetzlichen Auftrag der öffentlichen Arbeitsvermittlung, gerade Personen zu unterstützen, die es schwerer haben als andere, eine Stelle zu finden. Die Arbeitsvermittlung müsse die Chancenunterschiede ausgleichen, nicht verstärken, forderte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders.

Christine Lüders | picture alliance / Britta Peders

Die Arbeitsvermittlung müsse die Chancenunterschiede ausgleichen, so Christine Lüders. Bild: picture alliance / Britta Peders

Einen der Gründe für die Diskriminierung sehen die Autoren im Kennzahlensystem der Jobcenter. Die Kennzahlen geben Auskunft darüber, wie erfolgreich ein Jobcenter Erwerbslose in Arbeit vermittelt. Für Vermittler sei es deshalb von Vorteil, sich auf Arbeitslose zu konzentrieren, die leicht wieder einen Job finden. Befristete Verträge und hohe Fluktuation, fehlende Weiterbildung und Einarbeitung der Jobcenter-Mitarbeiter führten zudem zu Mängeln bei der Vermittlung.

Lüders forderte eine unabhängige Ombudsstelle, um Betroffenen besser zu helfen.

Diskriminierung besonders im Arbeitsleben

Fast die Hälfte aller Personen mit Diskriminierungserfahrungen gaben bei der jüngsten Erhebung der Antidiskriminierungsstelle an, im Arbeitsleben benachteiligt worden zu sein. Häufig würden Bewerber mit ausländischen Namen gar nicht erst zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, sagte die Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoguz. Sie setzt sich deshalb für anonymisierte Bewerbungsverfahren ein, in denen in der ersten Runde auf Merkmale wie Alter, Geschlecht, Name und Herkunft sowie auf ein Foto verzichtet wird.

Die Behindertenbeauftragte Verena Bentele appellierte an Arbeitgeber, Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten und Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen. Vor allem in der privaten Wirtschaft gebe es "noch viele Barrieren für Menschen mit Behinderungen", erklärte Bentele.

Kaum Erfolge bei Beschwerden

Insgesamt gehen vier von zehn Betroffenen nicht gegen eine Diskriminierung vor. Diejenigen, die sich beschweren, werden laut dem Bericht nicht belohnt. Bei rund einem Viertel wiederholte sich die Diskriminierung. Nur 18 Prozent sprachen von positiven Folgen wie einer Entschuldigung oder Wiedergutmachung.

Der Bericht über Diskriminierung in Deutschland richtet sich an den Bundestag und umfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Die Antidiskriminierungsstelle legt alle vier Jahre gemeinsam mit den zuständigen Beauftragten der Bundesregierung eine solche Bilanz vor. Schwerpunkt des aktuellen, dritten Berichts ist die Arbeitsvermittlung.

Mit Informationen von Katrin Brand, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juni 2017 um 14:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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meinungsquirl 29.06.2017 • 23:25 Uhr

@15:50 von Frank65 - Diskriminierung oder effektives Arbeiten?

"Wenn ich die Wahl hab, entweder 10 leichten Fällen wieder Arbeit zu beschaffen oder mich um einem Problemfall zu kümmern, was ist dann sinnvoller?" Und jetzt rechnen wir noch mal wie ein Staat... wenn ich 11 Personen in Arbeit vermitteln soll, aber meine Kapazitäten dazu nicht ausreichen, dann wird einer von 11 zum Sachbearbeiter, um den verbliebenen 10 zusammen mit seinen bisher überlasteten Kollegen zu helfen. Sie haben da eine pseudo-Zwangslage (10 gegen einen) geschaffen, die es auf staatlicher Ebene so nicht gibt.